Ein unerwarteter Gast - Neuigkeiten

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Neuvaloor, 1032

Boromil führte seine Gäste indes unter eine Plane. Dort befand sich ein großer Tisch, der zur Hälfte mit irgendwelchen Plänen bedeckt war, zur anderen Hälfte jedoch offensichtlich als Esstisch diente. Grobe Stühle, die eigentlich nur große zurechtgeschnittene Baumstümpfe waren, standen dort bereits.
Es dauerte nicht lange, und eine bildhübsche junge Dame trug ein großes Tablett mit Krügen herbei. An ihrer Kleidung war ihre einfache Herkunft zu erkennen, doch dafür hatte sie ein regelmäßiges Gesicht mit glatter heller Haut, was gut zu den blonden Haaren passte. Sie wartete ein wenig zu lange, nachdem sie ihre Last abgestellt hatte, so dass Boromil, der ihre Anwesenheit bisher offensichtlich genossen hatte, sie mit einer leichten Kopfbewegung hinausschickte.
Er hob seinen Krug und sprach: "Auf den hohen Besuch, der meine bescheidene neue Heimat mit seiner Anwesenheit ehrt und der mir höchst willkommen ist!"
Erlan blickte der Magd nachdenklich nach, doch dann prostete er seinem ehemaligen Knappen zu.
„Auf den Gastgeber und darauf, dass dieses Unternehmen von Erfolg gekrönt sein wird.“
Boromil schien sich ganz gut zu machen. Von Standesdünkeln war der „Junge“ noch nie befallen gewesen, aber zu sehen, wie tüchtig er hier anzupacken schien, gefiel Erlan doch sehr.
„Ich muss wohl erklären, warum ich hier derart unangekündigt herein schneie.“
Erlan grinste schief.
„Du musst wissen, dass ich auf dem Weg nach Liepenstein bin, um dort am Dreigrafentag teilzunehmen. Es behagt mir eigentlich wenig so viel herumzureisen, aber mein Amt bringt das so mit sich.“
Erlan spielte damit auf den Dohlenfelder Thronfolgestreit an, in den er zu tiefst verstrickt war.
„Und da habe ich mir gedacht, wenn ich schon mal auf dem Weg bin, dann mache ich doch glatt mal einen Abstecher und besuche den guten Boromil. Und wahrlich, Du scheinst Dich hier wacker zu schlagen. Ich habe es mir daheim auf jeden Fall deutlich sumpfiger vorgestellt.“
Erneut grinste Erlan. Er war kein sehr ernster Mensch und schätze einen guten Streich über einem dieser unsäglichen Bälle, wie sie wohl im Außerkosch üblich waren.
„Meine Begleiter sollte ich Dir natürlich auch vorstellen. Gerwulf und Lechdan kennst Du ja sicherlich schon. Der junge Mann hier ist Praiophatius von Gernebruch. Er hat deine Nachfolge angetreten und kommt aus den Nordmarken. Und die junge Frau dort heißt Grimma Siebenrüb. Sie ist mit unserem Bäckermeister weitläufig verwandt.“
Auf sie würde Erlan später noch einmal zu sprechen kommen, aber erst einmal wollte er sich ein Bild machen.
„Berichte doch Boromil wie sieht es bei Dir aus. Es scheint fast, als wären hier alle geschäftig zu Gange, aber woran arbeiten die guten Leute hier eigentlich?“
"Tja, das ist nämlich so: Der ehemalige Magierturm hat einen Keller, der jedoch überschwemmt war und dessen Gänge größtenteils eingestürzt waren. Ich habe mir daher zwergische Unterstützung geholt, um ihn trockenzulegen und freizuschaufeln. Selbst mit Hilfe der Angroschim war das nicht leicht, denn es war zu vermuten, dass eventuell noch unbekannte Artefakte in den Räumen ruhten oder gar in der Erde. Darum habe ich noch die Wächter Rohals verständigt, um immer mal wieder auf Magie zu prüfen. Die Tatsache, dass meine Schwester Morena ihnen nach Beendigung ihrer Ausbildung beigetreten ist und sich ohnehin in Eisenkobers Wacht aufhielt, machte die Entscheidung sicherlich etwas leichter. Es mag auch eine Rolle gespielt haben, dass ich bereit persönlich einen Gegenstand bei ihnen abgeliefert habe, den wir bei der Erdkundung des Siedlungsplatzes gefunden hatten!"
Boromil winkte schnell ab.
"Fragt mich nicht nach Details! So eine verdächtig aussehende Schatulle mit einem Stein drin. Aber wo war ich stehengeblieben? Ach so, die Grabearbeiten! Wie den Anwesenden größtenteils bekannt sein dürfte, war dies früher das Gut von Ritter Hardger Kusi von Mönchbach. Meines Wissens haben hier am Ende außer dem Ritter selbst nur sieben Personen gelebt. Ich habe jedoch gute Aussichten, bis zum Ende des Jahres über eine bereits dreimal so große Siedlerschar zu verfügen. So viele Leute brauchen natürlich Platz! Mit dem Wiederaufbau der Ruinen ist es also nicht getan. Und da habe ich mir gedacht: Wenn ich sowieso mit zwergischem Rat baue, kann ich auch gleich fachmännische Keller in jedem Gebäude anlegen lassen. Selbst wenn die anderen Häuser welche hatten, sind diese inzwischen größtenteils ebenso verschüttet wie beim Turm. Außerdem muss natürlich noch geprüft werden, ob der Boden in der Zwischenzeit nicht aufgeweicht ist. Da fällt mir etwas ein, entschuldigt mich kurz..."
Boromil ging zum Eingang und rief offensichtlich in Richtung der Arbeiter: "Macht schon mal ohne mich weiter! Ich habe noch etwas zu besprechen!"
Dann kehrte er zum Tisch zurück.
"Ich weiß, etwas unhöflich von mir als Gastgeber, mich vorzeitig zu erheben, aber bevor der Winter kommt, müssen die ersten Häuser stehen, und es muss einige Zeit ohne mich weitergehen. Ich werde nämlich in den nächsten Wochen verreist sein. Vater hat mich gebeten, die Familie auf dem Reichskonvent in Weidleth zu vertreten. Es ist natürlich eine große Ehre, nur hätte es einen günstigeren Moment für mich geben können, um mehrere Wochen auf einer Reise in den Windhag zu verbringen."
Hier blickte der Ritter vom Kargen Land halb lächelnd, halb entschuldigend zu seinem ehemaligen Knappenvater. Da ging es offenbar beiden gleich.
"Nun, soviel zu der aktuellen Grabearbeit..."
Erlan hörte aufmerksam zu. Beim Part mit dem Fund im Keller blickte er etwas ungläubig, doch als Boromil bei seinen Reiseplänen angelangt war schmunzelte er.
„Ja der Reichskonvent. Mir wäre das dann aber endgültig zu viel Reiserei. Ab und an muss man sich auch mal um sein Lehen kümmern. Du musst mir unbedingt schreiben, wenn du aus dem Windhag wiederkommst. Welche Pläne hast du denn für dein Land? Hast du schon in Erfahrung gebracht, was sich hier gut anpflanzen lassen würde? Wenn es um Getreide geht, kann ich dir nur empfehlen, den Rat aus dem Mühlentempel einzuholen.“
Alle Anwesenden wussten natürlich, dass hiermit der Tempel in Sindelsaum gemeint war. Geweihte der Peraine hatten einst einen betrügerischen Müller vertrieben und dort stattdessen einen Tempel eingerichtet.
„Nachdem du mich ein wenig eingeweiht hast sollte ich vielleicht ein paar Worte verlieren. Du hast aus Dohlenfelde sicherlich schon Gerüchte gehört. Tatsächlich war unser Angriff erfolgreich und die Baronie ist an Hagen gefallen. Angrond konnte allerdings entkommen. Der Sturm auf seine Burg Dohlenhorst hat aber viele Leben gekostet. Hagens Position ist jetzt so stark wie nie zuvor, aber wenn man bedenkt, wie lang die Liste mit Angronds Verbündeten ist, dann sehe ich doch ein wenig schwarz für den Jungen. Die Söldner, die ich für den Kriegszug angeworben habe, habe ich auf jeden Fall auf Burg Dohlenhorst zurückgelassen. Man weiß ja nie.“
Erlan war über diese Entwicklung nicht allzu froh, und das konnte man ihm auch ansehen.
„Hagens andere Verbündeten sind aber ein wilder Haufen. Da sind die Barone von Tandosch, die wenig mehr als Flusspiraten sind, und der Baron von Eisenstein, der ein übler Bluthund ist. Du weißt ja, dass wir Sindelsaums den Salmingens in Freundschaft zugetan sind, aber ich glaube, wir haben unsere Schuldigkeit getan.“
Erlan war daran gelegen das leidige Thema zu wechseln.
„Wie verstehst du dich denn mit deinen Nachbarn? Zeichnen sich dort schon Antiphatien oder Freundschaften ab, und welche Pläne hast du für dein Gut?“
Boromil war bei den Schilderungen Erlans immer mehr froh gewesen, nicht in diesen Streit verwickelt zu sein. Bei einer Fehde um den Titel des Barons von Rohalssteg hatte seine Familie einst den Stammsitz verloren. Diese Erfahrung hatte sich ins kollektive Gedächtnis der Überlebenden eingebrannt. Den Zwölfen sei Dank war Erlan bisher nichts zugestoßen! Doch als dieser das Gespräch auf die anderen Neusiedler lenkte, stand er auf und fing langsam zu reden an, während er sich auf den Eingang zubewegte.
"Da könnte ich natürlich tagelang erzählen! Wir haben bei der Besichtigung schon einiges erlebt und uns auch kennengelernt. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass..."
Boromil hatte seine Stimme immer mehr gesenkt. Plötzlich machte er einen schnellen, großen Schritt nach draußen. Dann rief er, etwas lauter als es eigentlich nötig gewesen wäre: "Ah, ausgezeichnet! Du bringst den Imbiss genau richtig!"
Prompt betrat er erneut den Raum, dicht gefolgt von der blonden Frau, die leicht errötet ein Tablett mit Brot und Käse trug. Konnte sie vorher nicht genug von den Gästen erhaschen, so blickte sie nun fast schüchtern auf den Boden. Nachdem sie alles auf den Tisch gestellt hatte, wollte sie schon fast wieder gehen, ohne dass sie vom Ritter vom Kargen Land entlassen worden wäre.
Doch da betrat ein Hüne von einem Mann den Raum. Die blonden Haare und der Bart waren zu kleinen Zöpfen geflochten. Am Oberkörper trug er nur eine dünne Weste, so dass seine muskulösen Oberarme gut zu erkennen waren. Statur und Barttracht ließen sofort an einen Thorwaler denken. Doch es fehlten die so häufigen Hautbilder und er trug offensichtlich keine ihrer typischen Waffen. Die blauen Augen schauten denn auch eher freundlich als grimmig.
Respektvoll wandte er sich an Boromil: "Ihr hattet mich rufen lassen, Herr?"
"Ja. Du hattest doch zusammen mit den Zwergen vor ein paar Tagen am Fluss eine Stelle mit besonders gutem Lehm gefunden. Ich möchte, dass Du mit Tsalva dorthin gehst und gemeinsam mit ihr alles besorgst, was sie als Rohmaterial für Ziegel und Töpfe benötigt!"
Der Riese lächelte, als hätte man ihm einen Gefallen getan statt Arbeit gegeben.
"Ja, Herr!" nickte er unverzüglich und machte sich dann mit Tsalva auf den Weg. Boromil konnte ein Lächeln nicht verkneifen, als er den beiden nachsah und sich dann wieder seinen Gästen zuwandte.
"Die Töpferin ist sehr hübsch und eine Zierde für jedes Rittergut! Leider ist sie auch sehr neugierig, und obschon man in meiner wissbegierigen Familie diese schlechte Eigenart eher nachsieht, so ist doch nicht für Tsalvas Ohren bestimmt, was ich Euch zu sagen habe. Deswegen habe ich unseren Halbthorwaler mit ihr fortgeschickt. Er ist dem anderen Geschlecht sehr angetan und wird bestimmt dafür sorgen, dass sie nicht plötzlich verschwindet."
Er schüttelte kurz lächelnd den Kopf.
"Kaum zu glauben, dass man ab und zu seine eigenen Leute ein wenig austricksen muss! Aber noch gibt es hier keine ruhigen Zimmer, in die man sich zurückziehen kann. Aber wo war ich stehengeblieben?"
Sein Blick schweifte über die Runde und blieb bei Grimma Siebenrüb hängen, woraufhin Erlan ihr mit einem Kopfnicken zu verstehen gab, dass es nun besser wäre zu gehen. Er wusste, dass sie eine tüchtige Handwerkerin war, aber wie gesprächig sie war, wusste er nicht. Boromil fuhr seelenruhig fort.
"Jedenfalls sind die anderen fünf Neusiedler ebenfalls aufgrund ihrer Familien weitläufig mit dem erloschenen Baronshaus von Farnhain verwandt. Offenbar wollte unser geliebter Fürst nicht mehr alles einem Adligen überlassen. Ich zähle mal reihum auf, während Ihr Euch frei bedienen könnt."
Dabei machte er eine einladende Geste, damit sich die anderen endlich an den Speisen gütlich tun konnten.
"Mein direkter Nachbar im Südosten heißt Grimm Goldmund von Koschtal. Er war bisher nicht vom Glück gesegnet, sondern traf erst mit mehrtägiger Verspätung ohne Schwert und Pferd und mit einem Bärenhunger auf uns andere. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, wird seine Siedlung von einem Tsageweihten unterstützt! Dieser war noch nicht bei der Besichtigung der Siedlungsplätze dabei. Direkter Nachbar Grimms im Osten ist Roban Grobhand von Koschtal. Ja, ja, ich weiß, was Du denkst: Sprösslinge der verfeindeten Familien direkt nebeneinander, kann das gutgehen? Aber Roban hat eher angedeutet, dass er diese Fehde nicht fortführen will. Ein Neuanfang in jeder Hinsicht! Der Grobhand macht seinem Namen alle Ehre, aber sonst einen ganz soliden Eindruck. Ist wohl im Krieg im Osten gewesen. Jedenfalls hat er eine ganz schöne Angst vor Untoten. Aber er war wenigstens mutig genug, einen Siedlungsplatz mit Irrlichtern zu wählen. Im Nordosten wohnt das genaue Gegenteil, der feinsinnige Rainfried von Grimsau! Stammt wohl aus Almada und redet auch so, trotz des Koscher Namens, und hat eine Rahjageweihte dabei - ach ja, und seine Großmutter, die vergisst man leicht, wenn man die Geweihte gesehen hat."
Boromil zwinkerte Erlan grinsend zu.
"Er will jedenfalls Wein hier im Moor anbauen! Na, dann viel Spaß! Aber ernsthaft: Er ist uns im Wesen wohl am ähnlichsten, nicht so ein unbedachter Haudrauf, sondern den feinen Dingen zugewandt."
Nun sog Boromil die Luft ein.
"Im Norden von ihm siedelt Reto von Tarnelfurt. Ebenfalls Veteran vom Krieg im Osten. Der hat immer einen Perainegeweihten und einen Jäger um sich herum. Zugegeben, natürlich sehr praktisch, der eine konnte jeden Boden untersuchen und der andere immer etwas jagen. Auch ist Reto ein charismatischer Kerl, der andere für sich einzunehmen weiß. Jedoch..." - hier machte Boromil eine Pause, wohl um sich die richtigen Worte zu überlegen - "hatte er von Anfang an einen festen Plan. Er will unbedingt dem Dreischwesternorden hier ein Kloster errichten. Als Vogt Morwald Gerling den Schrein erwähnte, den jeder Siedler gespendet bekommt, redete er gleich von einem ganzen Tempel! Wie er das wohl schaffen will... und er wollte sofort Verbündete unter uns Siedlern für sein Vorhaben werben. Ehrlich gesagt, Erlan, gefällt mir diese Fixiertheit nicht. Mir liegt ja eher das Abwägen. Vielleicht liegt es auch daran, dass mich Reto oft an Holdwin erinnert in seiner ganzen Art."
Bei der Erwähnung seines älteren Bruders zuckte Boromils mit den Schultern.
"Wie auch immer, ich verspüre keine große Lust, mein ganzes Streben und damit mein ganzes Lehen, und darunter würde es ja wohl nicht gehen, seinem großen Ziel unterzuordnen. Ich habe doch nicht ein Stück Land bekommen, nur um mich einem Gleichrangigen zu unterwerfen, dem ich nichts schuldig bin! Aber bevor ich mehr von meinen eigenen Plänen erzähle, sollte ich noch den letzten Neusiedler erwähnen. Ein ganzes Stück von Reto entfernt, mit dem er nicht gerade grün ist, siedelt im Nordosten Edelbrecht von Borking."
Hier wurde der Ton in Boromils Stimme deutlich unbeschwerter.
"Der junge Mann ist unbeherrscht und hat eine Abscheu vor Magie. Noch auf Burg Birkendamm wusste er, dass er unbedingt diesen einen Standort haben musste. Und dennoch... eines Nachts während der Wache hat er mir sein Herz ausgeschüttet. Er hat es wohl nicht leicht... jedenfalls schätze ich es, wenn jemand mir vertraut. Und das hat uns trotz all der Unterschiede zusammengeschmiedet. Wir haben uns gegenseitig Unterstützung versprochen, er mir durch zwergische Freunde, ich ihm durch meine magiebegabten Geschwister. Edelbrecht siedelt ja in der Nähe eines Geodenkreises. Er will ihn zumindest einmal untersuchen lassen. Schade, dass er soweit weg wohnt. Wir wären gerne direkte Nachbarn geworden! Nun, soviel zu den anderen Rittern. Was möchtest Du über meine Siedlung wissen? Die Gottheit des Schreins? Die Siedler? Die Pläne für die Zukunft? Oder gar" - und hier fing Boromil an zu feixen - "den Namen? Doch zuerst lasst uns noch einen Krug leeren. Ich rede die ganze Zeit und lasse Euch verdursten!"