Nisper Gewisper - Ein falscher Diener

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Nispe, 1032

„ Verzeiht Hochwohlgeboren, wenn ich Eure Unterredung unterbreche“ – Wilbur realisierte zunächst nicht, dass er selbst es war, an den der Kastellan gerade das Wort richtete, aber nach kurzer Verwirrung wandte er diesem seine Aufmerksamkeit zu – „aber wir würden dann gerne mit dem Rundgang fortfahren, wenn es Euch beliebt? Als Nächstes ist, wie gesagt, der alte pervalsche Gefechtsstand vorgesehen, ein nunmehr pittoresker Pavillon mit einem vorzüglichen Blick über die Anleger – und bei gutem Wetter bis hinüber nach Angbar!“
Bevor der Graf auch nur überlegen konnte zu protestieren fuhr Bardo fort: „Ah, dachten wir es uns doch, dass ihr darauf brennt diesen Ausblick zu genießen.“
Er erhob die Stimme und wendete sich an alle Gäste: „Mögen die versammelten Herrschaften uns doch bitte folgen. Wir bitten darum, den Weg nicht zu verlassen. Wir müssen den frischen Baugrund passieren, auf dem teilweise schon das Fundament ausgeschachtet wird.“
Der Weg führte am markierten und bereits eingeebneten Gebiet, in dem der Westflügel des Schlosses entstehen sollte, vorbei und eine kleine Anhöhe hinauf. Dort verschwand er dann in einem kleinen Hain, in dem sich der Pavillon befinden musste.
Der Graf trödelte der kleinen Gruppe hinterher, Korisande und der lange, schlacksige Diener an seiner Seite. Eine Schwanenpaar flog auf, als Bardo den Pavillion erreichte und zog in schwerfälliger Eleganz einige Meter weiter, wo sie sich in ganzer Pracht treiben ließen.
„ Kaiser Perval selbst soll von hier aus nachgestellte Seeschlachten beobachtet haben. Einige der damals eigens angefertigten Miniaturausgaben der Schiffe sind noch erhalten“, erklärte der Kastellan. „Später unter Bardo und Cella wurden die Schlachtschiffchen dann zu einer Lustflotte umgewidmet. In den kleinen Barken ließen die Kaiserzwillinge und ihre Günstlinge sich zwischen den Inseln hin und her schippern. Es ist eine Schande, dass die oft in ingerimmgefälligster Manier vorzüglich gearbeiteten Schiffe der ‚Kaiserlichen Lustflotte‘ nun völlig ungenutzt in den Bootshäusern vor sich hin modern. Wir werden nächstens eine Eingabe an die Kaiserin veranlassen, um zumindest die am Besten erhaltenen Boote wieder instand zu setzen.“
Am Rande beugte sich der Diener zum Grafen: „Euer Wein ist angerichtet, Hochwohlgeboren!“
In Wahrheit war es auf Wunsch Wilburs stark verdünnter Weißwein, doch dem Schankknecht war es im Grunde egal, in welches Getränk er sein weißes Pulver mischen konnte. In einer Stunde würde es seine Wirkung entfalten – genug Zeit um zu verschwinden.
Die Hand des Grafen streckte sich langsam dem gefüllten der Becher entgegen, dann zögerte er. Ein Gedanke an eine Etikettestunde mit Voltan von Falkenhag schoss ihm durch den Kopf.
„Ich glaube, es wäre doch unhöflich, inmitten dieser Runde alleine zu trinken. Er hat genug Becher auf seinem Tablett, so fülle er sie für alle Anwesenden, auf dass wir auf den Gastgeber und diesen unerwarteten – und von den Göttern gefügte – Besuch trinken können.“
Die Wangen des Dieners zuckten, er blickte für einen Augenblick überrascht in die umherstehende Gruppe, die sich nun dem Grafen zugewendet hatte. Ihm blieb keine Wahl – mit innerem Widerwillen begann er auch die anderen Kelche zu füllen – peinlich darauf bedacht sich zu merken, welches Gefäß er zuerst gefüllt und mit dem Gift versehen hatte.
Die Szene hatte für einiges Getuschel gesorgt. Bardo von Bardostein versuchte durch einige wohlgewählte Worte die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen, um die Zeit bis zum Trinkspruch zu überbrücken.
Aus den Augenwinkeln musterte er den Diener, der seine Aufgaben so sträflich vernachlässigt hatte, dass der Graf selber ihn auf die Etikette aufmerksam machen musste. Sonderbarerweise kam er Bardo nicht bekannt vor. Eigentlich war das Personal hier auf Pervalia recht überschaubar, für den Empfang jedoch hatte er weitere Dienerschaft anwerben müssen. Allerdings hatte er die Neulinge persönlich instruiert, damit nichts schief ginge, also müsste er sich doch an diesen schlacksigen Diener mit dem dem Kinnbart erinnern. Konnte er ihn einfach vergessen haben?
Doch dieses Problem musste warten, zunächst mussten die Gäste von der kleinen Panne abgelenkt werden.
Holdwin vom Kargen Land schaute unterdessen etwas verärgert auf den Diener und sprach leise zu seinem Vater, der inzwischen wieder neben ihm stand:
"Wie peinlich! Das hätte ich nach dem bisherigen Verlauf des Abends nicht von unserem Gastgeber erwartet, dass er sein Personal so schlecht instruiert hat, dass dem ein solches Fehlverhalten unterläuft! Was hat sich dieser Dummkopf von einem Diener denn gedacht - dass der Graf alles alleine trinken soll?"
Sein Sohn hatte das Offensichtliche ausgesprochen, was wohl in den Köpfen vieler Gäste herumging, und dennoch: Vielleicht war es das direkte Aussprechen ihm gegenüber, vielleicht die Wortwahl, die bewirkten, dass sich verschiedene Fakten in Geros Kopf zu einer Idee zusammensetzten.
Bardo war ein guter Gastgeber. Ein Diener patzte. Das Verhalten des Dieners war unpassend. Der Graf sollte offenbar alleine trinken. Dies war jedoch nicht der Willen des Kastellans. Was sollte der junge Wilbur vom See als einziger trinken, das nicht Bardo angeordnet hatte... ?
"Gift!", schoss es ihm in den Kopf. War er schon völlig von Stordans Reden eingenommen, oder hatte der alte Kämpe, der sich manches Mal jenseits der Etikette bewegte, gerade deswegen einen unwahrscheinlichen Treffer gelandet?
Der Ritter vom Kargen Land atmete hörbar aus.
"Alles in Ordnung, Vater?", hörte er die Stimme Holdwins.
"Es ist wohl die Luft, heute ist es etwas warm... vielleicht bin ich auch noch unter dem Eindruck der Statuen, die tatsächlich etwas lebendig wirken, so wie es Stordan gesagt hat."
Einige der Umstehenden lachten leise oder unterdrückten ein Schmunzeln. Gut, die wären soweit beruhigt, dachte sich Gero. Doch wie vorgehen? Einfach auf Verdacht vortreten und vor Gift warnen? Unmöglich!
Wenn er so zielsicher darauf hinwies, deutete das in den Augen vieler eher darauf hin, dass er selbst beteiligt wäre! Den verdächtigen Becher selbst nehmen? Dann müsste er ihn auch trinken - ein hohes Risiko, wenn es wirklich Gift wäre! Selbst ein guter Heiler oder Magier konnte ein starkes, schnell wirkendes Gift nicht immer neutralisieren, und waren überhaupt solche hier anwesend? Außerdem würde ein Giftattentäter doch darauf achten, dass der Graf den ihm zugedachten Becher bekäme.
Nein, hier half nur eine gehörige Portion Unverfrorenheit. Und Körpereinsatz. Für letzteres war sein Sohn der Richtige.
"Holdwin, achte auf den Diener und schnapp Dir den Kretin, falls er plötzlich versucht, abzuhauen. Ich wollte ihn doch noch etwas gefragt haben!"
Sein Sohn nickte ihm zu, auch wenn er den Sinn nicht verstand. Auf unfähiges Personal musste man leider ein Auge haben, aber warum sich noch nach solchen Untalentierten woanders umsehen?
Während der Diener noch die letzten Becher einschenkte, stiefelte Gero schnurstracks auf Korisande zu.
"Werte Dame, darf ich Euch meinen stützenden Arm anbieten?"
Die Ritterin von Lutzenstrand willigte ein, auch wenn sie es lieber gehabt hätte, wenn die Diener rundgegangen wären und nicht jeder der Edlen vor den Graf getreten wäre, um einen der Becher entgegen zu nehmen. Immerhin bekam der Graf so noch einmal jeden einzelnen der Geladenen zu Gesicht, das musste sie ihm zugestehen.
Nun waren sie an der Reihe. Der junge Wilbur lächelte ihr zu.
Gero lächelte ebenfalls, war jedoch innerlich angespannt. Er konnte es nicht beschwören, aber er meinte gesehen zu haben, dass der Diener ganz genau darauf geachtet hatte, dass der Graf den zuerst gefüllten Becher bekommen hatte.
Jetzt stand Gero mit Korisande direkt vor Wilbur. Nur noch eine leichte Drehung und ein Schritt bis zum Tablett.
Da ließ er plötzlich seinen Arm wegsacken und fasste sich vor die Brust, sichtlich nach Atem ringend. Korisande konnte ihr Gleichgewicht in der Drehbewegung und dem Schritt nicht halten und prallte mit Schwung auf den Grafen, so dass beide zu Boden fielen. Der Becher zerschellte und der Wein bildete eine Pfütze. Ein Schreckensschrei ging durch die Menge, gefolgt von einem Raunen.
Sofort eilten andere Diener des Grafen herbei, um Hochwohlgeboren und Korisande wieder auf die Füße zu bringen. Einer wandte sich an Gero.
"Es geht schon, mir ist nur ein wenig schwummrig. Ich glaube, ich muss mich ein wenig setzen."
Einer der neuen Diener geleitete ihn nach drinnen.
Auch Bardo versuchte möglichst rasch dem Grafen zur Seite zu stehen, doch als er sich durch die Menge nach vorne gedrängt hatte, war dem jungen Wilbur längst auf die Füße geholfen worden. Er entschuldigte sich noch vielmals beim Grafen für das Ungemach, das ihm hier bereitet worden war und wandte sich um, in der Hoffnung nun den ominösen unbekannten Diener ausfindig zu machen. Doch dieser war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.
Bevor jemand dem Grafen, der sich glücklicherweise nichts getan hatte, einen neuen Becher bereiten konnte, stapfte Stordan vor.
"Hier, nehmt meinen, Euer Hochwohlgeboren. Ihr verzeiht sicherlich, dass ich nach einem alten Freund sehe."
Auch Korisande, deren Bein nach dem Sturz schmerzte, benötigte eine Sitzgelegenheit und so folgte sie mit Stordan den Dienern, die Gero nach innen geleiteten.
Unterdessen hatten die Diener endlich alle übrigen mit Getränken versorgt und der junge Graf sprach einen Trinkspruch auf den Gastgeber und das Gelingen der heiteren Zusammenkunft, die man sich von solch kleinen Zwischenfällen nicht trüben lassen solle. Bardo von Bardostein bedankte sich wortreich und verkündete, dass die Führung über die Insel mit diesem Umtrunk den denkbar gelungensten Abschluss gefunden hätte. Man würde sich in Kürze wieder im Bankettsaal des Schlosses treffen, um sich gebührend von allen zu verabschieden.
Während die Gäste sich allmählich zerstreuten, ging Bardo zu dem Platz zurück, an der der Graf gestürzt war, denn schon während des Trinkspruchs war ihm etwas Merkwürdiges aufgefallen: das Gras sich seltsam verfärbt, an eben genau der Stelle wo noch die Scherben des Bechers den Boden bedeckten. Da war etwas mit dem Wein ganz entschieden nicht in Ordnung!
Bevor die Diener die Überreste der Zerstörung beseitigen konnten, las Bardo vorsichtig eine der größeren Scherben auf und achtete sorgsam darauf nichts von den Flüssigkeitsresten zu verschütten, die sich noch in der Höhlung befanden.
Alderan von Sindelsaum hatte keinerlei Verdacht geschöpft. Ruhig saß er etwas abseits auf einer Steinbank und ruhte seine müden Beine aus. Seiner Meinung nach war es völlig angemessen, dass der Graf alleine trank. Wilburs Verhalten zeigte jedoch seine gute Erziehung.
Gero vom Kargen Land führte sich jedoch merkwürdig auf. Alderan war durchaus nicht entgangen, dass der Schwächeanfall wohl nur vorgetäuscht war.
Nachdenklich blickte er auf das Geschehen. Der Diener, der vorhin den Wein gebracht hatte machte sich recht eilig davon, während andere Diener herbeieilten, um dem Grafen zu helfen. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.
Der merkwürdige Diener kam den Weg entlanggelaufen, an dem Alderans Bank stand. Holdwin vom Kargen Land versuchte zu dem Mann aufzuschließen, aber das Gedränge der herbeieilenden Diener hinderte ihn daran. Kurzentschlossen nahm Alderan seinen Gehstock in die Hand – sein Urenkel Pergrim war heute nicht hier, um ihn zu stützen – der Diener drehte sich immer wieder nervös um und versuchte nicht zu rennen.
Alderan stieß mit dem Stock entschlossen zu und traf den Flüchtenden genau zwischen den Beinen. Der Mann stieß einen überraschten Ruf aus und stürzte zu Boden. Hastig zog Alderan den Stock zurück und blickte ein wenig unbeteiligt auf den Mann, als Holdwin heftig mit dem Mann rang. Nach einigen kräftigen Fausthieben Holdwins war die Situation endlich geklärt.
Von all dem bekamen Korisande, Gero und Stordan nichts mit, denn sie waren bereits vor dem Trinkspruch von den Dienern in einen Raum im Inneren des Schlosses geführt worden. Nachdem Gero zugesichert hatte, dass er alleine zurechtkäme, und sichergestellt war, dass Korisande nichts weiter passiert war, war endlich die Zeit gekommen, um über alles zu reden.
"Verzeiht, meine Teuerste, dass ich Euch nicht eingeweiht habe, aber es war wenig Zeit und sah so umso echter aus!"
Korisande sah ihn fragend an und presste verstohlen eine Hand auf ihr schmerzendes Bein. Konnte der Tag noch schlimmer werden? Dank Geros und ihrer eigenen Ungeschicklichkeit war sie mitsamt dem Grafen zu Boden gestürzt – wie unangenehm, vor all den geladenen Adligen. Eigentlich hatte der Ritter gar nicht den Eindruck gemacht, so schwach auf den Beinen zu sein. Noch nicht einmal entschuldigen hatte sie sich bei Graf Wilbur können, zu schnell hatten eifrige Diener des Kastellans sie nach drinnen gebeten. Vielleicht war es aber auch besser so gewesen, denn ein Teil des Weins hatte sich auf sie ergossen und ihre Kleidung durchtränkt, so dass sie wirklich nicht mehr präsentabel aussah.
„ Nun, Wohlgeboren? In was wolltet Ihr mich einweihen?“, fragte sie neugierig.
"Ist Euch nicht auch aufgefallen, wie merkwürdig sich der Diener verhalten hat, der dem Grafen alleine Wein servieren wollte? Welch Gegensatz zum sonstigen Personal, das uns heute bedient hat! Ich meine, da stimmte etwas nicht, und habe durch meinen gespielten Anfall von Unwohlsein verhindert, dass Wilbur aus dem ihm zugedachten Becher trinkt."
Stordan formte sogleich die rechte Hand zu einer Faust und nickt Gero aufmunternd zu.
"Recht so!"
Korisande war weit weniger begeistert.
"Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr auf eine bloße Ahnung hin mein Kleid ruiniert, mich an meine alte Verwundung erinnert und mich gegenüber dem Grafen habt tollpatschig aussehen lassen?"
"Das Kleid werde ich Euch selbstverständlich ersetzen! Und was die Schmerzen betrifft: Ihr wart doch eine Ferdoker Lanzerin. Habt Ihr nicht geschworen, Schmerzen zu ertragen für die, die unser Land regieren?"
"Ihr scheint nicht verstanden zu haben... ich hätte gerne einen Beweis dafür, dass dem Grafen Gefahr drohte!"
"Nun, das..."
In diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen und Holdwin trat ein. Sein Gesicht war leicht gerötet, das Haar etwas in Unordnung gebracht. Kein Wunder, denn er wurde von dem Diener begleitet, der vorher den Wein ausgeschenkt hatte. Der gemeinsame Gang war nicht aus freiwilligen Stücken geschehen: Holdwin zerrte den Mann in den Raum.
"Der wollte abhauen!", gab Holdwin zu verstehen, als er den Mann mit einem letzten Ruck in Richtung Tisch stieß. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, wollte er sich mit gekreuzten Armen vor sie stellen, doch sie öffnete sich und es erschien die nächste Person im Türrahmen. Hinter Holdwin betrat Alderan den Raum. Suchend blickte er sich nach einer Sitzgelegenheit um. Im Gesicht des Dieners stand Wut.
„Hoher Herr, würdet Ihr endlich erklären, warum Ihr mich derart grob hinter Euch her schleift?“, prustete der Diener, nach Atem ringend, los.
„Er hatte es etwas eilig, nachdem dieses ... Missgeschick ... geschehen war, nicht wahr?“, es war eher eine Feststellung denn eine Frage von Holdwin.
„Natürlich! Wir wollten Seiner Hochwohlgeboren einen neuen, sauberen Umhang holen“, antwortete der schlaksige Bedienstete mit hochrotem Kopf. Man sah, dass er all seine Kraft aufwenden musste um einen klaren Verstand zu behalten und seine Wut zu beherrschen.
Stordan musterte den Diener finster. Bekannt kam ihm der junge Mann nicht vor, aber das musste nichts heißen. Er winkte Nottel und Jorm herbei, in deren Gefolge Schwester Gidiane neugierig folgte.
"Passt mir auf diesen Burschen auf, dass er sich nicht davon macht!"
Die beiden kräftigen Kriegsknechte in spe nickten grimmig. Inzwischen wurde dem empörten Diener scheinbar bewusst, dass eine peinliche Befragung zu befürchten war ... was seine Wut und die hochrote Farbe nur noch steigerte. Gidiane beobachtete dieses Farbenspiel fasziniert, achtete aber darauf, immer die gepanzerte Schulter ihres Großonkels zwischen sich und dem Unhold zu haben.
Inzwischen waren auch andere Adlige in den Raum gekommen. Stordan schaute sich um. Die Mienen der meisten zeigten Anzeichen von Verwunderung, andere waren verärgert und gespannt. Wo war Bodrin-Hardenfels? Stordan entdeckte ihn, er kam als einer der letzten in den Saal. Sein Gesicht zeigte keine auffällige Regung.
"Diese Schlange", dachte Stordan. War er wirklich so abgebrüht, dass er sich nichts anmerken ließ oder hatte er tatsächlich nichts mit der Sache zu tun?
Wie auch immer, bei Praios! Die hochnotpeinliche Untersuchung konnte beginnen! Stordan spürte den warmen Griff Halladirs an seiner Seite und lächelte grimmig. Die Klinge hatte schon lange kein Blut mehr geschmeckt, heute wäre ein guter Tag. Heimlich hoffte der alte Kämpe, dass der oder die Täter einen Fehler machen würden, dann würde das schwarze Schwert seinen Tribut fordern!
Korisande blickte zwischen den Anwesenden hin und her. Es wollte ihr gar nicht recht passen, dass immer mehr Leute in den Raum strömten. Alle schienen sie belustigt bis neugierig anzusehen. Es war auch zu peinlich gewesen, einfach so auf Graf Wilbur zu fallen und ihn umzureißen. Der Diener sah allerdings wirklich aus, als hätte er etwas zu verbergen…
„Nun“, sagte sie zu den Anwesenden gerichtet, „der Herr vom Kargen Land ist der Auffassung, dieser Diener hier hat wohl etwas zu verbergen. Wir sollten ihn also einerseits darum bitten, sich einmal absuchen zu lassen, ob er etwas Ungewöhnliches bei sich trägt und andererseits Kastellan Bardo danach fragen, ob er vielleicht ein gutes Wort für seinen Bediensteten einlegen will. Ich denke, so wird sich die Sache schnell aufklären lassen und wenn er sich nichts zu schulden hat kommen lassen, kann er in wenigen Minuten wieder seiner Wege gehen. Nicht wahr?“
Ihr Blick richtete sich auf den Diener, den Geros Sohn Holdwin noch immer fest im Griff hatte.
Der Diener lächelte schief ... was für eine verrückte Lage. Der Graf war wohlauf, sein Ziel seinen Herren einen Schritt näher zum Grafenthron zu bringen war missglückt. Dennoch behandelten sie ihn wie einen Mörder. Wie dumm er war in der ersten Panik davonzurennen... klar, dass er sich verdächtig machen würde. Nur gut, dass ihm die Begründung neue Kleidung für den Grafen zu holen, eingefallen war ... sie war durchaus schlüssig.
‚Bleib ruhig, Ferk ... sie haben nichts in der Hand.’, sprach der Diener in Gedanken zu sich selbst und zwang sich zu Ruhe. Den Ring hatte er noch rechtzeitig ins Schilf werfen können – da müsste es schon mit den Hexen zugehen, wenn sie den jemals wiederfinden. Gut, er war erst seit kurzem beim Kastellan Bardo angestellt, doch was sollte das schon heißen. Dass seine mündlich vorgetragenen Referenzen gefälscht waren und er gar nicht am Hof zu Lûr gedient hatte, müssten sie erst mal beweisen. Lûr war ihm eingefallen, weil er dort aufgewachsen war und die Geschichten über den zwergischen Baron ganz gut kannte. Es schien weit genug entfernt, dass niemand wusste wer dort Diener war.
Vor allem hatte der Graf keinen Schluck getrunken ... dass Gift im Spiel war, war nichts als eine Vermutung ... oder hatte jemand beobachtet wie er etwas aus dem Ring in den Becher gerührt hatte? Er spürte den Schweiß, der sich an seiner Stirn bildete.
Es blieb ihm keine Wahl, er musste auf sein Glück vertrauen. Wenn er hart bleiben würde und er bei seiner Unschuldsmiene bliebe, hätte er vielleicht eine Chance freigelassen zu werden.
„Nun, worauf wartet Ihr, bei Praios? Vielleicht mögt Ihr Euren Verdacht etwas genauern schildern, damit der Kastellan den Mann rasch verhören kann“, ließ sich Junker Reto vernehmen.
„Mit einer kleineren Dieberei sollte man den Grafen und dessen Gäste nicht belästigen. Wenn's aber so ernst ist, wie Ihr schaut, ehrwürdiger Ritter, dann solltet Ihr die Angelegenheit Seiner Hochgeboren melden.“
Gero hätte vor Wut und Anspannung mit der Faust in die offene Hand schlagen können. Das lief überhaupt nicht so, wie er es sich gedacht hatte!
In kleiner Runde hatte er sich mit den anderen absprechen und den Diener befragen wollen; jetzt waren zahlreiche Gäste des Festes anwesend. Vor allem zeigte sich der Verdächtige als harter Hund und war keineswegs eingeschüchtert. Das und sein schlechtes Benehmen mochten für seine Schuld sprechen; allein als Beweis reichte das nicht!
Wenn nur Bardo hier wäre... der Gastgeber könnte sicherlich aufklären, wer der Diener war. Die Sache drohte ihm zu entgleiten. Nun galt es, behende zurückzurudern. Zunächst musste er seine Rolle weiterspielen!
Wieder etwas kräftiger atmend, nahm er ein Taschentuch aus einer Tasche und wischte sich ein wenig übers Gesicht. Das gab ihm etwas Zeit, um seine Worte zu bedenken.
"Verzeiht, wenn ich für soviel Aufsehen gesorgt habe! Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass so viele unserer kleinen Schar hierhin folgen würden, wo wir uns doch ein wenig zurückziehen wollten!"
Gero lächelte gequält. Die Blicke der anderen blieben unverändert. Überzeugt hatte er sie damit noch nicht!
"Es war tatsächlich nur eine Kleinigkeit, doch leider kam mein Unwohlsein dazwischen..."
Der Ritter vom Kargen Land wandte sich an den Diener.
"Wie heißt Du?"
"Ferk, edler Herr", antwortete dieser mit ruhiger, fester Stimme.
"Gut, Ferk, wo kommst Du her?"
"Aus der Baronie Lûr!"
Wieder eine klare Antwort, die nicht die Spur von Unsicherheit verriet. Es war zum Verzweifeln! Gero wurde schmerzlich bewusst, dass er, der kein Intrigant war, wohl auch nicht geeignet war, eine Intrige aufzudecken - noch dazu auf einem Fest, nicht gerade die Umgebung, die er oft aufsuchte ohne besonderen Anlass.
"Sag mir, Ferk, wer hat Dir aufgetragen, nur dem Grafen einzuschenken? Ist das bei Euch so üblich in Lûr?"
"Seid versichert, dass ich nur Anweisungen ausgeführt habe, edler Herr! Sie mögen Euch seltsam erscheinen, doch mir als Gemeinem steht es nicht zu, sie zu bedenken oder zu hinterfragen."
Die Standardantwort für den gehorsamen Diener! Bei dem Kerl biss man auf Granit! Fingen da nicht schon die ersten an zu tuscheln?
"Wenn Du so wohlerzogen bist, warum bist Du denn so schnell weggelaufen?"
"Edler Herr, verzeiht mir dieses schlechte Benehmen! Doch was Hochwohlgeboren benötigten, waren neue Kleider und nicht ein weiter Diener, der um ihn herumstand und ihm beim Aufstehen half! Ich wollte doch nur so schnell wie möglich Hochwohlgeboren den Aufenthalt auf Pervalia wieder angenehm gestalten!"
Gero schürzte nervös die Lippen. Entweder Ferk war tatsächlich unschuldig oder weit gerissener, als er gedacht hatte. Der Ritter bemerkte, wie er inzwischen mehrere böse Blicke erntete, während der Diener, inzwischen noch selbstsicherer als zuvor, hinzufügte: "Doch bevor ich diesen guten Vorsatz in die Tat umsetzen konnte, schlug Euer Sohn auf mich ein und zerrte mich hierher!"
Das war es! Nun hatte der Diener nicht nur jeden Verdacht von sich gewiesen, sondern das Blatt sogar gewendet, indem er sich erfolgreich als Opfer dargestellt hatte. Gero war mit seinem Bosparano am Ende.
"Viel Aufregung um nichts!"
"Der feine Herr vom Kargen Land musste uns das Fest verderben!"
Nun begannen mehrere Leute durcheinander zu reden, erst leise, dann immer weniger zurückhaltend. Allen voran Reto Hlûthar von Bodrin-Hardenfels, der den Ritter von Valpurg mittlerweile mit unverhohlener Mischung aus Verachtung und Mitleid belächelte und sich bereits zum gehen wenden wollte.
Gero schaute resignierend zu Holdwin, Stordan und Korisande. Er war geschlagen!
Erst jetzt betrat auch Bardo von Bardostein begleitet von einem schmierigen Gesellen mit bleichem Gesicht den Raum. Es war dem Kastellan sichtlich unangenehm, dass er nach einem Großteil seiner Gäste eintraf, aber nach dem überraschenden Fund hatte er dem Turm Bardostein einen dringenden Besuch abstatten müssen, um Rat bei seinem Vertrauten und Leibwächter Vitus einholen zu müssen. Der hagere Perricumer genoss aufgrund seines zwielichtigen Aussehens nicht den besten Ruf, aber aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit würde Bardo ihm jederzeit sein Leben anvertrauen. In speziell dieser Angelegenheit war Vitus Ruf sogar von Vorteil, den er wurde nicht zu Unrecht mit Unterweltkreisen in Verbindung gebracht, so dass er recht schnell bestätigen konnte, dass die in der Scherbe verbliebenen Rückstände des Weins vergiftet waren.
Zunächst konnte Bardo sich noch nicht Gehör verschaffen, da er nach dem schnellen Marsch zum Turm und wieder zurück zur Pfalz erst einmal wieder zu Atem kommen musste, als er jedoch ein paar Augenblicke ausgeruht hatte, unterbrach er die sich entspinnende Diskussion zwischen Stordan und Reto Hlûthar von Bodrin-Hardenfels und erhob die Stimme.
„Verehrte Versammlung, die Lage ist ernst. Wie ich an diesem Tumult ersehen kann, sind bereits die meisten der Anwesenden zu dem Schluss gekommen, dass der Zwischenfall so eben am Pavillon keine Lappalie war, doch wie ernst es war können wir erst jetzt ermessen.“
Bardo machte eine Kunstpause.
„Unser allseits geschätzter Graf hat soeben beinahe Golgaris Schwingen rauschen hören und es ist nur dem beherzten Eingreifen des Herren Gero zu verdanken, dass er nicht so weit vor seiner Zeit in Borons Hallen abberufen wurde. Ihr fragt euch, wovon ich rede und ich will es euch sagen. Der Wein für den jungen Grafen wurde vergiftet!“
Auch jetzt ließ Bardo die Worte wieder wirken und nach einem kurzen Schreckmoment erhob sich wie erwartet aufgeregtes und wütendes Gerede, dass Bardo jedoch schnell wieder beendete, als er abermals das Wort ergriff.
„Ich konnte glücklicherweise die Überreste des Trinkgefäßes des Grafen bergen und mein treuer Freund Vitus“ – er warf einen Seitenblick auf den Angesprochenen der bestätigend nickte – „konnte zweifelsfrei verifizieren, dass es sich um Gift handelte. Diese verabscheuenswürdige Tat kann nur von diesem Hundsfott dort begangen worden sein, der sich dreist in die Gewänder meiner Dienerschaft gekleidet hat um sein schändliches Treiben zu ermöglichen. Damit steht fest, dass diese von allen Göttern verfluchte Kreatur gleich zweifach gegen die Zwölfe gefrevelt hat. Nicht nur hat er sich hier eingeschlichen, um für einen noch zu ermittelnden Auftraggeber zu spionieren. Nein, noch schlimmer einen feigen Giftmord wollte er begehen!“
Als nun der allgemeine Zorn gegen ihn hochkochte, überkam Panik den erfolglosen Mörder Ferk.
Verzweifelt und verwirrt wandte er sich an den Kastellan: „Aber hoher Herr von Bardostein, ihr selbst habt mich doch vor knapp einem Mond eingestellt und ich habe euch meine Empfehlungsschreiben aus Lûr vorgelegt! Nie hätte ich es gewagt mich unrechtmäßig in eure Dienste zu schleichen und mit irgendwelchem Gift habe ich erst recht nichts zu tun. Ich habe nur den hohen Herrschaften aufgewartet, wie es mir aufgetragen ward.“
Bardo überlegte blitzschnell. Er war sich nicht ganz sicher, ob er tatsächlich den Verdächtigen doch eingestellt haben sollte. Es waren viele gewesen, die er in den vergangenen Woche angeworben hatte, um bei den Bauarbeiten zu helfen und hochherrschaftlichen Besuchern aufzuwarten, doch es war ihm so, als hätte er das Gesicht dieses Dieners noch nie gesehen. Beschwören könnte er nicht, aber wenn er dies jetzt zugäbe, würde man ihn womöglich noch mit dem Mordversuch in Verbindung bringen. Es war schon schlimm genug, dass dies auf seiner Feier geschah, also musste er sich so weit wie möglich von dem Verdächtigen distanzieren.
„Zunächst mal heißt es Wohlgeboren von Bardostein. Und ansonsten: Was untersteht er sich, solch infame Lügengeschichten hier aufzutischen. Ich habe ihn noch nie zu Gesicht bekommen und mich schon vorhin gewundert, warum er in einem Livree unserer Farben steckt. Ich warne euch, mich hier öffentlich der Lüge zu bezichtigen. Es ist eurer bereits schlimmen Lage sicher nicht zuträglich zu euren Sünden hier einen weiteren Frevel hinzuzufügen“, herrschte Bardo den Unglückseligen an.
So, dies müsste fürs erste reichen. Jetzt sollten die anderen ihrem gerechten Zorn freien Lauf lassen. Nur aufknüpfen dürften sie ihn nicht direkt, Bardo musste noch aus ihm herausbekommen, wer ihn zu dieser Tat angestiftet hatte.
Natürlich war es ein schlimmer Frevel, den Grafen ermorden zu wollen, aber was Bardo wirklich wütend machte, war die Tatsache, dass dieser Mordversuch unter seinem Dach ausgeführt werden sollte. Dies nahm Bardo den Hintermännern, die es sicherlich gab, persönlich und er würde nicht ruhen, bis er sie ermittelt hätte.