Flucht der Amme 1

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Hochfeld, 1028

Schon als die Tür von Gislinds Kammer hinter ihr ins Schloss fiel, hörte die Amme fremde Stimmen auf dem Hof. Schnell wandte sie sich rechts in einen schmalen Gang, der sie direkt zum Gesindetrakt führte. Ihre wenigen Sachen konnte sie getrost hier lassen – was hatte sie denn schon mehr als die Kleider an ihrem Leib? Das Kindlein, das sie vor wenigen Monden geboren hatte, war bald verstorben, andere Schätze besaß sie nicht, weshalb sich also aufhalten.
Ihre eiligen Schritte führten sie durch die Küche, wo die Köchin, das alte Biest, damit beschäftigt war, die Waren des Krämers zu prüfen. Die Gelegenheit, sich Reiseproviant zu besorgen, nutzend, ergriff sie, was leicht erreichbar war – Brot, Speck und Käse vom reichhaltigen Frühstückstisch der Köchin. Das Küchenmädchen sah sie fragend an, aber das dumme Ding war schwer von Begriff, so dass die Amme die Küche durchqueren konnte, ohne aufgehalten zu werden.
Der Planwagen des Krämers stand auf dem sonnenbeschienenen Hof, die Ladeklappe dem Kücheneingang zugewandt. Zu allen zwölf Göttern betend und nach allen Seiten blickend, legte die Amme erst das schlafende Baby in den Wagen und packte das Bündel mit Livelinds Sachen daneben. Dann kletterte sie selbst hintendrein und schlug die Plane wieder zu, um vor den Blicken der anderen Bediensteten und der Soldaten geschützt zu sein. Den Proviant verstaute sie in Livelinds Bündel, dann setzte sie sich auf einen Sack Bornäpfel und wartete bebend.
Nur wenige Momente später hörte sie den Krämer näher kommen, er rief der Köchin noch zu, dass er in 5 Tagen wieder vorbei komme, auch wenn ihre Feilscherei ihn in den Ruin treibe. Er verschnürte die Plane, ohne noch einen Blick in den Wagen zu werfen und setzte sich auf den Kutschbock. Die Pferde zogen an und bald veränderte sich das Klappern der Räder, so dass die Amme wusste, dass sie Gut Hochfeld verlassen hatten. Das wäre geschafft, aber was nun?
Livelind sollte zum Wehrmeister gebracht werden, der, soweit die Amme wusste, in Hammerschlag lebte. Aber wie in der Götter Namen sollte sie, eine einfache Amme, das bewerkstelligen?
Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie ganz auf sich allein gestellt war, sie sich niemandem anvertrauen konnte – die Herrin hatte ja gesagt, sie solle ungesehen bleiben. Außerdem waren, wenn sie alles richtig verstanden hatte, jetzt die Soldaten des Herrn Elwart hinter ihr und dem Kind her! Vor Entsetzen und Verzweiflung musste sie ein wenig weinen.
Doch es nützte nichts, sie musste nachdenken. Vielleicht würde der Krämer sie gegen ein paar der Münzen, die die Herrin ihr gegeben hatte, weiter mitnehmen? Doch würde er auch schweigen und, vor allem, war sie so schnell genug, um den Soldaten zu entkommen? Wohl kaum. Also weiter denken.
Sie hatte sich einmal mit dem Krämer unterhalten, bis die Köchin sie angefahren hatte, ob sie nichts Besseres zu tun hätte. Er hatte ihr erzählt, dass er von Gut Hochfeld aus Richtung Fünfbrunnen fährt und dann über Neuensteinigen zurück nach Gut Hochfeld. Sie würde es hoffentlich bis Fünfbrunnen schaffen und dort versuchen, den Wagen heimlich zu verlassen. Mit Glück könnte sie in Fünfbrunnen bei ihrer Cousine unterkommen und von dort aus weiter Richtung Herolds Wacht und über den Großen Fluss.
Sie seufzte – der Weg nach Hammerschlag war so weit und sie war nur eine arme, verängstigt Amme, die nie über Drakfold hinaus gekommen war.