Fest auf Grauensee

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Die verlorene Blüte des Hauses Falkenhag

oder wie aus einem jungen Grafen ein alter wurde

Grauensee, 1031

Ungezwungen sollte das Fest sein, dies war der ausdrückliche Wunsch des jungen Herrn Wilbur vom See gewesen. So war keine ausdrückliche Stunde des Beginns festgesetzt. Nach und nach fuhren die Karossen vor, legten die Boote der Herrschaften an, wenn sie vom Angbarer Seeufer herüberkamen. Manche der Gäste wandelten zunächst durch Hof und Garten des Wasserschlosses, welche festlich erleuchtet waren, andere strebten bereits ins Innere. Am Haupteingang empfing und begrüßte der Graf sie selbst. Hinter ihm standen sein Truchsess Voltan von Falkenhag, der elegante Magus, zudem der ergraute Garubald Grobhand von Koschtal, einst Truchsess der alten Grafschaft Schetzeneck und nun noch als Burgsass zu Koschtal Statthalter des neuen Grafen in den südlichen Landen seiner Herrschaft.


Fanfaren erschollen! Vom Bootssteg her, wo die fürstliche Jacht festgemacht hatte, näherte sich niemand anders als Seine Durchlaucht selbst. Die Garde-Greven, Axt und Greven-Stecken als Zeichen ihres Amtes in der Hand, bahnten dem Fürsten den Weg, eine ganze Schar Knappen und Pagen leuchtete mit Laternen den Weg. Vor allem aber an der Seite des Fürsten: Prinzessin Nadyana von Wengenholm und ihr Bruder, Herr Jallik von Wengenholm, der seit Wilburs Erhebung nicht mehr länger der jüngste Graf des Koschlandes war.

"Durchlaucht, willkommen!" Fürst Blasius nahm die Verbeugung entgegen, bedeutete Graf Wilbur eilig, sich wieder zu erheben. "Ungezwungen sollte doch dies Fest sein, lieber Graf! So hieß es in Eurer Einladung. Nun, darum wollen auch Wir es nicht zu förmlich nehmen und haben unser Kommen nicht angekündigt. Seht uns doch einfach als den Baron von Fürstenhort an, dies soll für heute Abend reichen. Wir sind ohnehin vor allem da, um über jemand zu wachen, die unserem Schutze anbefohlen wurde, und die wir schließlich die weite Reise von Fürstenhort hierher nicht allein machen lassen konnten - eine unserer Paginnen."

Fürst Blasius winkte eine zierliche Laternenträgerin im schwarz-grünen Rock des Hauses Eberstamm herbei. Schüchtern, aber strahlend trat sie näher - Komtess Niope vom See. Endlich konnte die Schwester des Grafen wieder ihren Bruder in die Arme schließen!


Während Fürst Blasius mit gütigem Lächeln das Wiedersehen des jungen Grafen und seiner kleinen Schwester genoss, hatten sich die übrigen Pagen und Knappen bei der Brücke versammelt, die zum Tor des Wasserschlosses führte. Mit großen Augen bestaunten sie die prächtigen, von Öllampen erleuchteten Kutschen, die eine nach der andern vorfuhren, und die festlichen Gewänder der Herren und Damen, die den Fahrzeugen entstiegen. Doch inmitten des Stroms edler Gäste bot sich nun ein ungewöhnliches Bild: Ein Paar hoch zu Ross, er in einem schäbigen rot-grünen Wams, das schon sein Ahn getragen haben mochte, sie gar in Beinkleidern und im - wenn auch glänzend polierten - Brustharnisch. Hinter ihnen folgte ein zwölf- oder dreizehnjähriger Junge, den man in einen zu großen Wappenrock gesteckt hatte.

“Wer sind die denn?“ wisperte Berwin von Treublatt dem pausbäckigen Sighelm zu Stippwitz-Hirschfurten zu. „Das Wappen kenne ich“, flüsterte dieser zurück, laut genug, dass es die Umstehenden hören konnten. „sind die Eltern der kleinen Efferdane, der Baron und die Baronin zu Geistmark. Die sind so arm, dass man sie zuletzt aus den Hügellanden rausgeschmissen und zu den Wengenholmern gesteckt hat!“

„Ruhe, ihr beiden!“ dröhnte der Seneschalk Kuniswart vom Eberstamm, der die Kinder beaufsichtigte. „Das gefällt dem Herrn Praios nicht, dass man sich das Maul über adlige Herren und Damen zerreißt!“

„Zumal es nicht wahr ist“, raunte die nahe stehende Perainhild von Leihenhof einer Edlen aus Uztrutz zu. „Es ist doch ein offenes Geheimnis, dass der Geistmärker den Lehnsherrn gewechselt hat, um abzulenken von seiner Verwicklung mit Graf Orsino und dem Rabenmund ...“

„Seine Frau war doch lange Gesandte bei den Rabenmunds, wollte gar nicht mehr heimkehren, als unser Fürst sie zurückrufen ließ ...“, flüsterte es zurück.


So leutselig hatte man den Baron von Vinansamt lange nicht gesehen. Lächelnd, in einem vorzüglich geschneiderten Rock, das Barthaar wohl beim besten Barbier Angbars gestutzt und ohne die sonst üblichen Augenringe vom langen Aufenthalt in Studier- oder Rechenstube - und vor allem nicht in solcher Begleitung.

"Wer ist die Dame?" erkundigte sich die Edle aus Uztrutz bei Perainhild von Leihenhof, die den Säckelmeister des Fürsten als Hofdame doch wohl gewiss des öfteren zu Gesicht bekam. Perainhild wusste den Namen: "Gidiane von Falkenstein, aus gutem garetischen Hause. Eine Verwandte des Draconiter-Abtes zu Leuwensteyn, den sie wohl schon das ein oder andere Mal im Vinansamtschen besucht hat."

Das war nun eine Botschaft: Der ewige Junggeselle Stoia in solcher Begleitung, und, ja, er sei bereits einmal nach Eslamsgrund gereist und habe mit dem Baron Haduwulf von Falkenstein gespeist - ob das etwas bedeuten mochte?


Auch der Reichsvogt Bosper zu Stippwitz war zugegen, in Begleitung hoher Ratsleute anderer Reichsstädte, die ihn als Sprecher des Reichsstädtebundes in Angbar aufgesucht hatten. Seiner Stiefmutter Praiodane zu Stippwitz-Hirschfurten wandten sich wie stets die Augen ungezählter Bewunderer und Verehrer zu - bis mit einem Mal eine unbekannte Dame zum Mittelpunkt der Festgesellschaft wurde.

An der Hand von Erbvogt Hernobert von Falkenhag hatte sie den Saal betreten - ein junges Mädchen mit schwarzer Lockenpracht, nicht von der atemberaubenden Schönheit der Praiodane zu Stippwitz, doch bezaubernd schlichter Anmut und jungfräulicher Frische.

Auch der in ein Gespräch mit dem Wengenholmer und Junker Ermst vom Erlenschloss vertiefte Hausherr nahm das allgemeine Erstaunen über die junge Dame wahr. „Wer ist ...“ wollte er sich wohl an den Truchsess Voltan von Falkenhag wenden, der eben noch an seiner Seite gewesen, doch nun verschwunden war. So trat der Graf gleich selbst auf die Dame zu und rief zur Verwunderung nicht weniger mit jugendlicher, doch fester Stimme aus: „Willkommen, Erbvogt - und ein Willkommen auch der edlen Frau an Eurer Seite, die meinem Feste unbekannten Glanz verleiht!“

„Besten Dank für Einladung und Eure freundlichen Worte, Hochwohlgeboren“, gab der Erbvogt zur Antwort. „Dies sage ich auch im Namen meiner Nichte Mechtessa.“ Da verstummten die Umstehenden, denn nun wussten sie: Die Jungfer war eine Bastardtochter des vormaligen Grafen Orsino von Falkenhag, die einzige, die der Bruder Hernoberts und Voltans je anerkannt und auf Schloss Grauensee hatte holen lassen. Zuletzt war sie zum Teil im Kloster der Heilenden Quellen zu Gôrmel erzogen worden.

„Wie konnte diese Blüte des Hauses Falkenhag so lange im Verborgenen blühen...“ raunte der Junker Polter von Stielzbruk, des Fürsten vertrauter Kammerherr.

In einer anderen Ecke des Raumes warf derweil Lefke von Rabenmund-Falkenhag einen Blick auf ihren Gatten, Bohemund von Falkenhag, den Sohn Voltans. Auf seinen ebenmäßigen Zügen zeichnete sich kaum verhohlene Verblüffung ab. Lefke zog leicht eine Braue hoch: „Wohlan, eine gelungene Überraschung für ein gelungenes Fest“, stellte sie trocken fest. Bohemund wandte den Blick nicht von seiner Cousine, die so plötzlich aufgetaucht war: „Gelungen?“ In seiner Stimme lag ein gefährliches Grollen.

„Derartige Überraschungen schätze ich gar nicht.“ Lefke lachte leise: „Mein beinahe gräflicher Gatte, du solltest deine Regungen nicht so offen zur Schau tragen. Die junge Dame ist deine Cousine und sollte mit Freuden in den Schoß der Familie aufgenommen werden.“ Damit reichte sie Bohemund ihren Arm und schritt leicht mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen an seiner Seite durch den Saal zu Hernobert und Mechtessa.

Die schöne junge Dame fühlte die Blicke der Umstehenden, die je nach Neigung neugierig bis ablehnend waren, stand aber aufrecht neben ihrem Onkel, abwartend. Der junge Graf blickte sich hilfesuchend nach seinem Truchsess um, Voltan von Falkenhag, dem er so sehr vertraute – oder vertraut hatte, wie eine warnende Stimme in seinem Innern sagte. Doch bevor er den Gedanken weiter verfolgen konnte, drang eine liebliche Stimme an sein Ohr: „Für Eure herzliche Begrüßung auf Schloss Grauensee, mit dem ich die schönsten Kindheitserinnerungen verbinde, danke ich Euch, Hochwohlgeboren.“ Verwirrt nahm Wilbur die ihm dargebotene schlanke Hand, um mit der gebotenen Höflichkeit der Dame mit einem Handkuss die Ehre zu erweisen - erst zögerlich, dann mit mannhafter Energie, wie man sie von ihm nicht erwartet hätte.

„Dann heiße ich Euch und Eure Nichte willkommen - und will sie um einen Tanz bitten“, wandte sich Wilbur an den Erbvogt und bot der Dame schon seinen Arm.

„Verzeihung ... Hochwohlgeboren ... ich ...“ - jetzt sträubte sie sich. „Mit Verlaub, Hochwohlgeboren, haltet ein!“ Aus einer Gruppe Edler trat der Junker Reto-Hlûthar von Bodrin-Hardenfels hervor, wenige Jahre älter als Graf Wilbur. Und wie er dies tat, gemahnte der Enkel des seligen Grafen vom Schetzeneck die Zusehenden an einen Luchs im Walde - nicht groß von Gestalt, doch sehnig, stark und schnell, wann immer er zuschlägt. „Verzeiht mein Einschreiten, doch mir scheint, dass es für das Zögern des edlen Fräuleins von Falkenhag einen Grund geben mag ... Dies ist Ihr erstes Fest, Ihr seid unser edler Gastgeber, doch weiß sie offenbar nicht, wem sie nach den Regeln der Etikette den Vorzug geben soll - Euer Hochwohlgeboren oder einem anderen Herrn aus gräflichem Hause, der schon zuvor den nächsten Tanz von ihr erbat.“, sprach der Junker von Bodrin – der in seinen Adern das Blut zweier gräflicher Linien vereinte. Der herumgefahrene Graf schwieg, ja, er schien keine Antwort zu wissen, krallte die Hände in den Gürtel, während sein Gesicht sich rötlich färbte.

„Ihr erlaubt also ...“ triumphierte Bodrin-Hardenfels und machte einen weiteren Schritt nach vorn, während Graf Wilbur sich hilfesuchend nach seinem verschwundenen Truchsessen umsah. Doch nur Burgsass Garubald Grobhand war an seiner Seite, welcher alles andere als glücklich aussah. „Ihr, Hochwohlgeboren ... er ...“ stammelte der alte Getreue des Hauses Bodrin. „Vielleicht der Hofherold als Richter der Etikettte...“

Alle schwiegen - denn der Hofherold war ja niemand anders als Erbvogt Hernobert von Falkenhag und wohl so oder so Partei in dieser Angelegenheit. Dem Junker von Stielzbruk fiel angesichts dieser Erkenntnis ein Stück Wachtelschenkel aus dem Mund, von dem er gerade abgebissen hatte. Doch ob Hernobert als fürstlicher Hofherold, als Oheim der jungen Dame oder gar als Bruder des als Reichsverräter gerichteten Herrn Orsino sprechen, was also er in diesem Augenblick gesagt hätte, erfuhr keiner der Anwesenden. Denn noch bevor er seinen Mund geöffnet hattte, war forsch ein dritter Man von gräflichem Blute an die junge Dame herangetreten. „Herr vom See, bester Erbvogt: „Wir Wengenholmer verstehen gewiss nicht viel von feiner Etikette. Doch vom Vorrecht des Alters, wie es die Zwerge und alle rechten Koscher pflegen, wissen wir wohl. Also dann, Musikanten!“, rief Graf Jallik - der nun wohl nicht mehr der Junge gerufen werden wird, denn mit dem Vorrecht des älteren ließ er die beiden jüngeren Grafensprösslinge stehen, ergriff flugs die Hand der Falkenhagerin und begann sich mit ihr zu drehen ...

Die Musik setzte ein, die Spannung begann sich zu lösen, und mit einem Mal war auch Truchsess Voltan wieder an der Seite des Hausherren. Von dem Geschehenen schien er nichts bemerkt zu haben: „Entschuldigt mein Fernsein, Graf – aber: der Fürst! Seine Durchlaucht bat mich, ihm noch einige Winkel des Schlosses zu zeigen, auf dass auch die neue Thalessia nach dem Wiederaufbau wieder ganz das Ebenbild Grauensees sei.“ Voltan, der dem Grafen Wilbur freundschaftlich die Hand auf den Unterarm gelegt hatte, wie einige Anwesenden später bemerkten, folgte dessen immer noch auf das tanzende Paar gerichteten Blick, und schien erst jetzt die die Personenkonstellation zu erfassen. „Doch wie ich sehe ... Willkommen Bruder! Und auch unsere Nichte amüsiert sich – wie auch sonst.“ „Auch wenn wir uns gerade in einer etwas diffizilen Lage befanden“, unterbrach Hernobert Voltan. „Euer Hochwohlgeboren mögen bitte entschuldigen: Sie ist noch beinahe ein Kind.“

„Wenn auch von einer Schönheit, die wohl geeignet wäre, die Sinne braver Männer zu verwirren ...“ kam es vom Truchsessen, der ein gewinnendes Lächeln sehen ließ, wie man es von seinem gräflichen Bruder Orsino kannte. Von Graf Wilbur erntete diese Bemerkung ein gezwungenes Lächeln. Der kurze Anflug von Mut und Mannhaftigkeit war wieder der gewohnten Schüchternheit des Jünglings gewichen. Stattdessen ergriff einmal mehr sein Truchsess das Wort: „Doch wollen wir denn feiern und die Götter preisen, dass wir heute Abend in Frieden und Eintracht des Grafen Großzügigkeit genießen dürfen. So viele Hohe des Koscher Landes sind heute hier versammelt wie seit langem nicht – die Gelegenheit möchten wir gerne nutzen, Hochwohlgeboren Wilbur.“

Voltan hob sein Glas, nickte Hernobert, Bohemund und Lefke zu: „Auf den Grafen vom See!“ – „Auf den Grafen vom See!“, ertönte es von den Umstehenden, die Erleichterung, dass die kompromittierende Situation gerettet war, klang allenthalben im Jubel mit.

Die junge Mechtessa aber verschwand nach dem Tanz mit dem Wengenholmer eilig aus dem Saal. Auch der Junker von Bodrin-Hardenfels verließ das Fest bald, doch frohen Mutes und mit einigen ebenso gut gelaunten Freunden aus dem Schetzeneck und Ferdok, wie es hieß. Der Burgsass Garubald eskortierte sie heimwärts gen Koschtal. Man sagt, Graf Wilbur sei nicht unglücklich gewesen, dass das Fest früher endete als jene Ballnächte, die das Schloss Grauensee noch zu Graf Orsinos Zeiten gesehen hatte. Er begleitete noch den Fürsten zu dessen Nachtgemach und zog sich dann zurück.

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