Ein Schwertfest zu Ehren Rondras

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Das Turnier am Greifenpass

Der 15. Rondra 1031 BF war ein klarer Sommertag, kein Wölkchen war am Himmel zu sehen. Heiß und unbarmherzig brannte die Praiosscheibe auf den Greifenpass nieder, den Schicksalspass des Königreichs und Fürstentums Kosch, über den die Reichsstraße 3 von Gareth nach Havena führte. Der markante Gipfel in Gestalt eines hockenden Greifen, der über den wichtigsten Pass des Raulschen Reiches auf 1600 Schritt Höhe wachte, hatte im Laufe der Äonen schon viel gesehen, vor einem Augenblick aus seiner Perspektive etwa den vergeblichen Kriegszug des wahnsinnigen Landgrafen Baldur Greifax von Gratenfels, der 1003 BF mit seinen Rittern und Söldlingen versuchte, Wengenholm nicht nur wider jedes Recht, sondern auch wider jeden Menschenverstand zu erobern.
An diesem Schwertfest hatte sich erneut eine große Schar nordmärkischen Waffenvolks eingefunden, und manch einem alten Bergbäuerlein, das hier an der Waldgrenze sein kärgliches Dasein fristete, war beim Anblick der blinkenden Rüstungen und Waffen der hohen Herren genauso Angst und Bange wie vor 28 Jahren. Indes waren die nordmärkischen Rittersleut’ diesmal nicht hier, um Krieg zu führen, sondern um einer Herausforderung dreier stolzer Koscher Ritter zu begegnen:
Baron Hagen von Salmingen-Sturmfels, Junker Thalian Has von Hügelsaum und Ritter Geron von Bärenstieg hatten den Greifenpass an seinem höchsten Punkt besetzt und alle nordmärkischen Rondrageweihten und Ritter herausgefordert, sich mit ihnen im Fußkampf mit blanker Klinge zu messen. Erst wenn sie alle drei einer nach dem anderen bezwungen wären, würden sie den Greifenpass räumen und den Nordmärkern den Weg in ihre Koscher Heimat freigeben.
Dies war jedoch weniger als Provokation wider die Vasallen des Herzogs vom Großen Fluss gedacht, sondern vielmehr als ein zur Ehre der Göttin Rondra ausgerichtetes Turnier. So war außer den herausgeforderten Rondrageweihten und Rittern, die den hockenden Greifen von West nach Ost passieren wollten, selbstverständlich niemand von der Sperre des Passes betroffen – Geweihte anderer Gottheiten sowie Gemeine und Anderleut’ durften ungefragt in beide Richtungen passieren.
Die drei herausfordernden Ritter kamen aus den drei Grafschaften des Kosch – Hagen stritt für das reiche Ferdok, Thalian für die friedlichen Hügellande, Geron für das zwar arme, aber umso stolzere Wengenholm – und waren mit dem ausdrücklichen Segen ihres Fürsten Blasius vom Eberstamm angetreten, der die drei Recken in seinem Angbarer Schloss auf ihrer Reise zum Greifenpass auf ein kühles Bier eingeladen hatte. Seine Durchlaucht hatte dann sogar seine Knappen und Pagen unter Führung seines Vetters Kuniswart vom Eberstamm entsandt, auf dass diese sich das rondragefällige Kräftemessen nach bester Koscher Art ansehen und dabei lernen mögen.
Auch hatte der Fürst seinen Hofherold Hernobert von Falkenhag entsandt, um als Turnierherold zusammen mit der Turniermarschallin, der Salminger Rondrahochgeweihten Leuengunde vom Berg, auf dem Greifenpass über die Einhaltung der der Herrin Rondra gefälligen Regularien und die Ritterlichkeit der Teilnehmer zu wachen.
Natürlich war die große Tat in aller Form und lange im Voraus angekündigt worden, und so hatten sich gut fünfzig Ritter, eine Handvoll Rondrageweihte sowie zwei Ordensritterinnen des Bannstrahl Praios’ am Greifenpass eingefunden, um den drei Koschern eine Lektion in nordmärkischer Kampfkunst und wahrhafter Ehrenhaftigkeit zu erteilen. Die Edelleute, die die Herausforderung der Koscher angenommen hatten und ihre bunten Turnierzelte entlang der Reichsstraße aufgebaut hatten, wurden vom Turnierherold in die Turnierrolle eintragen, um schließlich ihren Gegnern zugelost zu werden. Je drei Nordmärker Ritter würden gleichzeitig gegen die drei tapferen Koscher antreten. Gesiegt hätten die Nordmärker nur dann, wenn es ihnen gelingen würde, in einem Durchgang alle drei Koscher zu bezwingen. Gekämpft wurde natürlich mit stumpfen Waffen, und der fürstliche Herold sowie die rondrageweihte Turniermarschallin sollten entscheiden, wann ein Kampf gewonnen oder verloren war.
Die nordmärkischen Herausforderer waren nicht nur an Zahl groß, sondern auch illuster: Gratenfelser Hochadlige wie Baron Traviadan von Schwertleihe, Baronin Roana Eberwulf von Tannwirk und Baron Hagunald von Fischwachtal waren dabei, die mit ihrem bewaffneten Ritt zum höchsten Punkt des Greifenpasses auf den Spuren ihrer Eltern wandelten, die dereinst mit Landgraf Baldur Wengenholm angegriffen hatten.
Aber es war auch Reichskammerrichter und Baron Angrond von Sturmfels m.H. dort, der mit seinem Halbbruder Hagen von Salmingen-Sturmfels um die Herrschaft über die Isenhager Baronie Dohlenfelde stritt – ein recht lächerlicher Streit, wenn man bedachte, dass selbst der Herzog der Nordmarken den Anspruch des Koschbarons Hagen unterstützte.
Auch die Schwester Baron Angronds – Derya von Sturmfels, die Gattin Baron Hagunalds – war zum Greifenpass geritten. Seine Hochgeboren Welfert von Mersingen ä.H. schließlich, Baron zu Aschenfeld und Heermeister der Rabenmark, reiste zwar von Ost nach West und auch nur zufällig über den Pass und war nicht einmal ein Vasall Herzog Jast Gorsams – sein nordmärkisches Edlengut Hungersteg lag zwar am Großen Fluss zwischen Albenhus und Twergenhausen, gehörte jedoch zu Kaiserlich Weidleth –, bat aber dennoch darum, sich am Turnier auf Seiten der Nordmärker beteiligen zu dürfen. Da der Mersinger weithin bekannt war, wurde dieser Bitte von der Turniermarschallin und dem Turnierherold ohne Zögern entsprochen, woraufhin Welfert in die Turnierrolle eingetragen wurde.
Ein dreister außerkoscher Schwertgesell und ein hochnäsiger Patrizier mit Kriegerbrief wurden indes abgewiesen, war diese Turnei doch ausnahmslos für Personen gedacht, die einen Ritterschlag oder Rondras Weihen empfangen hatten.
Als endlich feststand, wie groß die Zahl der Herausforderer war, wurde entschieden, die Kämpfe auf beide Tage des heiligen Schwertfestes zu verteilen: Am ersten Festtag sollten zehn Kämpfe stattfinden, und am zweiten Festtag noch einmal so viele. So sollte verhindert werden, dass sich die drei Koscher zu sehr verausgabten und sich zwischen den Kämpfen immer ausreichend stärken konnten, hatte doch die Ferdoker Brauerei zahlreiche Fässer ihres exzellenten Bieres zur Verfügung gestellt, um die Koscher Recken und ihre Herausforderer zu stärken.
So wurde am frühen Morgen des Schwertfestes des Jahres 1031 BF von Ihrer Hochwürden Leuengunde, der Turniermarschallin, ein feierlicher Göttinnendienst zelebriert, und danach rief der Turnierherold ebenso feierlich alle Teilnehmer namentlich auf, stellte die drei Koscher Herausforderer ausführlich vor, kündete von deren Turnier-, Schlachten- und sonstigen Heldentaten.
Das Gesinde, das die fast sechzig Edlen, die die Herausforderung der drei Koscher angenommen hatten, begleitete, verteilte sich auf den Wiesen zur Linken wie zur Rechten der Passstraße, die jüngeren Maiden und Burschen kletterten gar waghalsig auf gefährliche Felsvorsprünge. Dazu kamen noch viele Dutzend neugierige Bergbauern aus der Umgebung, und noch einmal so viele geschäftstüchtige menschliche und hügelzwergische Angbarer, die auf nahe gelegenen Almen sogar einige Schaubuden und Bierstände aufgebaut hatten. Alles in allem hatten mehr als fünfhundert Schaulustige den beschwerlichen Weg zum Greifenpass auf sich genommen, um im Schatten des steinernen Greifen zu verfolgen, wie sich die drei Koscher Ritter schlugen.
Der erste Durchgang begann recht gut für den Kosch. Herr Geron, der erfahrenste der drei Herausforderer, bezwang in einem langen und oft hin- und herwogenden Kampf den mächtigen nordmärkischen Ritter Koromar von Liobas Zell, und auch Hagen von Salmingen-Sturmfels rang seinen eigentlich favorisierten Gegner, Leubrecht vom Roten Weiher, nieder.
Doch für Junker Thalian kam es arg: Im Zweikampf war er Baron Angrond von Sturmfels – dessen Freude groß war, in der ersten Runde kämpfen zu dürfen, aber der dann doch enttäuscht darüber war, dass Phex es ihm nicht vergönnte, gegen seinen Halbbruder zu streiten – deutlich unterlegen. Als der Kampf eigentlich schon entschieden war, und alle nur noch auf ein Zeichen der Marschallin oder des Herolds warteten, trat der Junker in einer Rückwärtsbewegung ungeschickt auf einen Stein, rutschte ab und brach sich dabei den Fuß. Der Nordmärker war sichtlich betroffen, doch traf ihn keine Schuld an diesem Missgeschick.
Eine peinliche Pause entstand, als klar wurde, dass die Koscher keinen Ersatzmann für den wackeren Junker hatten – an einen Unfall dieser Art hatte niemand gedacht. So berieten die drei Herausforderer lange mit dem Turnierherold und der Turniermarschallin, als schließlich Schwertbruder Kuniswart vom Eberstamm, Seneschalk von Kosch und Lehrmeister der Knappen des Fürsten, hervortrat und sein Schwert anbot, um an des Junker Thalians Statt zu zeigen, wie ein Eber zu kämpfen versteht. Als keiner der in die Turnierrolle eingetragenen Streiter Einspruch dagegen erhob, stellte sich der rondrageweihte Kuniswart zwischen Geron und Hagen auf die Reichsstraße, um den Nordmärkern eine Lektion zu erteilen.
Die nächste Runde brachte eine Überraschung: Der kampferprobte Ritter Geron war offenbar nach seinem Sieg gegen Ritter Koromar hochmütig geworden und unterlag überraschend schnell der unerfahrenen, in den Nordmarken belehnten, jedoch aus Albernia stammenden Gilia von Siobháran. Gleichzeitig unterlag Baron Hagen der Baronin von Witzichenberg, Roana Eberwulf von Tannwirk. Fast schon schien es, dass das Turnier im zweiten Durchgang beendet sein könnte, doch wie nicht anders zu erwarten bezwang Herr Kuniswart die Ritterin Sigberta von und zu Darlinstein.
Auch im dritten Durchgang sollte für den Kosch schon wieder fast alles zu Ende sein, denn erneut unterlag Herr Geron überraschend: Die Turniermarschallin und der Turnierherold erklärten die Ritterin Wilgunde von Nadelfels zur Siegerin, nachdem diese mit einem waghalsigen und göttinnengefälligen Ausfall ihren erfahrenen Gegner mit dem Rücken an einen Felsvorsprung getrieben hatte. Weil sich die Ritterin lautstark vom Publikum feiern ließ, ging fast unter, wie sich Baron Hagen nach einem ausgeglichenen Kampf seinem Schwager Hagunald von Fischwachttal, ergeben musste. Erneut war es Herr Kuniswart, der das Schlimmste verhinderte: Wie Phex es wollte, kämpfte Derya von Sturmfels, die Gattin Baron Hagunalds, im gleichen Durchgang – und unterlag dem mit weit größerer Ernsthaftigkeit kämpfenden Seneschalk des Kosch.
Im vierten Durchgang wandte sich das Kampfglück zugunsten der Koscher. Zwar unterlag Herr Kuniswart dem wie ein Löwe kämpfenden Albin Firunwolf Leuenhard von Aarberg, aber Herr Geron fand zu alter Stärke zurück und besiegte den Flussgardistenrittmeister Badurad Hlûthar von Harthals in einem kurzen, aber von beiden Seiten hart geführten Schlagabtausch. Der herausragende Kampf dieser Runde fand zwischen Baron Hagen und der ranghöchsten Vasallin seines Halbbruders Angrond statt, der Edlen Roana von Schwarzfels, der Bannerträgerin der Baronie Dohlenfelde:
Baron Angrond selbst hatte vor dem Zweikampf darauf geachtet, dass die Rüstung seiner Vasallin richtig saß und ihr Schwert keinen Mangel aufwies – es war, also würde um die Krone der Baronie gekämpft! Die nordmärkische Edle und der Koschbaron waren sich an kämpferischen Fähigkeiten gleich, und beide wollten eine Entscheidung. Voller Göttinnenvertrauen gingen sie aufeinander los, beide darauf bedacht, der Frau Rondra durch heroische Offensive und der Vernachlässigung der eigenen Deckung zu gefallen. Der Kampf wogte noch lange hin und her, als die beiden anderen Duelle schon längst entschieden waren – und es wäre der Ehre beider Streiter sicherlich nicht abträglich gewesen, den Zweikampf für unentschieden zu erklären. Doch dies sah das Reglement nicht vor.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, Baron Hagen war wie seine Kontrahentin sichtlich am Ende seiner Kräfte, glitt diesem sein Schwert aus der Hand und die Edle Roana setzte ihm die Klinge auf die Brust – der tapfere Koscher hatte verloren.
Als nun Baron Angrond zu seiner Vasallin schritt, um ihr zu gratulieren, beugte sie vor diesem das Knie und bat ihn – zu aller Anwesenden Überraschung – darum, den Lehnseid zu lösen, sie aus seinen Diensten zu entlassen. Denn tief in ihrem Herzen wisse sie, dass Baron Hagen, der wie ein Löwe zu kämpfen verstehe, der rechtmäßige Baron zu Dohlenfelde sei – sie schätze jedoch auch Baron Angrond, der Dohlenfelde immer ein guter Herr war. Um diesem Dilemma zu entgehen, sehe sie nur einen Ausweg: Sie wolle alle weltlichen Ämter niederlegen und die Weihen der Rondra empfangen. Baron Angrond war ebenso entsetzt wie überrascht, doch konnte er unter den ernsten Blicken der anwesenden Rondrageweihten kaum anders, als ihrem Wunsch nachzukommen.
Roana, nun nicht mehr Edle zu Wolkenfold, erhob sich und bat die Turniermarschallin, die Salminger Schwertschwester Leuengunde, eine offene Unterstützerin der Ansprüche Hagens, sie als Novizin zu akzeptieren. Leuengunde reichte Roana die Hand. Ein Raunen ging durch die Zuschauermenge, doch bevor Angrond oder Hagen das Wort ergreifen konnten, rief der Turnierherold die nächsten drei Nordmärker auf, dass sie gegen die Koscher Ritter streiten mögen.
Der ob des Seitenwechsels der ranghöchsten Vasallin seines Halbbruders triumphale Baron Hagen besiegte mit stolzgeschwellter Brust den ihm in Freundschaft verbundenen, alternden Ritter Rondrian von und zu Maringen in einem ehrlichen Duell. Doch dieser Kampf interessierte die Zuschauer weit weniger als der Zweikampf zwischen Herrn Geron und Baron Welfert von Mersingen: Die beiden meisterlichen Schwertkämpfer umkreisten sich mehrfach, bevor es schließlich Welfert war, der eine Schwachstelle bei seinem Gegner bemerkt hatte und den Kampf mit einer hundertfach eingeübten Schlagkombination eröffnete. Doch der alte Recke Geron hatte den darpatischen Baron offenbar absichtlich in die Irre geführt und parierte den Angriff ohne große Mühen. Der für einen Augenblick verwirrte Welfert geriet plötzlich in die Defensive, und Geron war entschlossen, den Kampf schnell zu Ende zu bringen. Ein wuchtiger Hieb nach dem anderen traf den Heermeister der Rabenmark, der nur mühsam gegenhalten konnte und schließlich unter der schieren Wut der Angriffe seine Deckung fallen lassen musste. Nach zwei schweren Brust- und einem Kopftreffer beendete die Turniermarschallin den ungleichen Kampf.
Dass nicht das ganze Zuschauerinteresse bei diesem Kampf war, lag einzig an der Größe des dritten Duells: Der Koscher Rondrageweihte Kuniswart traf auf den nordmärkischen Rondrageweihten Grimo Steinklaue. Nachdem die Geweihten noch vor dem ersten Schlag ein gemeinsames Gebet zu ihrer himmlischen Herrin gesprochen hatten, begann ein Duell gleichwertiger Gegner, die voller gegenseitigem Respekt ihrer Herrin ein Fest bereiten wollten. Die beiden Geweihten maßen ihre Kräfte in schulmäßigen Attacke- und Paradeabfolgen, fast wie im Lehrbuch präsentierten sie ihre hohe Kampfkunst unter dem Jubel des Publikums. Nach einem langen und ausgewogenen Kampf wurde es immer deutlicher, dass der Nordmärker überlegen war. Nachdem diesem ein spektakulärer Ausfall gelungen war, ergab sich Kuniswart der Gnade seines Gegners. Erst nachdem die Geweihten erneut ein gemeinsames Gebet gesprochen hatten, gratulierte die ebenso rondrageweihte Turniermarschallin Grimo zu seinem Sieg.
Zur Mittagsstunde wurde nicht viel gegessen, doch floss gutes Ferdoker in Strömen – und auch die drei Koscher Ritter ließen keinen Krug aus. Zur ihrer Unterhaltung und zu Ehren der Göttin Rondra fochten am Rande der Mittagstafel einige Ritter übermütig Zweikämpfe aus, bei der ein Streiter schließlich unglücklich ausglitt, mit dem Kopf auf einen Biertisch aufschlug und sich dabei eine üble Platzwunde zuzog. So mahnte schließlich der Turnierherold alle Anwesenden zum nötigen Ernst und wies darauf hin, dass man sich noch nicht dem Feiern hingeben solle, solange noch ernste Kämpfe ausstünden.
Im ersten Nachmittagsdurchgang demütigte der offenbar sehr trinkfeste Herr Geron geradezu die junge Isenhager Ritterin Alannia von Krotenau, der er nicht einmal die Gelegenheit gab, zu beweisen, dass auch sie das Schwert führen konnte, bevor sie seine Klinge an ihrer Kehle spürte. Herr Kuniswart wirkte nach dem Kampf gegen Grimo Steinklaue und nach drei großen Krügen Ferdoker ein wenig abwesend, und wurde umgehend bestraft: Rondred von Sturmfels, Rittmeister in Albenhuser Diensten, bezwang den Geweihten nach einem ausgeglichenen, letztlich aber recht unspektakulären Zweikampf. Im dritten Zweikampf wurde der leicht angetrunkene Baron Hagen schließlich noch von einer Bannstrahlritterin, Praioslind von Zweifelfels, bezwungen. Die Bannstrahlerin konnte sich aufgrund des Zustandes ihres Gegners jedoch nur eingeschränkt über ihren Sieg freuen – zumal sie ohnehin lieber gegen Kuniswart gestritten hätte.
Im siebten Durchgang traf Elko Reginbald von Falkenswart, der seinen Ritterschlag in Nordgratenfels erhalten hatte, auf den an Kampferfahrung klar überlegenen Geron, der aus Wengenholm stammte. Erfahrung und Alter triumphierten rasch über Schnelligkeit und Jugend. Auch Baron Hagen, der sich zwischenzeitlich mit einem großen Eimer Wasser erfrischt hatte und nasstriefend kämpfte, besiegte ohne viel Federlesen Ritter Ardor von Schwarzfels, den jüngeren Bruder Roanas, die ihn am Vormittag in einem langen Kampf bezwungen hatte. Als im dritten Duell dieses Durchgangs auch noch des Fürsten Seneschalk Kuniswart nach einem Kampf, der sich ob der ähnlichen Stärke der beiden Kontrahenten ziemlich in die Länge zog, aber wenige Höhepunkte zu bieten hatte, der Koscher triumphierte, brach großer Jubel bei den Knappen und Pagen des Fürsten aus, und sichtlich beschämt zeigten sich viele der anwesenden Nordmärker, insbesondere der Gratenfelser – welch Schmach, die sich hier abzeichnete! Wie konnte es sein, gleich drei Kämpfe gegen die mittlerweile ermüdeten Koscher zu verlieren!
Doch Phex war im nächsten Durchgang mit den Nordmärkern: Der Turnierherold loste drei meisterliche und zugleich äußerst rondrianische Kämpfer als Gegner der Koscher. Zuerst den jungen und für sein aufrechtes Verhalten wohl bekannten Ritter Leobrand vom Roten Weiher, dann Ritter Garmwart von Bösenbursch, einen heißspornigen, aber ehrenhaften Veteran vieler Schlachten, und zu guter letzt einen der erfahrensten Kämpfer unter den Anwesenden, Throndwerth von Zweibruckenburg, den Hochgeweihten des Rondratempels zu Twergenhausen, der dereinst als Hofkaplan des Hauses Sturmfels Hagen die ersten Schwertstreiche beigebracht hatte.
Doch Ritter Garmwart war der Unglückliche, der sich während der Mittagspause den Kopf am Biertisch angeschlagen hatte, und als die Turniermarschallin sah, dass die Wunde immer noch blutete und der Ritter zudem starke Schmerzen hatte, schloss sie ihn nach Rücksprache mit dem Turnierherold vom Wettkampf aus. Als letzterer gerade ein neues Los ziehen wollte, um einen Ersatz für den enttäuschten Nordmärker zu finden, brach Trubel los, denn hoch zu Ross war ein fast siebzigjähriger Koscher Rittersmann eingetroffen, der für seine Tollpatschigkeit ebenso bekannt war wie für sein gutes und wackeres Herz: Falk Barborn zu Siebental.
Ritter Falk, in der ebenso sicheren wie falschen Annahme, mit den drei tapferen Koscher Rittern finsterste Schurken vor sich zu haben, die ihm und allen anderen Versammelten den Weg in die Koscher Heimat verwehren wollten, und alles andere als gewillt, darüber länger zu diskutieren, war kurz davor, mit sich mit gesenkter Lanze den Durchgang zu erzwingen. Doch der Turnierherold, Hernobert von Falkenhag, kannte Ritter Falk gut und lange. Als Falk schließlich überzeugt war, dass der beste Weg, am höchsten Rondrafeiertag solche dreisten Schurken zu bezwingen, derjenige sei, ihnen ganz im Geiste Rondras im ehrenhaften Zweikampf Mann gegen Mann gegenüberzutreten, war der Ersatzmann für Garmwart von Bösenbursch gefunden.
So kam es schließlich im achten Durchgang zu drei mit großer Härte und Ernsthaftigkeit geführten Duellen: Ritter Leobrand kämpfte fast ohne Schwäche gegen den Herrn Geron, und der Zweikampf der beiden wurde von vielen Anwesenden als ein wahrhaftes Duell der Giganten bejubelt. Der junge Gratenfelser und der alte Wengenholmer schenkten sich nichts, was Leobrand an Erfahrung fehlte, machte er mit seinem Kampfgeschick mehr als wett. Lange wogte das Kampf hin und her, bis schließlich ein Sieger feststand: Es war der alte Koscher, denn Leobrand hatte sich in einer langen Attackenserie so sehr verausgabt, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah, als den Sieg seines ehrenhaften Gegners anzuerkennen.
Als es dazu kam, war Ritter Falks Zweikampf gegen Kuniswart schon längst beendet: Ritter Falk drosch mit mehrfachem Anrufen der Herrin Rondra auf seinen rondrageweihten Gegner ein, so als könne er es nicht glauben, dass selbst Ritter der Göttin nun schon als Wegelagerer auftraten. Da es dem Turnierherold nicht gelungen war, Ritter Falk davon zu überzeugen, mit stumpfen Turnierwaffen zu kämpfen, ergab sich Kuniswart nach den ersten energisch vorgetragenen Attacken des alten Ritters, um ein Unglück zu vermeiden. Der tapfere Ritter Falk, immer noch fest in der Annahme, einen üblen Schurken besiegt zu haben, bestieg umgehend sein Ross und gallopierte unter dem Applaus und Gelächter des Publikums gen Angbar davon.
Im dritten Kampf stritt Throndwerth von Zweibruckenburg gegen seinen ehemaligen Schüler Hagen. Der Kampf war ein ungleicher, kannte doch Throndwerth den jungen Baron viel besser als dieser ihn. Nach den ersten ungestümen Angriffen Hagens auf den Rondrahochgeweihten war es diesem genug. Mit der Routine eines Kämpfers, der die zahlreichen Duelle in seinem Leben nicht mehr zählen konnte, trug Throndwerth selbstsicher und voller Vertrauen auf seine Göttin eine Schlagserie vor, der der ohnehin schon erschöpfte Hagen nichts entgegensetzen konnte. Ein letzter Hieb schlug dem jungen Baron das Schwert aus der Hand, Throndwerth setzte ihm seine Klinge auf die Brust und sprach etwas so leise zu Hagen, dass nur dieser es verstehen konnte, und verließ den Duellplatz.
Den drei Koschern sah man ihre Erschöpfung bereits mehr als deutlich an, doch noch zwei Durchgänge waren zu kämpfen, bevor es dunkel wurde. Im neunten Durchgang zu Beginn der Dämmerung loste der Turnierherold die zweite anwesende Bannstrahlritterin, Praimira von Quakenbrück zu Kyndoch-Kronau, dem Herrn Geron als Gegner zu. Die Bannstrahlerin rief vor dem Duell provokativ nicht Rondra, sondern Praios an, und betete danach, zur untergehenden Praiosscheibe gerichtet, auch noch ein Praiosseibeiuns. Einige wütende Rufe aus dem Publikum erschallten, doch der Turnierherold gemahnte die Störer barsch zur Ruhe. Streng und entschlossen eröffnete die Bannstrahlerin den Kampf und war sichtlich über die schwache Gegenwehr des Koscher Ritters überrascht. Durch ein paar Finten überzeugte sie sich, dass dieser kaum mehr die Kraft hatte, einen kräftigen Streich zu parieren, täuschte eine Attacke auf seine linke Seite an und hieb ihm danach so kräftig das Turnierschwert gegen den rechten Arm, dass Geron mit einem lauten Schmerzenschrei sein Schwert fallen ließ, die Zuschauer hielten den Atem an.
Derweil zogen sich jedoch die beiden anderen Kämpfe um so mehr in die Länge. Gegen Baron Hagen von Salmingen-Sturmfels kämpfte der ebenso junge Ritter Merovahn von Mersingen ä.H., der einen Helm mit einer auffälligen silbernen Gesichtsmaske trug. Die beiden gleichstarken und ähnlich talentierten Streiter umkreisten sich nur kurz, bevor sie fast gleichzeitig versuchten, eine Entscheidung zu erzwingen – Hagen aus Sorge, dass ihm die Kräfte schwinden könnten, Merovahn, da er kämpferisch siegen wollte, und kein Interesse hatte, die Erschöpfung seines Gegners abzuwarten. So droschen die beiden mit ihren Turnierschwertern ohne Rücksicht auf Gegentreffer aufeinander ein, so dass sie mehrfach von der Turniermarschallin getrennt werden mussten. Der Kampf zog sich über eine Viertelstunde hin, doch schließlich gelang es dem Mersinger, den mittlerweile schwer atmenden Hagen mit einem äußerst wuchtigen Schlag so entscheidend zu treffen, dass die Turniermarschallin Leuengunde dessen Kampf gegen den nach Luft ringenden und mit schmerzverzerrter Stimme protestierenden Hagen beendete.
Zwei Kämpfe hatten bereits zu Ungunsten des Kosch geendet, und so lag alle Hoffnung des Fürstentums nun beim Ritter der Göttin Kuniswart vom Eberstamm, der sich mit Baron Traviadan von Schwertleihe duellierte. Beide kämpften mit einer Verbissenheit und zähen Ausdauer, die es rasch vergessen ließ, dass es sich um ein Turnier zu Ehren Rondras handelte. Der kämpferisch überlegene nordmärkische Baron ließ sich die Überraschung über die bittere Gegenwehr des koscher Rondrageweihten nicht anmerken, wusste er doch, dass dieser nach acht Kämpfen am Ende seiner Kräfte sein musste. So deckte er ihn immer und immer wieder mit heftigen Streichen ein, um seinen Gegner seine Überlegenheit spüren zu lassen. Die Turniermarschallin wollte auch hier dazwischen gehen, und hätte den Kampf liebend gerne zugunsten Traviadans beendet – doch wagte sie es nicht, in den vielleicht ungleichen, aber nicht ehrlosen Kampf eines Rondrageweihten von fürstlichem Blute einzugreifen, und damit zudem das ganze Turnier durch einen Richterentscheid zu einem für den Kosch ungünstigen Ende zu bringen.
Doch Kuniswart kannte seine Grenzen, und nach einer gefühlten Ewigkeit musste er sich und seiner Göttin eingestehen, dass er weder kämpferisch noch von der Ausdauer her in der Lage war, diesen Zweikampf zu gewinnen. Er zog daraufhin die einzig ehrenhafte Konsequenz und ergab er sich der Gnade Traviadans. Alle drei Koscher waren in einem Durchgang besiegt, die Nordmärker hatten das große Turnier am Greifenpass gewonnen! Die drei Ritter des Fürsten mussten die Waffen strecken und der Pass war wieder frei.
Freilich entschloss man sich nach dem darauffolgenden abendlichen Rondradienst, einige weitere Fässer mit dem guten Koscher Bier anzustechen, um die Schwerttaten, die an diesem Tag vollbracht wurden, gemeinsam gebührend zu feiern – und die Nordmärker, die aufgrund des vorzeitigen Endes des Turniers nicht mehr zu ihrem Kampfe kamen, ein wenig darüber hinwegzutrösten, nicht mehr zum Zuge gekommen zu sein. Auch Thalian Has von Hügelsaum musste darüber hinweggetröstet werden, schon nach dem ersten Kampf ausgeschieden zu sein und damit das ganze Turnier in Gefahr gebracht zu haben. Das Ferdoker floss den ganzen Abend und bis spät in die Nacht in Strömen, und die anwesenden Barden waren schon dabei, die eine oder andere Weise auf die tapferen Koscher und ihre ritterlichen Bezwinger zu dichten. Denn die drei Koscher Ritter waren zwar schlussendlich besiegt worden, aber ihr Mut, ihre Ausdauer und ihr Stehvermögen nötigten allen Nordmärkern großen Respekt ab, und so konnte man sich am nächsten Tage, dem zweiten Tage des Schwertfestes, in Freundschaft trennen. Die Zeiten eines Landgrafen Baldur waren wahrhaftig und der Zwölfe sei Dank vorüber!