Unter Schurken - Der dunkle Wald

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Hinterkosch, 1021

Dunkel war der Wald, dunkel und kalt. Das Unterholz lag hier mehr als hüfthoch, und Reif und Frost klirrten in den toten Zweigen. Die Tannen reckten sich empor wie bosparanische Säulen, die das Alveransgewölbe zu tragen schienen, welches sich drohend und grau über ihnen ausbreitete. Schneeflocken rieselten von den beladenen Zweigen oder den langsam dahinziehenden Wolken, bedeckten die Haare der Wanderer mit einer dünnen Schicht aus weichem Firn, als wären die Menschen zu Greisen gealtert.
Obgleich Herr Praios mittlerweile hoch am Himmel stand, fiel doch kaum ein Strahl seiner goldenen Leuchte herab in diesen Tann. Erst als der Weg auf einer kleinen Lichtung mündete, traten die dunkelgrünen Nadelfächer zu beiden Seiten zurück und schenkten dem Mittag seinen verdienten Platz. Unwillkürlich blickten die Koscher zum Himmel auf und sahen einen Schwarm finsterer Vögel in der Höhe kreisen.
“Es sind sicher Raben“, flüsterte Rena, der beim Anblick der Boronstiere stets ein leichter Schauer über den Rücken fuhr. Das Land verdiente seinen Namen wirklich: Rabenstein. Rauh war es, wie das Krächzen der nachtfarbenen Vögel, und ebenso unheimlich. Es schien der lebensfrohen Ritterin, als liege ein Hauch von Ewigkeit über diesen Tälern und Gipfeln und Wäldern.
Sie hatte die Berge lieben gelernt, die steilen Klüfte des Amboß, vor allem aber die schwarzen, ehrwürdigen Massen des Okosch.
Doch hier war nichts zu spüren von der schweigenden Majestät der Berge ihrer Wahlheimat, sondern es war vielmehr eine Art lauernder Stille. Sie fing einen Blick des Wieseners auf. Seine Augen spähten mit eisesgrauer Kälte umher, als spüre er das gleiche wie sie.
Merwerd Stoia schnaufte. Das Laufen strengte ihn an, er fühlte jeden Knochen im Leib. Aber sein Verstand begann wieder klar zu arbeiten. Er hasste nichts mehr, als seine Lage nicht klar überdenken zu können. Doch wer vermochte schon zu sagen, ob ihn nicht bald wieder ein Schub des Fiebers ereilte – unvernünftig war es, in diesem Zustand durch den winterlichen Wald zu stolpern und einer Fährte zu folgen...
Die Fährte! Wo war sie? Und wo war der Weg? Der Baron von Vinansamt suchte mit den Blicken den Rand der Lichtung ab. Nirgendwo zeigte sich eine Lücke im dichten Wuchs, die den weiteren Verlauf des Pfades angezeigt hätte. Aber sie waren an keiner anderen Abzweigung vorbeigekommen. Der Kutscher mußte hier entlanggegangen sein.
“Wo geht’s denn weiter?“ rief Ritter Falk, der gerade einen Proviantbeutel am Sattel des Pferdes wieder festzurrte.
“Nirgendwo, wie’s scheint“, brummte der Baron unzufrieden. “Oder seht Ihr etwas, Rena, Wolfhardt?“
Die beiden blickten sich suchend um und schüttelten den Kopf.
“Seltsame Gegend“, stellte der Spielmann fest. “Sieht fast so aus, als wolle dieser Wald uns mit allen Mitteln vertreiben.“
“Würde mich gar nicht wundern, wenn der Schurke auch den Weg geklaut hat“, nörgelte Falk und ärgerte sich sehr, daß der Gegner so raffiniert sein konnte, ihnen zu entwischen.
“Die Idee ist gar nicht so abwegig, Falk“, stellte der Baron fest. “Vielleicht ist der Weg nur verborgen. Laßt uns die Lichtung genauer absuchen.“
Sie teilten sich und zogen an den Bäumen entlang, schlugen ab und an mit den Schwertern ins Unterholz oder an einen Strauch, in der Hoffnung, er würde nachgeben und den Pfad offenbaren. Mit lautem Ruf flatterte ein Rebhuhn auf, das mit seinem schwarzfleckigen Wintergefieder verborgen in einer Wehe gesessen hatte und von den Menschen aufgescheucht worden war. Es zog einen halben Kreis wie ein Boronsrad über die Köpfe der Ritter und verschwand dann über den Wipfeln. Die umliegenden Hänge gaben dumpf seinen letzten Ruf zurück.
“Verdammt!“ schrie Wolfhardt mit einem Male und schlug mit der Klinge wild gegen einen nackten, dornigen Brombeerstrauch, daß einige Ranken durch die Luft geschleudert wurden.
“Verdammt! Wo bist du, feiger Hund? Komm heraus!“
“Wohlgeboren, was ist in Euch gefahren?“ zischte der Baron von Vinansamt und packte den Wiesner am Arm.
“Wollt Ihr alles verderben?“ Und dann etwas milder: “Geduld, junger Freund – Ihr wißt doch: wer einen Dachs erlegen will, muß lange vor seinem Bau warten.“
In den Augen des Landedlen funkelte der Zorn. Die Enttäuschung über ihren Mißerfolg stand dem Spielmann deutlich ins Gesicht geschrieben.
“Ihr habt ja recht, Hochgeboren“, sagte er steif. “Aber ich hab’s satt, hinter einem feigen Räuber herzulaufen.“
“Dann wollt Ihr also aufgeben, Ritter?“ erklang da Renas Stimme hinter dem Vinansamter. “Das hätte ich nicht von Euch erwartet.“
Die Worte wirkten nicht herausfordernd, sondern enttäuscht.
“Von Aufgeben war keine Rede, aber...“, setzte Wolfhardt an.
“Kein aber!“ fiel ihm die Reckin ins Wort. “Was man anfängt, muß man auch vollenden, hat Herr Growin immer zu mir gesagt.“
“Wollt Ihr mich Knappenregeln lehren?“ schnaubte der Wiesener mit aufgerissenen Augen. “Was...?“
Er brach unvermittelt ab, als die Arbasierin ihn mit funkelnden Blicken anlachte.
“Wenn es nötig sein sollte...“, meinte sie schnippisch, zog eine Braue in die Höhe und wandte sich um. Der Spielmann schaute ihr ein paar Herzschläge nach, wie sich die Sonne in ihrem Haar spiegelte, dann drehte er sich um. Und blickte entsetzt in eine pechschwarze Fratze! Der Schrei ließ Rena herumfahren.
“Habt Ihr nicht...“, setzte sie bereits an, als sie die schwarze Gestalt hinter Wolfhardt gewahr wurde. Das Silberblatt ihrer Klinge sprang ihr wie von selbst in die Hand. Auch die andern zogen blank.