Unter Schurken - Denk an diesen Tag

Aus KoschWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hinterkosch, 1021

Brin griff nach den herrlichen Gänsekeulen in Yaquirbrucher Rotweintunke und wollte gerade seine Zähne in das duftende Fleisch mit der knusprigen Haut versenken, als er plötzlich vom Stuhl stürzte und sich auf dem erdigen Boden wiederfand. Als er die Augen aufschlug, sah er – natürlich! – den Baron über sich. Und statt des Schlegels hielt er ein feuchtes Stück Holz in der Hand.
Verwundert und schlaftrunken schüttelte er den Kopf; eine Minute länger noch hätte der Baron ihn doch wirklich schlafen lassen können. Er besann sich aber, rappelte sich auf und zog das Wams glatt.
“Was wünscht Ihr, Herr?“
Des Vinansamters Augen blickten durchdringend auf den jungen Knappen. Gerbald, der einen halben Schritt weiter neben seinem Kameraden gelegen hatte, blinzelte. Obgleich der Baron nichts gesagt hatte, brummte er:
“Dann will ich mal besser...“, und trollte sich in den Windschatten der Kutsche, um noch ein wenig zu dösen.
Brin sah den andern aus den Augenwinkeln verschwinden. Der Baron blieb vor seinem Knappen aufrecht stehen und sprach: “Brin von Garnelhaun.“
Au weia, fuhr es jenem durch den Kopf. So nannte ihn der Herr Baron nur, wenn er etwas sehr Ernstes mit ihm zu besprechen hatte; und das waren selten gute Angelegenheiten.
“Du kannst dir denken, was ich mit dir bereden möchte?“ fragte der Baron und blickte seinen Knappen scharf an. Brin senkte den Kopf.
“Ja, Hochgeboren.“
“Und was hast du mir zu sagen?“
“Ich... ich weiß nicht, Herr.“
Merwerd Stoia faßte ihn an der Schulter; der Knappe hob den Kopf und schaute in die forschenden Augen seines Lehrherrn. Mit einem Male kamen die Worte hervorgesprudelt.
“Verzeiht mir, Herr. Ich wollte Euch nicht hintergehen. Ihr entsinnt Euch noch des großen Turnieres an Herrn Blasius Tsatag? Damals, als der Puniner Magus Zordan Erillion von Hohenstein zu Angbar gastierte und versprach, die Sprößlinge des Adels auf magische Veranlagung zu untersuchen...“ – der Vinansamter zog eine Braue in die Höhe – “...nun, ich als einziger ging in sein Zelt. Es war seltsam. Ich hatte schon ein merkwürdiges Gefühl, als ich dem Meister gegenüberstand. Und dann hat er mir Fragen gestellt, ob mir schon Dinge zugestoßen seien – so ähnlich wie heute. Und er hat seltsame Formeln gesprochen und dergleichen.“
“Und was hat er herausgefunden?“ fragte Merwerd. Brin schluckte.
“Ich sei arkan qualifiziert, meinte er. Aber es sei keine besonders starke Begabung. Ob ich dennoch eine Akademie aufsuchen wolle.“
“Und was entgegnetest Du?“
“Ich war schockiert. Ich sagte ihm, daß ich dem Fürsten und dem Kaiser dienen wolle und mir die Tugenden der Leuin aufs Panier geschrieben hätte. Er aber blickte ernst und mahnte, daß man mit den Gaben der Zwölfe nicht... wie sagte er?... undankbar umgehen sollte.“
“Ein weiser Spruch“, meinte Merwerd Stoia nachdenklich und blickte wie in weite Fernen.
“Aber weshalb hast du mir nichts gesagt? Vertraust Du Deinem Lehrherrn so wenig?“
“Ach, Herr, nein! Ich... ich glaube, ich habe mich damals geschämt. Ich will doch ein guter Ritter werden und habe den Eid geschworen, mein bestes in Rondrens Handwerk zu geben. Was soll ich mit Zaubersprüchen und der ganzen Magie? Und...“
“Was und?“ hakte der Baron nach, als der Knabe stockte.
“Und ich wollte Euch doch nicht enttäuschen. Daher hoffte ich, es werde, naja, mit der Zeit verschwinden.“
Der Baron von Vinansamt, der seine Gefühle wie selten jemand hinter einer Maske aus Taktik, Strategie und Intelligenz verbergen konnte, spürte, daß er weich wurde. Aber er zwang sich, es sich nicht anmerken zu lassen.
Mit fester Stimme sagte er: “Brin. Du wirst nicht ewig mein Knappe sein. Danach liegt ein ganzes Leben vor dir, und es ist dein Leben. Es kann schrecklich sein, wenn man sich zu etwas berufen fühlt, es aber nicht ausüben darf, sondern im Zwang von Eiden und Versprechen steht, die dem eigenen Herzen zuwiderlaufen. Dein Ausbruch hat gezeigt, daß in dir wirklich große Kräfte schlummern. Vielleicht hast du noch Zeit, dich zu entscheiden. Frau Hesinde hat dir ihre Gabe anvertraut, und du weißt, daß ich die Göttin nicht minder achte als die Leuin von Alveran. Mich würdest du nicht enttäuschen, und wenn es wirklich dein Wunsch ist, die arkanen Pfade zu wandeln, würde ich auch bei deiner Schwester, der Baronin, ein Wort dafür einlegen. Sie wird zwar nicht erbaut darüber sein, wenn du dem Ritterstand entsagst...“
“Nein, Herr! Es ist mein Wunsch, den ehrenhaften Weg zu gehen! Wart Ihr es denn nicht, der mir das Rondrarium gab, damit ich das Lesen übe? Und habt Ihr mich nicht auf die Turnei mitgenommen und euch über jeden von mir gestochenen Ring ebenso gefreut wie ich selbst? Und damals, als wir am Rondraschrein standen, habt Ihr da nicht auf die Figur des heiligen Baduar gezeigt und gesagt: Sieh hin, mein Junge, das ist ein wahrer Koscher Ritter. Ihm nachzueifern ist das höchste Ziel für einen jungen Mensch von hoher Geburt?“
Er merkte, wie ihm die Tränen in die Augen traten, aber er sprach weiter: “Herr! Hochgeboren! Ich bitte Euch, schickt mich nicht fort! Laßt mich diesen ehrenhaften Weg weitergehen! Ich will Euer bester Diener und der tüchtigste Ritter sein und Euch alle Ehre machen!“
Dann flossen Brin von Garnelhaun – zum ersten Male wieder, seitdem er fünf Jahre geworden war – wirklich die Tränen über die Wangen. Merwerd Stoia umarmte ihn und klopfte ihm auf die Schultern.
“Das werde ich nicht, mein Junge. Das werde ich nicht. Du wirst ein guter Ritter, ich fühle es. Und heute hast du uns allen das Leben gerettet.“
Brin löste sich und starrte seinen Meister mit großen Augen an.
“Meinst du, wir hätten Mann gegen Mann gewinnen können, bei so vielen Schwertern? Du hast deine erste große Tat vollbracht, Brin von Garnelhaun, nicht nur ein paar Ringe auf dem Turnierplatz gestochen. Hier“, er zog einen schmalen Ring von seinem Finger, “nimm diesen Ring. Er ist vielleicht nicht sehr wertvoll. Aber er soll dir für immer eine Erinnerung an diesen Tag sein – und an deinen Lehrherrn.“
Merwerd wandte sich abrupt um und ging zu den anderen Edlen, die noch immer die Karte studierten. Verstohlen fuhr er sich mit der Hand über die Augen...