Liebe geht durch den Magen - Von Rezepturen und Rezepten

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Angbar, 22. Ingerimm 1035 BF

Etilian ließ den Blick über die Waren schweifen, die sich auf den Auslagen der Stände türmten. Kunsthandwerk aus allen Teilen des Fürstentums waren zu finden, dazu Waffen, und vieles für den alltäglichen Gebrauch. Doch nicht nur, was im Kosch geschaffen worden war, konnte man hier bewundern. Auch Waren aus der Ferne konnte man diese Tage in Angbar bestaunen: Pelze aus dem hohen Norden, glänzende, edle Seide aus dem tiefen Süden, getrocknete Aprikosen und Datteln aus den Tulamidenlanden, Duftöle aus dem Lieblichen Feld und edle almadanische Rösser. Doch all diese begehrenswerten Dinge waren nicht der Grund, warum er hier war.

Der Medicus verließ den Neumarkt Richtung Norden, schritt linkerhand an der goldenen Kuppel des Praiostempel vorbei und dann bei der nächsten Wegkreuzung erneut nach links bevor der Weg in das hügelzwergisch geprägte Heimeling führte. Auf dem kleineren Platz, den er nun betrat, boten jene ihre Ware feil, die die Standgebühren auf dem großen Markt vor der prächtigen Fassade des Zünftehauses nicht zahlen konnten. Und einige, für die Zurückhaltung eine erfolgversprechendere Verkaufsstrategie war.

In die südöstliche Häuserecke, entdeckte Etilian das alte Fuhrwerk, nach dem er Ausschau gehalten hatte. Der grüne Anstrich des Wagens hatte bereits an vielen Stellen der Witterung nachgegeben und das ursprünglich darunter liegende Holz entblößt. Vermutlich sah das Schwarz des bogenförmigen Daches nicht besser aus, doch die Höhe des Gefährtes ersparte ihm den Anblick. Viel mehr interessierte den Heiler ohnehin die reichliche mit gebundenen Kräutern, irdenen Tigelchen und hölzernen Kästchen bestandene Auslage.

„Peraine und Phex zum Gruße, hoher Herr!“ begrüßte ihn der Verkäufer, ein alter Mann mit fettigem, schlohweißem Haar. „Sucht Ihr etwas Bestimmtes?“
„Ich benötige einige Heilkräuter.“ erklärte Etilian und begann damit, eine Liste an Ingredienzien herunterzurattern. Mit geübten Handgriffen trug der Händler das Gewünschte zusammen und wog die Ware mit großer Genauigkeit ab.
„…dann benötige ich noch vierzig Unzen Menchalsaft sowie zehn Sandviperzähne und acht Blüten des 'Nelumbo negro'.“ beendete der Medicus seine Aufzählung.
Nun kam der Alte zum ersten Mal ins Stocken und wandte das runzlige Gesicht mit den dunklen Augen seinem Kunden zu. Mit gesenkter Stimme gab er zu bedenken: „Herr, ich hoffe Euch ist bewusst, dass der Schwarze Lotos auf dem Wehrheimer Index steht? Die Garde würde mich augenblicklich festsetzen, wenn ich die Blüten eines so giftigen Gewächses verkaufen würde!“
Eilian von Lindholz-Hohenried nickte zustimmend: „Es wäre wirklich äußerst verwerflich und verdiente strengste Bestrafung würde er mir ein solches Gift verkaufen. Ich freilich fragte Euch nach 'Nelumbo negro', der unverzichtbaren Zutat für ebenso potentes wie vielseitiges Antidot. Ich bin mir sicher, dass ich diesen Namen nie auf dem Wehrheimer Index gelesen habe. Ihr etwa?“
„Nun selbstverständlich nicht, gelehrter Herr.“ Immer noch zögerte der Mann und kratzte sich nervös in seinem weißen Haar.
„Sei unbesorgt. Ich bin sicher, wir werden uns auf eine angemessene Bezahlung für seine treuen Dienste zum Wohle der Heilkunst einigen können.“ Bei diesen Worten zog der Medicus einen gut gefüllten Geldbeutel hervor. Der Graf hatte ihm mit mehr als ausreichend Gold zur Verfügung gestellt, um die Gesundheit des Hofstaates zu gewährleisten und Etilian gedachte, diese Münzen nun ihrem vorgesehenem Zweck zuzuführen. Tatsächlich erfüllte das leise Klirren der von Wildleder verhüllten Münzen nicht seine Wirkung.
„Zum Wohle der Heilkunst - natürlich.“ verkündete der Kräuterhändler mit einem gierigen Lächeln. „Bitte gebt mir nur einen Augenblick. Ein so… delikates Heilkraut verwahre ich in meinem Wagen.“ Mit diesen Worten eilte er sich, die Tür des Reisegefährtes aufzuschließen und verschwand im Dunkel des mit einem fleckigen roten Tuches verhängten Durchganges.

Den Heiler kümmerte es nicht, in welchem versteckten Winkel der fahrende Händler seine geschmuggelte Ware verbarg und ließ den Blick über den kleinen Marktplatz schweifen, während er auf die Rückkehr des älteren Mannes wartete. Eine Gemüseverkäuferin in seinem Alter lächelte zu ihm hinüber. Sie war keine Schönheit, doch ihr von kupferfarbenem Haar eingerahmtes, gebräuntes Gesicht mit den zahlreichen Sommersprossen strahlte eine anziehende Lebendigkeit aus.

‚Die Junkerin soll eine wahre Schönheit sein.‘ Die aufs Papier gebrachten Worte seiner Schwester hallten durch seinen Verstand, als hätte Saria sie direkt neben ihm ausgesprochen. Warum musste er jetzt an den Brief und seinen aufdringlichen Inhalt denken? Das Schreiben der Ritterin von Bergund hatte ihn auf den ungewöhnlichen Wettbewerb hingewiesen, zu dem Anglinde von Mackenstein, Erbin einer traditionsreichen Junkerfamilie aus Stanniz, aufgerufen hatte. ‚Du kannst doch Kochen und Backen; besser als so mancher Adliger, da bin ich mir sicher, also rede Dich nicht heraus!‘ hatte seine Schwester gedroht. ‚Selbst wenn es Dir nicht gelingen sollte, ihr Herz zu gewinnen, so wird auf diese Weise wenigstens bekannt, dass Du auf Freiersfüßen wandelst. Es wird Dich vielleicht erstaunen, das zu hören, doch der Kosch-Kurier hat bisher noch nicht darüber berichtet.‘ Ihre trietzenden Worte waren nicht ganz unangebracht. Es fiel ihm einfach schwer, die Damen anzusprechen, wenn es darauf ankam. Gedankenverloren blieb Etilians Blick auf der üppigen Auslage der Gemüseverkäuferin haften.

Er seufzte. In einem ersten Anflug hatte er den Brief einfach ignorieren wollen. Er kannte Anglinde von Mackenstein nicht; hatte sie noch nicht einmal in seinem Leben erblickt! Doch musste er auch zugeben, dass sich daran schwerlich etwas ändern würde, wenn er nicht dem Wettbewerb stellte. Inzwischen war der Kräuterhändler wieder zu ihm getreten und hielt ihm ein kleines, flaches Päckchen hin.
„Habt Ihr sonst noch ein Begehr, hoher Herr?“ fragte der weißhaarige Mann.
„Anglinde.“ Erst als der adlige Heiler den fragenden Ausdruck im Gesicht des Alten sah, wurde ihm bewusst, dass er das Wort laut ausgesprochen hatte. Mit hochroten Kopf setzte er schnell hinterher: „Nein, danke.“ Etlian faltete das Päckchen auseinander und warf einen prüfenden Blick auf die zarten, schwarzen Blütenblätter des Lotos, die sich darin befanden. Zufrieden nickte er. Die Qualität der getrockneten Blumen war sehr gut. Der Händler wurde seinem Ruf mehr als gerecht.

Schnell waren die Einkäufe verstaut und einige Dukaten hatten den Besitzer gewechselt. Gemächlich schlenderte der gräfliche Medicus über den Markt. Die gezuckerten Feigen, die ein tulamidischer Fernhändler wortreich anpries, sahen wirklich ganz ausgezeichnet aus! Vielleicht sollte er sie kaufen und… ‚Nein!‘ dachte er energisch bei sich selbst. ‚Wenn ich etwas für die edle Junkerin zubereite, dann sollte es meinem Wesen entsprechen. Bodenständig soll die Speise sein! Ich will versuchen, alles allein auf den fruchtbaren Böden der Grafschaft Ferdok zu finden und selbst zusammenzutragen.‘ Ehe er sich versah, war es beschlossene Sache: Er würde um die Hand der Anglinde von Mackenstein anhalten! --Lindholz 14:10, 16. Okt. 2012 (CEST)