Ritter Boromils Gespür für das Moor - Die Besucher

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Neuvaloor im 1032 nach Bosparans Fall

Boromil war unruhig. Eigentlich hätten seine beiden Boten längst zurück sein sollen. Vorgestern waren sie aufgebrochen. Selbst wenn sie Hohentrutz nicht vor Einbruch der Nacht erreicht hatten, wären sie doch einen Tag später recht früh angekommen. Dann hätten sie nicht lange ausruhen müssen, sondern hätten gleich umkehren können. Oder war es umgekehrt und auf dem Rückweg hatten sich unerwartete Verzögerungen ergeben?

Vielleicht hatte Roban Grobhand von Koschtal die zwei Siedler einen Tag da behalten, etwa um genügend Zeit zu haben, alle Neuigkeiten zu erfahren. Nachrichten verbreiteten sich hier im Sumpf nicht schnell, da würden selbst weniger neugierige Naturen schnell wissbegierig. Es mochte auch sein, dass sich der Koschtaler nicht so schnell entscheiden konnte, wen er seinerseits schicken würde. Ja, es mochte viele gute Gründe geben, warum seine Siedler am Abend des zweiten Tages nach ihrem Aufbruch noch nicht wieder da waren.

Und dennoch... so tugendsam Geduld auch war, wenn er um Menschen besorgt war, die ja immerhin seine Schutzbefohlenen waren, nützte ihm diese alte Weisheit herzlich wenig. Als ob er sonst keine Probleme hätte, die ihm Kopfzerbrechen bereiten würden!

Zwar hatten die beiden Borondiener den Boden seiner Siedlung gesegnet, womit er sich sicher war, dass jeder, der hier starb, tatsächlich zu Boron gehen würde. Aber Liaiella hatte ihn noch auf einen Umstand hingewiesen, den er – aus welchen Gründen auch immer – gar nicht bedacht hatte:

Die von ihm erbetene Maßnahme würde sich nicht auf die auswirken, die bereits tot waren – oder besser gesagt, es sein sollten. Selbst wenn man die sterblichen Überreste der Klippbrühler auf einem neuen Boronsacker der letzten Ruhe zuführen würde: Es mochte noch zahlreiche weitere Tote geben, die in der näheren Umgebung waren und sich irgendwann aus dem Sumpf erheben würden. Ja, es gab sogar berechtigte Gründe für diese Annahme. Klippbrühl war nicht die erste Siedlung an dieser Stelle gewesen. Davon zeugten noch die Überreste des Turms, der mindestens aus der Zeit der Magierkriege selbst stammen sollte. Und Hardger Kusi von Mönchbach hatte ein früheres Kloster in der Nähe erwähnt.

Die Boronis hatten ihr Versprechen erfüllt, den Boden des früheren Klippbrühl zu segnen. Die gesamte nähere Umgebung derartig abzusichern, würde jedoch Monate dauern. Eine lange Zeit, während derer die beiden Geweihten nichts anderes tun könnten. Damit würden sie jedoch niemanden in Zwischenwasser und Umgebung beerdigen oder Trost spenden können. So sehr es Boromil am Herzen lag, seine Siedlung so sicher wie möglich zu machen: Es war nicht zu rechtfertigen, warum Liaiella und Balinor fern ihres eigentliches Einsatzortes für 30 Seelen so viel Aufwand betreiben sollten, während sie gleichzeitig ihrer ursprünglichen Aufgabe nachkommen und viel mehr Leuten helfen könnten. Und einem Lebenden beizustehen, den seltsame Träume oder die Trauer um eine verstorbene Person plagten, wog womöglich schwerer als das Abwehren von Untoten. Letzteres könnten andere ebenfalls erledigen, wenn auch mit ungleich härteren Methoden.

"Herr, Herr!", riss ihn die Stimme eines Jungen aus seinen Gedanken. Es war natürlich der kleine Alrik, der da angestürmt kam. Atemlos berichtete er: "Sie sind zurück... Aldur Haubenschreier und Gilia Ulfaran! Und sie haben eine wunderschöne Frau dabei, die ist ganz edel angezogen!"

Phex sei Dank! Damit war er eine seiner Sorgen los. Das war gerade noch rechtzeitig. Bei dem niedrigen Stand der Sonne hätten sie auch nicht mehr viel Zeit gehabt, um Neuvaloor noch heute zu erreichen. "Danke, Alrik! Lass Dir von Kascha etwas Süßes geben und sieh danach zu, wie Du Dich nützlich machen kannst!"

Boromil eilte den drei Reisenden entgegen. Seine beiden Siedler hielten nun, da sie wieder auf sicherem Boden waren, geziemenden Abstand zu der unbekannten Dame. "Seid herzlich willkommen in Neuvaloor! Ich bin Boromil vom Kargen Land und zu Euren Diensten!", stellte er sich mit einer galanten Handbewegung vor.

Die so Angesprochene lächelte noch etwas stärker als zuvor und fühlte sich, wenn er ihre Reaktion richtig deutete, geschmeichelt. Sie antwortete mit angenehmer Stimme. "Den Zwölfen zum Gruße, werter Ritter! Mein Name ist Danja Salderken, Maga von der Halle des Quecksilbers zu Festum, derzeit wohnhaft in Hohentrutz." "Na so etwas! Eine Graumagierin. Und da soll noch einer sagen, Roban Grobhand von Koschtal hätte keinen Sinn fürs Feine. Dabei bin ich mir sicher, er hat die schönste Einwohnerin seiner Siedlung geschickt, nur um einen Zwerg nach Hohentrutz zu geleiten." Danja lachte daraufhin ein wenig und strahlte Boromil an. Wenn der so leicht um den Finger zu wickeln sein würde, hätte sie leichtes Spiel, was den Magierturm und die Erforschung der Umgebung beträfe...

"Und ich sehe, dass der Ritter vom Kargen Land die Wahl seines Mitsiedlers offenbar zu schätzen weiß. Wie angenehm, auf jemanden zu treffen, dem feine Manieren in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheinen!" Bei dieser Antwort Danjas konnte sich Boromil ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er dachte daran, wie er bei der Erkundung der Siedlungsplätze einmal mit Roban aneinandergeraten war.

"Gestattet mir, Euch zu Eurer Unterkunft für die heutige Nacht zu begleiten. Ihr sollt alle Annehmlichkeiten genießen, die meine bescheidene Siedlung Euch bieten kann." Bevor Boromil mit der Dame zum Magierturm ging, wandte er sich noch kurz an seine beiden Siedler. "Wir reden später. Holt Euch eine Portion zu essen und ruht Euch dann aus."

Gilia und Aldur nickten, durchaus glücklich, wieder in Ihrem neuen Wohnort heil angekommen zu sein – und vielleicht auch ein wenig erleichtert darüber, die Zauberin nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu haben. Während sie noch am Tage in Anwesenheit der Magierin – einer ihnen unbekannten, magiebegabten Person – geschwiegen und im wesentlichen ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatten, spürten sie beide das Bedürfnis, über einige Dinge zu reden, als sie ihr Essen bekommen hatten.

"Die Idee mit den Wegmarkierungen ist nicht schlecht, was?", eröffnete Gilia das Gespräch. "Hm, ja.", stimmte Aldur kurz angebunden zu. "Aber ungefährlich ist es dadurch trotzdem nicht. Ich bin schon ganz zufrieden, dass wir zusammen geschickt wurden. Gegen manche wilde Tiere hat man alleine schlechte Chancen." "Was hältst Du von den anderen Siedlungen?" "Also, die beiden, die wir gesehen haben, wirken grob gesehen nicht viel besser oder schlechter als unsere. Letzten Endes siedeln wir unter ähnlichen Bedingungen. Bei Klammwinkel frage ich mich nur, wie der Ritter Grimm Goldmund von Koschtal seine Leute halten will. Tsageweihte sollen ja zu spontanen und oft merkwürdigen Ideen neigen, nicht gerade gute Bedingungen für eine solide Planung. Wenn so einer dann der Vertraute des Neusiedlers wird, ist der Ärger doch absehbar. Sicher, sie gehört genauso zu den Zwölfgöttern, aber ich habe zu Tsa noch nie so richtig einen Zugang gefunden." Gilia verzog den Mund zu einem leicht spöttelnden Lächeln. "Koscher durch und durch, was?" Aldur blickte sie etwas irritiert an, so dass sie schnell fortfuhr. "Und Hohentrutz? Dort gibt es immerhin einen strategisch günstigen Hügel." "Ja, aber der Herr des Hügels hat nicht gerade eine feine Wortwahl. Wenn ich daran denke, was er gesagt hat, als wir angekommen sind..." Nun musste Gilia lachen.

"Aber gut", ergänzt Aldur, "er hat uns ohne zu zögern eine weitere Nacht unterbringen lassen, als der Nebel so stark war, dass wir nicht reisen konnten. Lieber am nächsten Tag schneller reisen als eine Nacht mitten in der Wildnis verbringen zu müssen!" "Apropos Nacht verbringen... ist Dir eigentlich aufgefallen, dass eines der Mädchen recht angetan von Dir zu sein schien?" Haubenschreier verdrehte entnervt die Augen. "Du meinst Balbine Sackfold. Klar habe ich gemerkt, wie die sich an mich herangeschmissen hat! Aber von dieser Sorte Frauen habe ich schon immer die Finger gelassen. Die bringen nur Ärger!" Die Dunkelforsterin zog überrascht eine Augenbraue hoch ob der heftigen und ungewöhnlichen Reaktion. Der Angbarer war schließlich in einem Alter, in dem er Familie haben könnte, und allein nach Moorbrück gekommen. Da wäre doch eine Nacht mit einem hübschen jungen Ding recht reizvoll. "Eine gute Einstellung. Ich wundere mich nur, weil andere vielleicht interessiert gewesen wären..." "Genau das ist es doch! Die wollte nichts von mir persönlich, die suchte nur mal wieder einen Kerl. Aber so einer bin ich nicht, bei Travia!" Der Glockengießer beruhigte sich wieder ein wenig und fügte hinzu: "Ich habe mich mal am zweiten Abend mit einigen der Hohentrutzer unterhalten. Die scheint sich ja an alles heranzumachen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist!" Ohne es zu wissen oder bewusst darauf angelegt zu haben, war Aldur Haubenschreier an diesem Abend in Gilia Ulfarans Achtung gestiegen.

"...und aus diesem Grunde seid Ihr jederzeit höchst willkommen in Neuvaloor, auch wenn es im ehemaligen Magierturm wohl keine Schätze mehr zu erlangen gibt.", schloss Boromil seinen kurzen Monolog. Danja bedankte sich freundlich. "Habt Dank für Euer Angebot. Es könnte vor allem dann wichtig werden, wenn ich die Bodenbeschaffenheit an unterschiedlichen Stellen untersuchen möchte." Boromil lächelte. "Nehmt Euch die Zeit, die Ihr benötigt – Ihr könnt solange im Turm wohnen, wie Ihr wollt. Die einzige Bedingung gegenüber Euch ist, wie auch gegenüber anderen allen Magiern, dass Ihr Eure Zauberkunst für das Wohl der Siedlung verwendet, sofern wir dessen bedürfen." Die Magierin nickte und setzte ein honigsüßes Lächeln auf. "Es wird mir ein Vergnügen sein, Euer Wohlgeboren." Das war ja fast zu einfach gewesen! Ein Mitglied einer magiefreundlichen Familie ließ sich viel leichter zu günstigen Abmachungen hinreißen als etwa Roban. Sie hatte noch nicht einmal die Waffen einer Frau anwenden müssen, um den Ritter vom Kargen Land großzügig zu stimmen.

Da klopfte es an der Tür. "Ja, was gibt's denn?" Connar Tannhaus trat herein und hielt seine Tafel hoch, auf der geschrieben stand: "Herr, die Boronis sind bereit für die Weihe." "Ach ja, natürlich!" Boromil stand auf. "Alle Siedler sollen sich versammeln." Gemeinsam mit der Magierin ging er los.

Alleine Fackeln erhellten die Dunkelheit der Nacht, von den fernen Sternen abgesehen, die leuchteten. Ernst, aber ruhig vollzogen die beiden Geweihten die Zeremonie. Der Ritter vom Kargen Land atmete unwillkürlich etwas kräftiger aus. Dieser wichtige Schritt war vollbracht. Er zeichnete ein Boronrad in die Luft. Möge es lange dauern, bis er den ersten seiner Siedler neben die Klippbrühls legen musste! Danja Salderken schaute nachdenklich auf die Gräber des gerade geweihten Boronackers. Sie hatte weitaus schlimmere Dinge gesehen als Tote, die man zu Grabe trug, damals, im Osten... es war gut, zu wissen, dass diejenigen, die starben, auch liegenbleiben würden.

Bosper Hopfenwart, wie sich der Besucher aus Ferdok nannte, betete still, hatte die Augen weit geöffnet. Sie schienen ein wenig zu glänzen, doch nicht, weil er den Tränen nahe war. Hanno Weidentreu betrachtete das Geschehen stumm. Er schien seine Einstellung zum Reden von einem Boroni übernommen zu haben. Connar Tannhaus konnte nicht mehr reden, doch sein trauriger Blick sprach mehr als tausend Worte. Er dachte an all die Menschen in seiner Heimat Andergast, die in den vielen Kriegen gegen Nostria und durch das harte Leben vor ihrer Zeit zu Boron gerufen wurden. Zolthan Grobbfold und Kascha, der Koch, beteten inständig. Sie waren wahrhaft götterfürchtige Leute. Jallik Halmanger stand aufrecht neben ihnen, einer Statue gleich. Er erkannte die Feierlichkeit der Weihe.

Die Zwerge hatten sich an den Rand gestellt. Viele von ihnen hielten die Fackeln, denn diese waren ihnen etwas Vertrautes, im Gegensatz zum Boronkult der Menschen. Auch wenn sie diesen Glauben nicht teilten, so würdigten sie die Verstorbenen durch ihre Anwesenheit. Sie alle wussten, dass Großlinge und Angroschim aufeinander angewiesen waren, wollte man hier überleben.

Thimorn Hiligon teilte nicht die Abscheu seiner thorwalschen Vorfahren vor Boron. War er sonst ein fröhlicher Geselle, immer ein lustiges Wort auf den Lippen, so blickte er hier besonnen und ruhig drein. Den Boronis nickte er stumm zu. Es gab für alles eine Zeit – eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben...

Die Schröterwalds beteten inniglich zu Boron, auf dass er ihre Seelen nicht so bald holen möge. Das Ehepaar Wasserlieb und Algrid Bachzuber waren weniger furchtsam, aber nicht minder berührt. Caya Folmin, Tsalva Lehmfeld und Gilia Ulfaran mussten an die Heimat denken, die sie aus verschiedenen Gründen verlassen hatten. Mit jedem Neuanfang starb das Alte.

Aldur Haubenschreier war von allen am meisten ergriffen. In seinem Innern kamen alte Erinnerungen hoch. Er hatte lange mit Boron gehadert, aber letzten Endes akzeptiert, dass er dessen Entscheidungen nicht verstehen konnte. Hole mich zur rechten Zeit, und lass meinen Tod nicht vergebens gewesen sein, Herr Boron!