Odilbert und Niope - Auf dem Weg nach Grauensee II

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Zwischenwasser, 3. Travia 1042

Er freute sich über die Maßen. Am liebsten hätte er seinem Pferd die Sporen gegeben und wäre einfach davongeprescht – so wie früher, als er mit Edelbrecht und seinen »jungen Wilden« umherzog. Damals hatten sie sich noch rasiert, das war ihr Kennzeichen gewesen: bartlos waren sie gewesen, bartlos, jung und stürmisch. Damals war Wolfhardt noch ein einfacher Ritter ohne Land und Lehen. Heute war er Baron. Und er trug einen Bart wie jeder echte Koscher. Wieso kam ihm das jetzt in den Sinn? Vielleicht, weil er sich plötzlich wieder so jung und fröhlich fühlte wie damals, als die Feste, Bälle und Hoftage noch neu für ihn waren und alles ein großes Abenteuer. Seither war vieles geschehen, viel Schlimmes, Böses und Schreckliches, und hatte Schatten auf seine Seele geworfen.
Doch nun war alles anders. Auf einmal war alles wieder wie neu! Und obwohl das Land umher sich in herbstlichen Tönen schmückte und die letzten Blumen ihre welken Köpfe hängen ließen, schien es ihm fast, als halte der Frühling Einzug. Und der Frühling hatte ja auch wirklich Einzug gehalten in seinem Leben. An jenem schicksalhaften Abend, beim Klang einer einfachen, kleinen Flöte war er gekommen. Auf Grauensee würden sie einander wiedersehen.
»Auf Grauensee erwarte mich,
In einer blauen Stund’,
Auf Grauensee, da küss’ ich dich
Auf deinen süßen Mund.«
Auf einmal waren die Verse da, und mit ihnen ein Lied. Ein Lied für sie. Für Nadyana. Er hätte sie schon neulich wiedersehen können, an seinem Geburtstag am 1. Travia. Sie hätten in Oberangbar feiern und hinterher gemeinsam zum Schloss des Grafen reisen können. Doch seine Tante Alane hatte davon abgeraten. »Das wäre wohl zu viel des Guten auf einmal, glaub’ mir. Vor allem in Travians Augen. Abgesehen davon ist die Verlobung noch gar nicht offiziell.«
Wolfhardt seufzte. Wahrscheinlich hatte seine Tante Recht. Es war vor allem Nadyanas Mutter, die hinter der Heirat stand. Ihr Vater war noch immer etwas reserviert. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass Wolfhardt noch immer kein Mitglied im Orden der Hanghasenjagd war. Das war dem Junker eben ein Dorn im Auge, denn das Waidwerk war sein liebster Zeitvertreib. Doch bald würde alles anders sein, so Firun es wollte. Und vielleicht würde dann auch das Herz des alten Dachses auftauen und sich für Wolfhardt erwärmen, wenn draußen die Flocken vom grauen Himmel fielen und die Flüsse zu Eis erstarrten. Was für eine verrückte Zeit!
Er spürte unter seinem Wams den Brief, den ihm Nadyana geschrieben hatte. Es war so herrlich, ihre Worte zu lesen, die schnörkelreiche, peinlich genaue, lange geübte Schrift. Man konnte sehen, wie viel Mühe sie sich gegeben hatte, um nur ja keinen Fehler zu machen. »Ich kann es kaum erwarten, nach Grauensee zu kommen, mein Liebster! Grauensee, das klingt zwar ein wenig nach Grauen, doch für uns bedeutet es Glück. Wir werden miteinander tanzen, die ganze Nacht! Und Du wirst mich küssen, wie neulich bei der Verlobung! Nur viel, viel län- ger! Und viel, viel öfter!«
Natürlich. Das würde er.
Auf Grauensee erwarte mich,
In einer blauen Stund’,
Auf Grauensee, da küss’ ich dich
Auf deinen süßen Mund.
»Wolfhardt, träumst du?«, fragte ihn seine Tante, obwohl sie die Antwort schon wusste. »Ja, Tante!«, erwiderte er und lächelte.