Graf Orsinos langer Schatten - Die Stunde der Wahrheit

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Grauensee, Mitte Hesinde 1041

Als Gero vom Kargen Land am Morgen erfuhr, dass Eberhelm von Treublatt entkommen war, ließ er kurzerhand all diejenigen für vogelfrei erklären, die an dem Angriff auf der Reichsstraße beteiligt gewesen und nun geflohen waren. Die gewaltsame Missachtung der gräflichen Autorität musste Konsequenzen haben, ganz gleich, ob die Angeklagten vorher schuldig gewesen waren oder nicht. Was ihm Erlan von Sindelsaum berichten konnte, deutete auf eine gut vorbereitete Aktion mit erfahrenen Leuten hin. Gero hatte zwar eine Ahnung, wer so skrupellos sein konnte, in ein gräfliches Gefängnis einzudringen, wenn es seinen Zwecken diente, aber behielt den Verdacht lieber für sich. Ein so gerissener Gegner hatte seine Ohren schließlich überall… doch in diesem Fall würde auch die beste List den Entkommenen nur sehr begrenzt nutzen: Zwar war es noch nicht offiziell mit Brief und Siegel, doch gingen sowohl Richtgreve als auch Baron davon aus, dass Eberhelm und seine Gefährten die Reichtsacht treffen würde. Sie würden nirgends mehr wirklich sicher sein, das konnte auch die geschickteste Intrige nicht verhindern. Insofern war der Treublatter einer Strafe nicht entgangen… Gero versicherte sich, dass es Erlan und seiner Knappin soweit gut ging, und bereitete sich dann auf den nächsten Schritt vor, den es zu tun galt.

Anghild von Entensteg konnte es kaum glauben, als sie aus dem Kerker geleitet wurde. Man hatte ihr aufgetragen, ihre Sachen zusammenzupacken… das bedeutete, sie würde nicht dorthin zurückkehren müssen… sie war frei! Ja, konnte es denn wahr sein? Gemeinsam mit ihrem Sohn Bolzer wurde sie von einigen Rittern zum Richtgreven geleitet. Unterwegs eröffneten ihr die Ritter vom See, dass ihr Mann geflohen und nun unter Acht und Bann stand. Er würde ihr so leicht nicht mehr gefährlich werden können!

Gero vom Kargen Land erwartete sie nicht etwa mit einem Haufen Dokumente hinter einem Schreibtisch hockend, sondern in einem größeren Aufenthaltsraum. Ein Kaminfeuer spendete angenehme Wärme. Es wirkte geradezu heimelig – besonders nach den vergangenen Tagen. Gero empfing Anghild und Bolzer an der Tür und verhielt sich ausgesprochen freundlich. „Bitte tretet herein.“ Ohne Umschweife eröffnete er beiden: „Da eine Partei des Konfliktes sich dem Zugriff des Gesetzes entzogen hat, kann der Prozess nicht wie geplant fortgeführt werden. Seine Hochwohlgeboren wertet die Flucht dazu als Schuldeingeständnis, womit sämtliche Anklagepunkte Euch gegenüber entfallen. Da ich Adelige nur ungern ohne erwiesene Schuld gefangen halte, freut es mich also sehr zu verkündigen: Ihr seid damit frei.“

Anghild fiel ein Stein vom Herzen. Endlich hatte der Albtraum ein Ende! Wenn sie nicht so ausgelaugt gewesen wäre von der Strapazen der letzten Zeit, hätte sie jauchzend vor Freude in die Luft springen können. Bolzer jedoch blieb sehr beherrscht. Er quittierte die Nachricht mit einer Verbeugung und einem „Unser Dank gilt Euch, seiner Hochwohlgeboren und den Zwölfen.“

„Wohl gesprochen!“, freute sich der Richtgreve. „Dass Ihr von den Zwölfen sprecht, passt ausgezeichnet, denn da ist tatsächlich noch eine Sache...“, redete er jovial weiter, während er die beiden zu einer Sesselgruppe am Feuer geleitete. „Aus der Sicht weltlicher Gerichtsbarkeit seid Ihr unschuldig und frei zu gehen. Allerdings habe ich noch zwei Besucher, die gerne mit Euch reden wollen.“ Nun wurde er etwas förmlicher und wies mit einer eleganten Geste auf zwei Frauen, die bisher durch die Sessel verborgen gewesen waren, in denen sie gesessen hatten, sich nun schweigend erhoben und ihnen zuwandten. Anghild wurde ganz blass und weitete die Augen.

„Hochwürden Francala vom See-Salmingen, Praios-Hochgeweihte zu Ferdok, und Hochwürden Herdane Haubinger, Travia-Hochgeweihte zu Angbar“, stellte Gero offiziell vor. Beide blickten die Neuankömmlinge aus wachen Augen abwartend an. Auch wenn die Götterdiener den den Anflug eines Lächeln zeigten, so fühlte Anghild den tiefen Ernst, der sich darunter verbarg.

Noch eine Befragung? Und diesmal unter dem Eid der Götter? Das würde sie nicht durchstehen! Panik überkam sie. Bevor die beiden Geweihten auch nur etwas sagten konnten, sprudelte es bereits aus ihr heraus. „Ich… ich gebe alles zu!“ Sie begann zu zittern, während sie weiterredete und beschwichtigend ihre Hände erhob. „Ich war die Geliebte Graf Orsinos, als ich damals als Ritterin an seinem Hof diente. Doch habe ich das Verhältnis vor meinem Traviabund beendet und danach nie wieder angestrebt! Ich habe meine eheliche Treue also nie gebrochen... Unsere letzte… Huldigung Rahjas geschah kurz vor meiner Hochzeit mit Eberhelm, so dass Bolzer tatsächlich Orsinos Sohn sein kann… ich vermag es selbst nicht mit Sicherheit zu sagen… ich habe es immer befürchtet, aber nie so genau wissen wollen.“ Sie war völlig aufgelöst. Bolzer starrte seine Mutter fassungslos an. Diese stockte kurz, fuhr dann jedoch fort. „Ich dachte, dass mir die Erinnerung einen Streich spielte, wenn ich in Bolzer Züge von Orsino zu erkennen glaubte. Darum ließ ich ihn nach Weiden in die Ausbildung schicken und bat ihn, sich Haar und Bart nicht so stehen zu lassen, wie es Orsino zu Lebzeiten getan hatte. Aber als Bolzer zurückkehrte, war mir klar, dass ich mich nicht geirrt hatte, sondern er tatsächlich wie Orsinos Ebenbild aussieht...“ Anghild erlaubte sich, sich von den Geweihten ab- und ihrem Sohn zuzuwenden. „Es tut mir so leid! Ich wollte mit Dir nach der Jagd über alles reden… aber erst wurden wir selber gejagd und dann lag ich auf dem Krankenbett...“ Tränen rannen ihr über die Wangen. Bolzer hatte den Mund leicht geöffnet, aber er war sprachlos und schüttelte nur ungläubig den Kopf. Anghild drehte sich wieder zu den beiden Götterdienerinnen. „Bolzer wusste von allem nichts. Das ist die Wahrheit und ich bin bereit, das unter zwölfgöttlichem Eid zu schwören, wenn Ihr es verlangt!“

Francala vom See-Salmingen gebot ihr mit einer kurzen Geste der Hand zu schweigen. „Ich denke, wir haben genug gehört.“ Dabei warf sie ihren Blick kurz auf Herdane Haubinger, die mit einem Verbeugen ihre Zustimmung bekundete. „Wir sind natürlich nicht unvorbereitet gekommen, sondern haben uns soweit abgesprochen, was die wichtigsten Punkte angeht. Der Richtgreve hat uns nicht nur in alle bekannten Tatsachen eingeweiht, sondern diese auch höchsterfreulich sauber von Gerüchten und Hörensagen getrennt, mit denen wir uns leider auch befassen mussten. Im Raum standen dabei noch einige Vermutungen, zu denen wir nun zumindest in Teilen praiosgefällige Klarheit erlangen konnten.“ Bei seiner Nennung verbeugte sich Gero dienerlich vor den beiden Geweihten. Die Praiosgeweihte lächelte kurz, vor dann wieder ernst fort: „Anghild von Entensteg, Euren eigenen Schilderungen nach zu urteilen habt Ihr zwar nicht bewusst die Unwahrheit erzählt, doch wiegt das Verschweigen der Wahrheit ebenso schwer wie eine Lüge. Nun mag es manche Adelige geben, die auf verschlungenen Pfaden ihr Ziel erreichen. Ihr als Ritterin jedoch habt Euch verpflichtet, dem einfachen Volk gegenüber ein besseres Bild zu bieten. Vor Eurem Ritterschlag musstet Ihr lernen, was die Tugenden eines Ritters sind. Das Verheimlichen Eurer Liebesbeziehung wird weder hesindianischer Weisheit noch rondrianischen Mut gerecht, und so wankt am Ende auch die praiotische Gerechtigkeit. Denn gerecht werdet Ihr es sicherlich nicht nennen können, dass Euer Gatte über einige wesentliche Tatsachen bislang im unklaren war. Obgleich das seine Taten nicht rechtfertigt, so hatte er für sein jahrelanges Misstrauen tatsächlich einen berechtigten Grund. Doch wo es an der Wahrheit innerhalb der Familie gebricht, da wächst schnell größeres Unheil heran. In diesem Fall kann niemand von Praios‘ derischen Dienern das erlittene Unrecht wieder ausgleichen. Kein noch so strenges Urteil über Eberhelm wird Euren Verwandten Birgon wieder lebendig machen, und obwohl Ihr ihn nicht selbst erschlagen habt, so war Eure Unaufrichtigkeit doch ein wesentlicher Schritt zu dieser Tragödie!“ Anghild nickte weinend und ließ ihren Blick beschämt zu Boden sinken. Die Worte der Geweihten trafen sie ins Herz. Ja, das hatte sie verdient!

Nun hob Herdane Haubinger an zu sprechen. „Die eigene Familie anzugreifen ist ein unglaublicher Frevel gegenüber Travias Geboten. Doch seht auch, wie er entstanden ist: Zwar habt Ihr nach dem, was Ihr erzählt, keinen Ehebruch begangen, aber treu ist man nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit dem Herzen! Ihr seid den Traviabund eingegangen, ohne Eberhelm über Eure Vergangenheit aufzuklären. Dadurch habt Ihr eine schwere Last auf Eure Ehe geladen, die den Frieden der Heimstatt schließlich zerstört hat. Ihr habt Euch schuldig gemacht, indem Ihr nicht aufrichtig gehandelt habt, als es an der Zeit gewesen wäre. Wie konntet Ihr einfach hoffen, dass nichts herauskommen würde? Die Saat für Zank und Hader habt Ihr gelegt – und am Ende mussten dafür sogar Leute sterben.“ Anghild flossen die Tränen weiter die Wangen hinab. Auch dies traf sie zurecht!

Die Traviageweihte war ihren letzten Worten sehr streng geworden und hatte die Stimme gehoben. Nun sprach sie etwas leiser, aber traurig: „Durch Euer eigensinniges Verhalten habt Ihr außerdem Eurem Sohn, den Ihr doch so liebt, seine Vergangenheit genommen – und jetzt auch seine Zukunft. Euer Gatte hat ihn vor seinem Angriff auf Euch von der Erbfolge ausgeschlossen.“

Anghild und Bolzer traf es wie der Schlag. Francala setzte unbeirrt die Ausführungen ihrer Kollegin fort. „Das diesbezügliche Dokument haben wir gesichtet und für rechtens befunden. Wir empfehlen dem Richtgreven, es anzuerkennen, denn es schafft Klarheit, wo lange Unsicherheit herrschte. Bolzer, Ihr müsst damit rechnen, dass das Haus Treublatt Euch verstößt, womit Ihr Euch nicht mehr „von Treublatt“ nennen dürft, sondern allenfalls den Namen „von Entensteg“ tragen könnt, sofern das entsprechende Haus Eurer Mutter bereit ist, Euch als einen der seinen unter sich aufzunehmen.“ „Wovon wir allerdings ausgehen, nach allem, was vorgefallen ist.“, ergänzte Herdane .

„Euch, werte Anghild, erwartet jedoch eine Prüfung der Götter.“, verkündete Francala ernst. „Dass Ihr uns gegenüber sofort alles zugegeben habt, ehrt Euch. Auch deutet Eure Reaktion auf das, was wir zu sagen hatten, darauf hin, dass Ihr bereut, was Ihr getan habt. Um zu zeigen, dass Ihr es ernst meint mit einem Neuanfang, sei Euch eine Pilgerreise als Buße auferlegt. Das Ziel sei ein Heiligtum des Praios, denn nachdem Ihr so lange mit der Wahrheit nicht herausrücken wolltet, sei ein heiliger Ort des Götterfürsten Euer Ziel, auf dass Ihr zu ihr zurückfindet.“ „Die lange Zeit alleine und unterwegs fern der Heimat sei zugleich traviagefällige Buße, auf dass Ihr erkennen möget, welchen Wert das heimische Herdfeuer hat!“, ergänzte Herdane ebenso ernst. „Der Kosch jedoch möge in Eurer Abwesenheit wieder zu Frieden zurückfinden.“ „Wenn Ihr in einigen Götterläufen wieder zurückkommt, sei Euch im Namen der Kirchen verziehen“, schloss Francala.

„Ich nehme das Urteil an und werde ohne zu säumen aufbrechen.“, riss sich Anghild wieder zusammen. Dann wandte sie sich an ihren Sohn. „Lebewohl, Bolzer… ich hoffe, Du kannst mir eines Tages verzeihen.“ Wieder schossen ihr Tränen in die Augen und sie verabschiedete sich so schnell, wie es der Anstand erlaubte, von den anderen Anwesenden und verließ mit eiligenSchritten das Zimmer.

Bolzer blickte die beiden Geweihten schweigend an und wartete darauf, dass sie etwas sagten, denn selbst wollte er nicht das Wort ergreifen. Da klopfte es an der Tür. Auf die freundliche Aufforderung des Richtgreven betrat Voltan von Falkenhag das Zimmer. Mit ernster Miene ließ er sich von Francala und Herdane schildern, was diese soeben erfahren hatten. Als es um die Frage des Erbes ging, fragte er an Gero gewandt: „Dann wird das Lehen doch sicherlich eingezogen, oder?“ „Ja, nach den jüngsten Ereignissen muss Beilklamm ohnehin neu vergeben werden. Mein Neffe Boronar wird sich nicht über den Willen der Kirchen hinwegsetzen. Damit steht alleine fest, dass Bolzer es nicht bekommen wird.“

„Hmm… und habe ich das richtig verstanden, Bolzer? Ihr seid in Weiden ausgebildet worden und habt Euch zusammen mit Eurer verletzten Mutter drei Tage durch den Baduarforst geschlagen?“ „Das ist richtig. In Weiden kennen die Ritter mehr Herausforderungen als nur die mit Schwert und Lanze. Dort habe ich gelernt, mich auch der Natur und der Witterung zu stellen.“ „Wohl gesprochen. Und wie Hochwürden mir übereinstimmend berichtet haben, habt Ihr mit der ganzen Sache nichts zu tun… trotzdem steht Ihr plötzlich als landloser Ritter dar.“ Voltan schüttelte den Kopf. „Nein, das soll nicht so sein. Wisst Ihr“, wandte er sich erneut an Bolzer, „mein verstorbener Bruder war sehr firungläubig und trat seinerzeit sogar eine Pilgerreise nach Bjaldorn an.“ Für einen Moment schien der sonst so beherrschte Voltan ein bisschen wehmütig zu werden bei der Erinnerung an seinen Bruder Orsino, doch dann fing er sich wieder. „Ihr scheint Euch ganz in seinem Sinne bewiesen zu haben – nicht durch Euer Aussehen, sondern durch Eure Taten. So erscheint es mir am besten, Euch zu einem Dienstritter des Hauses Falkenhag zu machen.“ An die Geweihten und Gero gewandt, betonte er: „Dies soll natürlich nicht mit einer offiziellen Anerkennung verwechselt werden! Diese Geste soll vielmehr verhindern, dass ein junger und fähiger Ritter aufgrund von Zweifeln an seiner Abstammung vor dem Nichts steht. Echtes Rittertum, so wie es Bolzer gezeigt hat, soll geehrt werden!“ „Wohl gesprochen!“, stimmte Gero vom Kargen Land zu, und auch die beiden Geweihten lächelten nun freundlich.

„Willkommen beim Haus Falkenhag, Bolzer!“, schlug Voltan dem jungen Ritter aufmunternd auf die Schulter, nun, da sich die Stimmung sichtlich gelöst hatte. “Macht Euch keine Sorgen. Die Tatsache, dass Ihr meinem verstorbenen Bruder so ähnlich seht, soll nicht Euer Pech sein. Wir finden schon eine geeignete Aufgabe für Euch.”