Ritter Boromils Gespür für das Moor - Das Geheimnis des großen Lehrers

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Neuvaloor im 1032 nach Bosparans Fall

Einen Tag, nachdem Boromil zwei seiner Siedler Richtung Hohentrutz geschickt hatte, um Roban Grobhand von Koschtal die Ankunft eines Pilzzüchters anzukündigen, trafen weitere Personen in Neuvaloor ein.

Es handelte sich um den jungen Boroni Balinor, den Boromil in Valpurg kontaktiert hatte. Ihn begleitete die erfahrenere Liaiella. Auch wenn sie bereits etwa vierzig Götterläufe zählte, sah sie mindestens zehn Jahre jünger aus. Ihre helle Haut war vollkommen glatt. Mit ihren roten Haaren und dem dezenten Lächeln, das sie sich gestattete, wirkte sie zeitlos schön. Diesmal war es kein Torfstecher, der mit ihnen durch den Sumpf reiste, sondern ein Händler aus Ferdok, der sich als Bosper Hopfenwart vorstellte. Er suchte neue Partner in der Baronie Moorbrück, und da er von der Neusiedlung gehört hatte, wollte er die neuen Rittergüter einmal aufsuchen. Natürlich bot ihm Boromil gerne ein Lager für die Nacht an und betonte, nachdem er ihn von den Geweihten fortgeführt hatte, dass seine Siedlung ganz besonders für neuen Handel zur Verfügung stehe. Er trug Caya Folmin auf, sich um ihn zu kümmern. Bosper Hopfenwart war sehr angetan und hocherfreut, nach der Reise mit den Boronis wieder mehr als nur einige Worte zu wechseln.

Den Siedlern waren die beiden schweigsamen Geweihten unheimlich und Boromil wusste nicht, ob es angemessen war, wenn er mit vielen Worten eine langwierige Begrüßung befehlen würde. Also kümmerte er sich selbst um die Neuankömmlinge, führte sie in seinen Besprechungsraum, ohne ein Wort sprechen zu müssen, und ließ Tsalva schweigend auftragen. Seinen stummen Schreiber Connar Tannhaus ließ er zugegen sein, da dieser ohnehin nicht sprechen würde und darauf spezialisiert war, schnell etwas aufzuschreiben. "Wir freuen uns über Eure Ankunft. Möchtet Ihr zunächst etwas ausruhen?" Die Geweihten lasen und nickten dann. "Wir wünschen Euch eine borongefällige Ruhe. Sobald Ihr bereit seid, können wir Euch die Gräber zeigen, um die es geht." Erneut stimmten die Geweihten stumm zu, dann wies ihnen Boromil zwei Schlafplätze im ehemaligen Magierturm zu. Hierhin würde niemand während der Bauarbeiten kommen, da wären die Geweihten ungestört.

Die beiden würden in den nächsten Tagen noch genug zu tun haben. Es galt einen Boronsacker einzuweihen, den Boden zu segnen und dann nach Grimsaus Ehr weiterzuziehen, um Rainfried von Grimsau zu helfen. Der Neusiedler hatte immerhin alte Gräber in der Nähe seines Rittergutes, und wer konnte schon sagen, ob sich in diesem Sumpf nicht irgendwann die Toten erheben würden?

Mit einem "Entschuldigt, Herr" wurde er aus seinen Gedanken wieder in die Gegenwart zurückgeholt. Vor ihm standen die zwei Bauern. Der Familienvater Alphak Schröterwald hatte ihn angesprochen, schien nun aber nach den richtigen Worten zu suchen. "Also, es ist so... wir wollen ja hier etwas anbauen... Getreide, Rüben und Gemüse... tja nun, da brauchen wir natürlich Äcker, aber..." "Nun sag es doch einfach!" Der junge Jallik Halmanger verlor die Geduld mit ihm und sprach selbst an, was ihnen auf dem Herzen lag. "Wir haben die alten Felder, die früher zu Klippbrühl gehörten, inzwischen freigeräumt. Aber wie Ihr selbst sagtet: Die Siedlung hatte viel weniger Einwohner als Neuvaloor. Das alleine reicht also nicht, um uns zu ernähren. Wir müssen weiteren Boden für die Aussaat vorbereiten, und zwar bald, denn es ist die richtige Zeit. Ich meine, das ist doch nicht vermessen, wenn ich das so direkt anspreche. Ihr seid sicherlich daran interessiert, dass Euer Gut bald auf eigenen Beinen steht, richtig?" "Ja, das stimmt. Bedenke jedoch, dass die ersten Häuser später fertig werden, wenn ich jetzt einigen von Euch die Aufgabe erteile, neue Äcker bereitzustellen." "Das macht uns gar nichts!", versicherte der Großbauernsohn aus Hochfeld seinem Herrn. "Lieber schlafen wir ein wenig länger etwas dichter nebeneinander, als dass wir die Gelegenheit versäumen, dem Sumpf ein wenig fruchtbare Scholle abzutrotzen, auf der wir rechtzeitig säen können. Ist es nicht so, Alphak?" Vater Schröterwald beeilte sich zuzustimmen. "Ja, ganz genau!"

Boromil überlegte. Er durfte sich die Zügel nicht aus der Hand nehmen lassen. Andererseits klang das, was der Drakfolder vorschlug, vernünftig, und es würde sicher nicht zu einer guten Stimmung unter seinen Siedlern beitragen, wenn er Tatkräftigkeit ausbremsen würde.

"Also gut, dann macht es so: Nehmt Euch Thoram Dornenstrauch und Jalosch Pilzanger zur Unterstützung. Die beiden sind zwar keine Entwässerungsexperten, aber sie wissen immerhin so gut wie ihr, wie man etwas heranwachsen läßt. Der Pilzzüchter will uns zwar bald wieder verlassen, aber solange er noch hier ist, muss er anpacken wie alle anderen auch. Und wenn der Brombeerenzüchter irgendetwas Wichtiges sieht, was das Heranziehen von Hecken rund um die Siedlung behindert, dann soll er sich direkt an mich wenden!"

"Jawohl, Euer Wohlgeboren! Wird so gemacht!" Entschlossen stapfte Jallik Halmanger davon, dicht gefolgt vom Waldbauern aus Bragahn.

"Ich wüsste etwas, um die Sache zu beschleunigen und die Siedlung voranzubringen." Denderan Sohn des Dragoran hatte wohl zumindest den letzten Teil des Gespräches mitbekommen und stumm in der Nähe abgewartet, ganz so, wie es seiner ruhigen, überlegten Art entsprach. "Und was wäre das?" "Einen kleinen Entwässerungsgraben haben wir bereits angelegt. Aber auf die Dauer werden wir eine ganze Reihe solcher Kanäle benötigen, um Wasser und Land voneinander zu trennen. Und wenn die Bauern erst einmal mehr Felder haben, müssen sie diese in den heißen Monden bewässern können." "Also sollen wir parallel zur Vergrößerung unserer Ackerfläche auch noch Gräben ziehen?" "Ja, das halte ich für sehr wichtig. Als wir den Keller trockengelegt haben, sah man sofort, wie wichtig eine Abflussmöglichkeit ist. Mit einigen Helfern kann ich mich ans Werk machen. Für das Ausheben der Keller werden meine Dienste nicht mehr benötigt, das ist jetzt vor allem Grabearbeit." "Aber jeder Angroscho, der nicht mehr Keller gräbt, verzögert den Bau der Gebäude." "Das weiß ich, und deswegen schlage ich vor, dass mir – zumindest eine Weile – einige der Menschen helfen. Da waren doch sowieso einige, die mit Wasser zu tun haben, wenn ich richtig verstanden habe." "Ulinai und Ibrom Wasserlieb sowie Algrid Bachzuber, das stimmt. Na gut, wenn das für die Arbeit der Bauern wichtig ist und die anderen Angroschim weiter an den Häusern arbeiten, können wir so vorgehen. Aber wenn wir schon von Wasser reden: Was ist mit einem Brunnen? Wie einfach wird so etwas hier zu graben sein?" Der zwergische Mechaniker verzog den Mund. "Das wird wohl nicht ganz so leicht werden und kann eine Weile dauern. Im Moment können wir Wasser noch vom Fluss holen. Es stimmt allerdings, dass wir Trinkwasser möglichst nah haben sollten. Ich meine, dass wir uns darum kümmern sollten, wenn die Entwässerungsgräben soweit sind. Dann ist klar, wo wir noch buddeln können und wo nicht." "Einverstanden, dann macht es so." "Ja, Herr." Der Zwerg ging davon, um die drei Menschen zu holen, die ihm bei seinem Vorhaben helfen sollten.

Boromil atmete tief durch. Ein erfolgreicher Herr eines Lehens zu sein, bedeutete vor allen Dingen, dafür zu sorgen, dass die Untergebenen allzeit beschäftigt und bei Laune waren! Er überlegte kurz. In Kürze stünden einige unangenehme Entscheidungen an. Jeder seiner Siedler träumte seinen eigenen Traum vom neuen Leben, doch erfüllen konnte Boromil sie nicht alle gleichzeitig. Ließ er etwa jetzt schon einen Stall für das Vieh errichten, müssten Mensch und Zwerg längere Zeit auf engerem Raum zusammenwohnen. Auch an eigene Werkstätten für die Handwerker war noch nicht zu denken! Sie mussten notgedrungen entweder im Freien arbeiten oder in den Wohnräumen. Das alles würde wohl nicht jedem gefallen – doch zuerst mussten die ordentlichen Wohnhäuser errichtet werden. Was hatte Vogt Morwald Gerling noch gesagt? Das zur Verfügung gestellte Baumaterial würde für drei große oder sechs kleine Häuser reichen. Wenn man das, was von den Gebäuden Klippbrühls übriggeblieben war, wiederverwendete, mochten es noch ein oder zwei kleine Häuser mehr werden. Dazu käme noch der Magierturm. Außerdem gälte es zu bedenken, dass jedes Haus durch die fachkundigen Arbeiten einen stabilen Keller bekommen würde. Dennoch würde es in den ersten Jahren noch recht eng werden, wenn man bedachte, dass nur eine Familie und zwei weitere Ehepaare in Neuvaloor wohnten und die anderen erst noch miteinander vertraut werden mussten. Eines der Häuser, die er errichten lassen wollte, hatte Boromil den Ambosszwergen versprochen. Wahrscheinlich würde keiner der Menschen bei ihnen wohnen wollen und bei den Hügelzwergen hatte er auch seine Zweifel. Aber diese Angroschim waren eine hinreichend große Gruppe, um diese Entscheidung zu rechtfertigen, und Boromil gedachte, sein Wort zu halten.

Da fiel ihm etwas ein. Der Ritter vom Kargen Land suchte Olgosch Sohn des Ogrim auf, den Anführer der Ambosszwerge. "Da ist eine Sache, die wir zu besprechen haben." "Gerne, sofort." Boromil erläuterte seine neuesten Entscheidungen und verschwieg nicht, was das für Konsequenzen hätte. Außerdem klärte er den Zwerg darüber auf, dass er in wenigen Wochen verreisen würde und alle Arbeiten auch ohne seine Anwesenheit weitergehen müssten. "Mein Vater schickt mir Parinor vom Rittergut der Familie. Er ist ein vernünftiger Kerl. Zwar kann er keine größeren Entscheidungen ohne mich fällen, aber wenn ich ihm meinen Plan erläutere, sollte er zurechtkommen – vorausgesetzt, er hat ebenfalls die Unterstützung der Zwerge." Die letzten Worte betonte er auf besondere Weise. "Ich habe schon verstanden, Euer Wohlgeboren. Keine Sorge, ich geben schon acht, dass die anderen weiterarbeiten und hier nichts aus dem Ruder läuft. Parinor kann sich immer an mich wenden, wenn es Probleme gibt und er Rat braucht." "Sehr gut. Das wollte ich hören."

Es war kaum zu glauben, an wie vielen Stellen Boromil sich mit seinen Siedlern absprechen und Entscheidungen treffen musste. So verging der Tag wie im Fluge, obwohl er am Abend den Eindruck hatte, keine größere Arbeit erledigt zu haben. Immerhin waren die beiden Geweihten am späten Nachmittag ausgeruht genug, um einen kleinen Rundgang durch die Siedlung zu unternehmen und sich zeigen zu lassen, wo sie in nächster Zeit tätig werden würden. Liaiella schlug vor, den Boronsacker erst zu weihen, wenn Gilia Ulfaran und Aldur Haubenschreier zurückgekehrt wären. Man wäre sicherlich noch lange genug damit beschäftigt, den Boden zu segnen. Boromil war einverstanden. Es wäre sicherlich besser für das Gemeinschaftsgefühl, wenn alle bei der Zeremonie anwesend wären.

Beim Abendessen hatten die beiden Köche noch einen Platz direkt neben sich frei für den Gast, ebenso wie das Baderehepaar und das Waschweib, doch Bosper Hopfenwart genoss offenbar die Nähe der Rakulbruckerin. Auch saß die Töpferin aus Salmingen nicht weit von ihm und verwickelte ihn bald in ein Gespräch. Der Händler schien wohl das gute Aussehen seiner Tischnachbarinnen zu genießen, nicht jedoch die vielen Fragen von Tsalva Lehmfeld. Nun, man bekommt nicht das eine ohne das andere, stellte Boromil innerlich schmunzelnd fest.

Nach dem Mahl verteilte Bosper Hopfenwart eine Runde Gebrannten an die Siedler. Er erhob seinen Becher auf die neue Siedlung und ihre Bewohner. Nachdem alle getrunken hatten, suchte er seinerseits das Gespräch mit einigen von ihnen. Hanno Weidentreu blieb wortkarg wie immer, aber die Schröterwalds hatten einiges zu erzählen. Boltsa erwähnte das schöne Bragahn, das gar nicht so weit sei, nur über die Warna hinweg und man sei gleich da. Großvater Ugdalf plauderte munter drauf los, vom Wetter, das früher immer besser gewesen sei, über das Holz aus dem Wald und ob man es wohl verkaufen könnte, bis zum Ferdoker und was der Besucher doch für ein Glück habe, aus Ferdok selbst zu kommen. Firnia fragte, ob er beabsichtige, auch Schmuck und schöne Kleider hierhin zu liefern, worauf sie sich einen tadelnden Blick ihrer Mutter einfing. An teure Sachen aus der Hauptstadt der Grafschaft war für die Tochter eines Waldbauern wohl kaum zu denken. Der kleine Alrik wollte wissen, ob der Händler bei seinen Reisen schon einmal Räuber oder Orks getroffen habe. Dieser verneinte das. Phex sei ihm gnädig gewesen und er sei weder ausgeraubt worden, noch habe er einen Kampf auf Leben und Tod ausfechten müssen.

Anschließend redete Bosper Hopfenwart mit den drei Fürstenhortern. Zolthan Grobbfold fragte, welchen Eindruck der Händler von der neuen Siedlung hätte. "Nun, ich sehe viele fleißige Menschen und Zwerge. Natürlich hat die Neusiedlung gerade erst begonnen, das ist ja allgemein bekannt, aber der Herr von Neuvaloor ist gastfreundlich und seine Bewohner tapfer und tüchtig." Der Rossknecht war zufrieden mit dieser Antwort und ergänzt seinerseits. "Noch ist der Grundstein ja nicht offiziell gelegt, und auch der Schrein muss erst noch geweiht werden!" "Ach ja, der Schrein... wie war das denn noch, bezahlt den nicht unser geliebter Fürst Blasius?" "So ist es!" "Ach ja. Gar nicht unpraktisch. Ein Kollege aus Angbar hat mir erzählt, dass die Schreine in der Hauptstadt gefertigt werden. Also braucht das Geld gar nicht erst den langen Weg bis hierhin transportiert werden, sondern wandert direkt aus der fürstlichen Schatulle in die Kassen der dortigen Handwerker." Nun mischte sich Arombolosch Rüsslinger in das Gespräch ein. "Und denkt nur, es wird ein Phexenschrein!" "Na so etwas! Das ist doch höchsterfreulich für jemanden, der meinen Beruf ausübt." "Jaja, wenn das kein günstiges Zeichen für den Handel ist! Bitte, wenn Ihr Phex ehren wollt, dann erzählt das doch Euren Partnern in Ferdok." "Das werde ich. Versprochen." Bosper Hopfenwart lächelte freundlich. Der Schweinehirt setzte fort. "Gut, ich selbst handele höchstens ab und zu mit Schweinen, aber ich finde auch die anderen Aspekte von Phex gut." Nun zog sein Gesprächspartner die Augenbrauen hoch. "Wirklich? Das ist ja erstaunlich. Das höre ich von anderen Leuten nicht so oft, wenn ich unterwegs bin." "Phex möge uns Glück geben für den Neuanfang.", brachte sich nun Roglima Rüsslinger ein. Der Händler nickte zustimmend. "Umsonst gibt Phex nichts, aber er hilft den Tatkräftigen. Und das sind die Einwohner von Neuvaloor, wie ich heute gesehen habe." "Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Phex. Sage ich doch immer!", war der rothaarige Zwerg sichtlich erfreut.

Die Boronis kamen nun, nachdem sie vorher den Boden der leerstehenden Gebäude gesegnet hatten. Sie zogen es vor, ihr Abendessen zu zweit und schweigend einzunehmen. Liaiella wünschte in beider Namen den anderen einen erholsamen Schlaf und angenehme Träume. Die meisten Siedler zogen sich nun zurück – bis auf die Nachtwachen, die sich um die Siedlung verteilten. Auch Boromil legte sich hin.

Doch irgendetwas ließ ihn nicht durchschlafen. Mitten in der Nacht wachte er auf. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass er etwas nicht bedacht hatte oder tun musste. Fast war es wie damals bei der Besichtigung der Siedlungsplätze, in der Nacht vor der Vergabe. Und doch war es anders, denn damals war seine Aufgabe klar gewesen; er hatte mit Steinmarkierungen seine Präferenzen bekunden müssen. Diesmal jedoch schwebte in ihm fast nebelgleich ein unbestimmbarer, nicht greifbarer Eindruck, wie ein Rätsel, das er lösen musste. Jetzt verfolgt mich der Nebel schon bis in den Schlaf, dachte sich Boromil und beschloss, ein wenig draußen herumzugehen, um dadurch Klarheit in seinen Geist zu bringen. Er gab einer Wache kurz Bescheid, damit er nicht für einen Eindringling gehalten würde, und starrte dann eine ganze Weile in den Nachthimmel. Der Nebel hatte sich ausnahmsweise verzogen – vielleicht ein gutes Omen, um dasselbe Ergebnis auch in seinem Kopf zu erreichen.

"Sind Phex' Edelsteine nicht wunderschön, wie sie da am Firmament erstrahlen?", hörte der Ritter vom Kargen Land plötzlich eine Stimme nur wenige Schritte von sich entfernt. Erschrocken fuhr er herum. Es war der Händler! Aber er hatte ihn gar nicht kommen gehört... Bosper Hopfenwart hob beschwichtigend die Hände. "Ich kann öfters mal nicht schlafen, und da gucke ich mir gerne die Sterne an, das finde ich immer tröstend. Falls ich Euer Wohlgeboren überrumpelt haben sollte, so bitte ich vielmals um Vergebung. Ich habe einen leisen Gang, das sorgt manchmal für Verwirrung." Obwohl das alles ehrlich klang und freundlich gesprochen wurde, wollte sich die Erleichterung über diesen harmlosen Zwischenfall bei Boromil nicht einstellen. Er konnte nicht sagen, warum, beschloss aber, mit Fragen der Sache auf den Grund zu gehen. Vielleicht ließ sich dieses diffuse, irritierende Gefühl so vertreiben. "Wenn Ihr Phex so sehr verehrt, dann müsste Euch doch auch der Nebel gefallen. Ist er nicht ebenfalls phexgefällig?" "Ja, natürlich. So hat man bei jedem Wetter nachts etwas, worüber man sich freuen kann." "Hier in Moorbrück hat man auch meistens am Tag etwas davon. Aber dann dürfte Euch das weniger recht sein, denn Ihr reist sicherlich lieber, wenn Ihr Euren Weg seht, oder?" "Wer seinen Weg kennt, der findet ihn auch im Nebel. Doch wer ihn noch nicht weiß, muss erst Klarheit haben, ganz recht." "Apropos Klarheit, da fällt mir etwas ein, das mir noch nicht ganz klar ist... hattet Ihr nicht gesagt, Phex gibt nichts ohne Gegenleistung? Wenn Euch sein Wesen so teuer ist, warum habt Ihr dann den Alkohol einfach so verteilt? Ihr hättet ihn doch als sensationelles Sonderangebot verkaufen können." "Kleine Geschenke erhalten die Gastfreundschaft. Außerdem wissen jetzt alle, wie er schmeckt, und können über mich Nachschub bestellen." Boromils Geist erwachte langsam. Er war auf der richtigen Spur! "Seltsam, Ihr habt gar nicht den genauen Namen des Getränkes genannt – oder die Herkunft oder den Hersteller oder die guten Zutaten angepriesen. Das macht man doch sonst, wenn man etwas verkaufen oder für etwas werben will." Das Lächeln des Händlers erstarrte kurz und er zwinkerte, bevor er wieder einen arglosen Gesichtsausdruck annahm. In Boromils Kopf hingegen ordneten sich die Gedanken immer mehr und er fuhr schnell fort. "Und da ist noch etwas, was mir aufgefallen ist. Wenn Ihr Handelskontakte knüpfen wollt, warum habt Ihr Euch beim Abendessen an keinen der Ferdoker gehalten? Die könnten Euch doch eventuell schon kennen und müssten gar nicht erst überzeugt werden. Und dass die hübsche Töpferin so viel von Euch wissen wollte, war Euch auch nicht recht, obwohl Ihr sehr gerne von Euren Waren und Kontakten erzählen müsstet. Jeder ist doch stolz auf das, was er zu bieten hat!" Boromil war, als fiele ihm ein Schleier von den Augen. "Aber Ihr habt Euch die Siedlung angesehen und Euch bei vielen Leuten Informationen eingeholt, außer bei denen, die Euch aus Ferdok kennen könnten." Er zeigte entschieden mit dem Finger auf Bosper Hopfenwart. "Ihr seid kein Händler! Ihr habt uns angelogen!" "Ich sehe, Ihr habt begriffen."

Der Angesprochene hatte bei den letzten Worten immer mehr amüsiert-anerkennend genickt, bis er schließlich in ein überlegenes Schmunzeln ausbrach. Instinktiv griff Boromil an die Stelle, an der er sein Schwert zu tragen pflegte, doch einen Augenblick später dämmerte ihm, dass er seinen Waffengurt nicht angelegt hatte! Bosper Hopfenwart winkte ab und lachte stumm. "Denkt Ihr denn, ich würde Euch jetzt angreifen? Wenn ich Euch töten wollte, hätte ich das schon vorhin erledigen können. Ihr hättet mich nie kommen hören!" Seine Augen waren nun weit aufgerissen und funkelten. Boromil wich einen Schritt zurück in Anbetracht eines Gegners, der den richtigen Moment ausgesucht hatte, um ihn ohne Waffe anzutreffen und dessen Fähigkeiten den seinen anscheinend überlegen waren. Sonst würde dieser nicht offen sprechen. Alles in seinem Inneren schrie Boromil zu, er solle sofort die Wachen rufen, aber er war auf eine seltsame Weise fasziniert von diesem Mann und konnte den Blick nicht von ihm lassen. Deutlich eingeschüchtert stanmelte er: "Wer... wer seid Ihr und was wollt Ihr?" "Die Frage ist doch, was Ihr wollt. Schließlich komme ich nicht ungebeten. Ihr selbst habt mich doch eingeladen!"

Der Unbekannte hatte eine Augenbraue hochgezogen und blickte nun etwas spöttisch auf den Neusiedler. Boromil hingegen, der bis eben noch gedacht hatte, er hätte einen Dieb oder Spion entlarvt, verstand auf einmal gar nichts mehr.

Der Händler, der keiner war, verschränkte die Arme und wartete einige Sekunden ab. Dann schüttelte er den Kopf und griff mitleidig seufzend in sein Gewand, aus dem er ein Schriftstück hervorholte. "Hier, lest doch selbst, oder schaut zumindest auf das Siegel. Das werdet Ihr doch wiedererkennen." Er hielt Boromil den Brief hin, der ihn schnell an sich nahm und überflog. Aber ja doch, das war seine Unterschrift... oh, wie konnte er nur so dumm sein! Natürlich, jetzt ergab alles einen Sinn!

Sichtlich erleichtert schlug er einen ruhigeren Tonfall an. "Verzeiht, Euer Gnaden, aber mit einem solchen Auftritt hätte ich nicht gerechnet!" Bosper Hopfenwart breitete wie zur Verzeihung die Arme aus und legte den Kopf schief. "Ach, das macht nichts.", antwortete er, "schließlich habt Ihr meinen kleinen Test bestanden. Und seien wir ehrlich: Wie könnte sich die Phex-Kirche bei der Moorbrücker Neusiedlung besser einfinden als mit List und Heimlichkeit? Das war doch zünftig, das müsst Ihr zugeben!" "Fürwahr, und fast wäre es Euch gelungen, nicht nur meine Siedler zu täuschen, sondern auch mich. Hätten wir heute nacht nicht miteinander gesprochen, es wäre mir wahrscheinlich nicht einmal richtig aufgegangen, was nicht an Eurer Geschichte stimmte." "Zuviel der Ehre. Doch nun gestattet mir meinerseits eine Frage. Warum Phex? Ein persönliches Verhältnis zu einem Geweihten kann es ja nicht sein, denn Ihr habt das Schreiben an keinen bestimmten adressiert, nicht einmal den genauen Tempel angegeben. Der Bote hat wohl ganz schön bedröppelt geschaut, als er in einer Kneipe auf dem Weg nach Angbar von seinem Auftrag erzählt hat. Da gibt ihm ein junger Adeliger nicht nur eine Beschreibung des gewünschten Aussehens für den Schrein mit, die er an die Handwerker der Hauptstadt zu übergeben hat, sondern einen zweiten Brief, der nur ganz allgemein an die Phex-Geweihten des Kosch gerichtet ist. Glücklicherweise hat danach einer von unseren Leuten das Schriftstück in der Posttasche gefunden." So wie der Geweihte es erzählte, war sich Boromil sicher, dass einer seiner Mitbrüder das Schriftstück gestohlen hatte. "Übrigens, wieso habt Ihr die Botschaft so ungenau adressiert?" "Nun, wie Ihr selbst sagtet: Dem Tatkräftigen hilft Phex. Ich wollte sehen, wer Phex am nächsten ist und es schaffen würde, den Brief zu bekommen und mit ihm hierher zu kommen."

Bosper Hopfenwart nickte nun freudig und schwenkte den erhobenen Zeigefinger. "Ganz hervorragend, das war sehr gottgefällig! Doch habt Ihr meine Neugier bezüglich der ersten Frage noch nicht befriedigt." Boromil erwähnte zunächst seine Idee von den sechs verschiedenen Schreinen in den neuen Rittergütern. "Gut bedacht, werter Ritter, aber würde man nicht zuerst an den Götterfürsten denken?" "Wie heißt es doch: Die Macht des Praios überstrahlt alles, aber die Nacht ist oft länger als der Tag." Der Geweihte kicherte vergnügt bei dieser Weisheit, die Boromil einst im Unterricht über die Zwölfgötter gelernt hatte. Er fuhr fort: "Der vermeintlich schwächste der Zwölfe könnte sich in Wirklichkeit als der stärkste von allen herausstellen. Wenn Ihr oder einer Eurer Mitbrüder den Schrein weiht, dann kann plötzlich alles anders werden. Nebel zieht auf? Kein Grund zur Sorge, solange niemand reisen muss – Phex liebt den Nebel, was sollte man sich also vor ihm fürchten. Es wird schnell dunkel im Moor? Phex sei gepriesen, dann sehen wir eben umso öfter seine Sterne. Diebe wollen uns bestehlen? Das wird man nicht immer verhindern können, aber für sie wird es auch nicht so einfach. Wer etwas nimmt, kann nie sicher sein, ob er phexgefällig handelt oder im Gegenteil die Ungnade des Listigen auf sich zieht, weil er den Menschen und Zwergen an einem Ort seiner Verehrung schadet. Räuber wollen uns überfallen? Dann stellen sie sich gegen Phex, der nicht nur Brutalität ablehnt, sondern dessen Aspekte Nacht und Heimlichkeit sind. Wer von dem lichtscheuen Gesindel will es sich mit so einem Gott verderben? Dieselben Gesetzlosen klagen, die Götter hätten sie verlassen? Nicht bei Phex! Niemand kann sich damit herausreden, dass er von Verbrechen leben muss, weil ihn ohnehin keiner mehr schützen will. Im Gegenteil, Phex mag die letzte Chance sein für die, die sonst nichts haben."

"Sehr schlau überlegt. Phex ist für alle; er wendet sich nicht ab von denen, die in Zwielicht oder Dunkelheit sind. Ihr müsst wissen, dass ich noch einen weiteren Grund hatte, meine wahre Identität nicht sofort preiszugeben: Ich wollte Euch und Eure Siedlung erst kennenlernen, um zu wissen, mit wem ich es zu tun habe. Was Ihr sagt, gefällt mir. Ihr habt einige Wahrheiten erkannt, über die andere Angehörige Eures Standes nie nachdenken. Ich will Euch noch einige Dinge sagen, die Euch in Eurem Glauben, die richtige Wahl getroffen zu haben, stärken sollen." Boromil spitzte gespannt die Ohren. Ob er heute nacht noch etwas wichtiges lernen würde? Der Geweihte begann seinen Vortrag.

"Vor Phex sind alle gleich. Ihr meint, das treffe doch viel eher auf Boron zu? Das mag sein – es gilt aber erst im Tod. Phex blickt bereits zu Lebzeiten auf alle gleichermaßen. Der Listige ist ihm lieb – egal welcher Herkunft er auch sein mag.

Phex ist Freiheit! Nicht umsonst heißt es in seiner Kirche: Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Damit ist nicht gemeint, dass die zwölfgöttliche Ordnung in Frage gestellt wird. Doch selbst ein Unfreier hat Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, so gering sein Spielraum auch sein mag. Und der Schlaue mag über den Dummen triumphieren, egal welchen Standes die beiden sind. Darum tut Ihr gut daran, nicht allein mit Stärke und Autorität zu herrschen. Das fordert die Gewitzten unter Euren Untergebenen nur heraus, zu zeigen, dass sie mehr im Kopf haben als Ihr. Am Ende mögt Ihr Euch mit Gewalt durchsetzen, doch wird Eure Herrschaft nicht von Dauer sein. Wenn allein körperliche Überlegenheit zählen würde, dann müssten Orks über Menschen herrschen, Oger und Trolle über diese und noch darüber Riesen oder grausame Drachen. Wer würde eine solche Weltordnung rechtfertigen wollen? Wohl niemand, der bei Verstand ist. Doch ich bin unbesorgt, denn nach allem, was ich bisher gesehen habe, bin ich überzeugt, dass Ihr Eure Leute gut behandelt.

Phex ist Magie und Wissen! Ihr denkt, das seien doch die Dinge der Herrin Hesinde? Dann schaut Euch noch einmal die Sterne am Himmel an, wie sie funkeln und leuchten, und sagt mir danach ins Gesicht, dass ihnen keine Magie innewohnt. Und ein Tulamide wird Euch sowieso erzählen, dass Phex die Gottheit der Magie ist. Was nun das Wissen betrifft: Nichts gegen Hesindeschulen, in denen einfache Leute manche nützliche Sache lernen, aber dieses Sammeln und Aufbewahren von Büchern, wie es in Akademien und Bibliotheken geschieht, was hat es mit Wissen zu tun? In Wirklichkeit wird doch auf diese Weise oft das Wissen von den Leuten ferngehalten! Der Listige hingegen liebt jenes Wissen, das auch angewandt wird. Es gibt daher keine bessere Schule als das Leben - Phex ist dort Lehrmeister. Das Geheimnis des großen Lehrers besteht darin, seine Prüfungen zu erkennen und sich ihrer als würdig zu erweisen!" Das Gesicht des Geweihten hatte begeisterte Züge angenommen bei seinem Vortrag, Seine Augen schienen zu glühen.

Boromil senkte ehrfürchtig sein Haupt. "Ich danke Euch für diese Lehren. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles davon auf Anhieb verstehe, doch die Zeit mag Einsicht bringen." Bosper Hopfenwart nickte zufrieden. "Gut, sehr gut. Der Tempel, dem ich diene, wird Euch einen Geweihten schicken, um den Schrein zu weihen, wenn es soweit ist. Vielleicht bin ich es sogar selbst...." "Gestattet mir eine Frage: Ist Bosper Hopfenwart überhaupt Euer richtiger Name?" "Spielt das eine Rolle? Ihr könnt mich auch Mondschatten oder Meister Phexgnade nennen – das Ergebnis bleibt das gleiche: An den Taten soll man gemessen werden!" Der Geweihte gähnte. "Doch nun ist es Zeit, sich auszuruhen. Werter Ritter vom Kargen Land, es ist mir eine Freude, mit Euch so offen gesprochen zu haben! Ebenso erfreut werde ich sein, wenn Ihr meine Tarnung gegenüber Euren Siedlern nicht ohne Not preisgebt." Die beiden Männer verabschiedeten sich und zogen sich zurück, um noch ein wenig Schlaf zu erhaschen. Und einer der Sterne schien für einen Moment etwas heller zu leuchten, so als ob der Himmel selbst zwinkerte.