Man erntet, was man sät - Alvides Marsch

Aus KoschWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Drift, 16. Praios1041 BF

Alvides Marsch

Es war früher Morgen, als die fürstlichen Schlachtreiter Drift erreichten. Sie hatten einmal mehr nur eine kurze Nachtruhe eingelegt und waren bereits vor dem Morgengrauen weitergeritten. Sie wollten heute unbedingt die Yassburg erreichen. Sehr zum Missfallen Alvides von Eichental lahmten jedoch zwei Pferde und so mussten sie einen Hufschmied in Drift aufsuchen. Die Reitergruppe war vor wenigen Tagen von Burg Flussfels aus aufgebrochen, nachdem klar geworden war, dass keine Flussschiffe zur Verfügung standen, um das fürstliche Aufgebot nach Drift zu transportieren. Stattdessen hatte Alvide schweren Herzens ihre Truppen aufgeteilt. Während das fürstliche Fußvolk zu Fuß nach Drift marschierte, war sie gemeinsam mit den beiden Schlachtreitern Edelfried von Butterbös und Holdwin von Falkenhag-Zandor vorausgeritten. Sie hatten weder sich noch ihre Pferde geschont und die Strecke so in wenigen Tagen bewältigt. Das Fußvolk würde wohl mindestens eine Woche länger brauchen als sie, aber das war Alvide egal. Eckbarts Nachricht hatte dringend geklungen und auch dessen Bote, der Halbelf Rukus, hatte immer wieder auf Eile gedrungen. Alvide war entschlossen, die Interessen und den Besitz des Fürsten mit aller Kraft zu verteidigen.

Während der Hufschmied seiner Arbeit nachging, kehrten die Reiter in der Schenke „Holma“ ein. Der Wirt war ob der zahlreichen Gäste überrascht, als er jedoch einige blitzende Silbertaler sah, war er sofort bereit, ein deftiges Frühstück aufzutischen. „Ziehen die Herrschaften auch zum Heer des Barons nach Yassburg?“, erkundigte er sich bei Marbold Eschengrunder, einem der Sindelsaumer Reisigen. Sich direkt an die Adligen zu wenden wagte er nicht. Marbold schüttelte den Kopf. „Wir sind auf dem Weg, um die fürstlichen Besitzungen zu verteidigen. Wenn es dabei gegen den Baron geht, dann soll es so sein.“
Der Wirt war ob der offenen Worte etwas überrascht, schien aber nichts gegen die feindlichen Absichten der Gruppe seinem Baron gegenüber einzuwenden zu haben. Nach kurzem Überlegen sagte er daher: „Dann könnte es die Hohen Damen und Herren vielleicht interessieren, dass der Baron einen fürstlichen Schlachtreiter auf Mirkagarten eingekerkert hat.“
Kurz darauf musste der Wirt seine Worte noch einmal vor Alvide, Edelfried und Holdwin wiederholen. Die drei Schlachtreiter waren sich sogleich einig, dass sie einen der ihren nicht in Drifter Kerkerhaft zurücklassen konnten. Soviel Zeit musste sein.

Ein Stundenglas später sprengten zwanzig schwer bewaffnete Reiter in den Schlosshof von Mirkagarten. Der einzelne Torwächter versuchte noch das Tor zu schließen, war aber angesichts der geschlossenen Visiere und gezogenen Waffen nicht darauf aus, herauszufinden, was es mit den „Gästen“ auf sich hatte und nahm Reißaus. Als die Reiter in den Schlosshof drängten, eilte ihnen ein nervöser, aber gut angezogener Mann von der Schlosstreppe entgegen, dicht gefolgt von einigen Gardisten, darunter der verschwitzten Torwache und einigen in der Eile nur notdürftig gerüsteten Kameraden. Bevor der Mann überhaupt etwas sagen konnte, öffnete Alvide ihr Visier und rief: „Ich bin Baronin Alvide von Eichental zu Sindelsaum und hier, um den Schlachtreiter Eckbart von Hirschingen und sein Gefolge zu befreien.“ Dem Haushofmeister, denn um den handelte es sich, schlotterten die Knie, standen in seinem Rücken doch nur fünf spärlich bewaffnete Gardisten, die auch nicht gerade die erste Wahl waren, denn Baron Narmur hatte seine besten Leute zur Belagerung der Yassburg mitgenommen. Ihm gegenüber aber standen zwanzig gut gerüstete und entschlossene Reiter. „Ich bin Senach Yann Toberen, der Haushofmeister des Barons von Drift. Der Ritter Eckbart ist tatsächlich hier gefangen…“
„Dann führe uns zu ihm.“, bellte Alvide und sattelte ab. Ihr taten es etwa die Hälfte der Reiter gleich, die übrigen hatten die Drifter umringt. „Aber der sitzt hier wegen Brandstiftung ein.“, wandte Senach eher leise ein. Die Sindelsaumer Baronin schnaubte. „Entweder du führst uns jetzt zu ihm oder wir ziehen andere Seiten auf, Bürschchen.“ Einer der Gefolgsleute der Baronin lockerte einen Dolch, während eine Waffenmagd ihren Streitkolben prüfend in der Hand wog. Senach gab seinen zaghaften Widerstand auf, tat wie ihm geheißen und führte die Gruppe „im Namen des Fürsten“ zu einem kargen Zimmer, in dem tatsächlich der gesuchte Eckbart von Hirschingen auf einem Bett lag. Der alternde Ritter war kaum bei Bewusstsein und schien an der Schwelle des Todes zu stehen. Er schaute jedenfalls gar nicht gut aus. Immerhin hatte ihn sein adliges Blut davor bewahrt, zusammen mit seinem Gefolge aufgeknüpft zu werden.
Kurz darauf wurde Eckbart auf den Schlosshof getragen und auf einen requirierten Karren gelegt. Senach wurde zu den Gardisten geführt, die entwaffnet auf dem Boden saßen und vor sich hinstarrten. Die Schlachtreiter hielten derweil Rat. „Wir können Eckbart unmöglich mitnehmen.“, sagte Holdwin nun zum wiederholten Male. „Mit ihm kommen wir niemals durch den Belagerungsring.“ Alvide und Edlefried nickten nur, aber auch sie hatten keinen guten Gedanken, wo sie den Verwundeten unterbringen konnten. Rukus, Eckbarts Waffenknecht, brach schließlich das Schweigen. „In Thûrau an der Grenze zum Hinterkosch, ein gutes Stück südlich von Yassburg, lebt die Herrin Bergunde, die eine entfernte Verwandte meines Herren ist. Wir waren dort in den letzten Monaten mehrmals zu Besuch. Sie würde uns dort sicher aufnehmen.“
„Südlich von Yassburg?“, fragte Alvide. Rukus nickte, antwortete dann aber auf die unausgesprochene Frage. „Man muss nicht zwangsläufig an der Yassburg vorbei. Man kann auch `hintenrum` über Eberstett reisen.“
„Klingt trotzdem gefährlich.“, befand Alvide, „aber wir haben wohl keine Wahl. Holdwin, begleitest du Eckbart dorthin und sorgst dafür, dass ihm nichts zustößt?“
Holdwin nickte und sogleich machte man sich an die Abreise. Während Alvide und Edelfried und ihr Gefolge weiter zur Yassburg zogen, machte sich Holdwin auf den Weg nach Thûrau, um Eckbart in Sicherheit zu bringen. Rukus wollte zwar gerne bei seinem Herrn bleiben, aber seine Dienste wurden von Alvide und Edelfried dringender benötigt, war er doch der einzige in ihrer Gruppe, der die Umgebung der Yassburg kannte und so wie es klang, würden sie gute Ortskenntnisse dringend benötigen, um durch den Belagerungsring der Drifter zu kommen.