Odilbert und Niope - Auf dem Weg nach Grauensee I

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Zwischenwasser, 3. Travia 1042

Nadyana war ein wenig flau im Magen. So viele edle Herrschaften würden auf Grauensee zusammenkommen, und nicht nur aus den Reihen des Koscher Adels, sondern auch aus Garetien und vielleicht noch von weiter her. Und sie, Nadyana von Garnelhaun, würde dabei sein! Es war das erste Mal, dass sie an einem solchen Ereignis bei Hofe teilnahm, und sie war schlichtweg aufgeregt. Es gab so vieles zu erleben – und noch viel mehr, wobei man sich blamieren konnte.
Verstohlen sah sie zu Brinessa, ihrer Cousine, hinüber. Wie schön sie aussah, und wie sicher und selbstbewusst sie wirkte. Alles schien sie besser zu können als Nadyana – oder überhaupt zu können: Lanzenreiten, Fechten, Tanzen, elegantes Parlieren ... oder wie man das bei Hofe nannte. Brinessa hatte bestimmt keine Angst, sich zu blamieren.
»Und du wirst es auch nicht, Nadyana von Garnelhaun!«, sagte ihre innere Stimme trotzig. »Du bist zwar unerfahren, aber kein Tollpatsch und auch kein Trampel. Außerdem ist Er ja dort, und Er war schon zu Gast bei Königen und Fürsten! Was soll also passieren?« »Er« war Wolfhardt von der Wiesen, der Baron von Oberangbar. Ihr Verlobter. Noch immer konnte sie ihr Glück kaum fassen. Er war tatsächlich gekommen und hatte um ihre Hand angehalten. Um ihre, Nadyanas Hand, und nicht um die von Brinessa. Obwohl doch alle dachten, ihre Cousine sei die weitaus bessere Partie – das wusste Nadyana genau. Ihr Vater war nur mäßig begeistert gewesen, doch ihre Mutter hatte gestrahlt. Und alles dafür getan, damit es am Ende doch noch klappte. Es hatte einiges »Geschacher« gegeben, wie man so sagt, aber das war so üblich vor Hochzeiten in Adelskreisen. Meistens ging es in solchen Fällen um die Mitgift, die bei einer Jungfer von Trallikshöh natürlich ziemlich dürftig ausfiel. Doch das war in diesem Fall nicht das Problem. Die Schwierigkeit bestand vielmehr darin, dass Travian von Garnelhaun zur Bedingung machte, dass sein künftiger Schwiegersohn Mitglied im Hanghasenorden sein müsse. Und das war Wolfhardt schon seit Jahren versagt geblieben. Und alles wegen dieser gemeinen Cathine von Unterangen! Oh, dieses böse, alte, hässliche und hasserfüllte Weib! Seit Jahren machte sie Wolfhardt das Leben schwer und intrigierte gegen ihn, wo es nur ging. Aber am Ende hatten sie doch eine Lösung gefunden. Die Sache war kompliziert, und um ein Haar wäre alles noch schief gegangen. Aber Wolfhardt hatte viele Freunde, nicht zuletzt den Fürsten selbst, während der Einfluss Cathines von Jahr zu Jahr schrumpfte. Sie war ja längst nicht mehr die elegante Edeldame, die sie wohl noch im- mer zu sein glaubte. Mittlerweile war sie nur noch ...
»Gib Acht, Nadyana«, warnte ihre innere Stimme, »und hüte dich vor bösen Gedanken! Missgunst und Hochmut vergiften das Herz und sind der Mutter Travia ein Gräuel!« Nadyana seufte. Die Stimme hatte ja Recht. Also dachte sie nicht mehr an Cathine, sondern an den kommenden Winter. Normalerweise war das kein so schöner Gedanke. Doch dieses Jahr war es anders, denn am 1. Firun, dem Tag der Jagd, sollte Wolfhardt in die Reihen des Ordens aufgenommen werden. Dann konnten sie auch endlich Hochzeit halten. Vielleicht noch im selben Mond, am Tag der Ifirn etwa ... Das war zwar immer noch im Winter, aber sie konnten doch unmöglich warten, bis es Frühling wurde! Das dauerte viel zu lange! Andererseits: Im Frühling blühten die Blumen, die konnte man zu einem wunderschönen Brautkranz winden ...
»Nadyana, träumst du?«, fragte ihre Mutter, obwohl sie die Antwort schon wusste. »Ja, Mama!«, erwiderte sie und lächelte.