Ein Fest im kleinen Kreis

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1037, Hohentrutz

Bald darauf waren die Tiere versorgt, die Hunde dösten in einer Ecke, wo sie nicht im Weg lagen. Die Gäste konnten sich nun dem deftig-bodenständigen koscher Essen widmen – und es schmeckte ihnen vorzüglich. Konnte man eine Heimkehr in den Kosch besser feiern als mit Steckrübeneintopf und einem guten Humpen Bier?!
Marano langte tüchtig zu. Diese Art der Küche kannte er nicht, doch sie schien ihm gut zu schmecken. Er wollte so gern aufbleiben und den Erzählungen der Männer lauschen, doch die beschwerliche Reise, das deftige Essen und die Wärme des Feuers forderten ihren Tribut. Geistesgegenwärtig zog Lindwina die Eintopfschale weg, als der Kopf des Burschen den Weg zur Tischplatte fand. Ingalf hob ihn auf und bettete ihn auf ein Lager, damit er schlafen konnte.
„Ach, Roban, es ist gut, wieder zu Hause zu sein!“ seufzte Ladislaus.
'Ich habe sogar deine bäuerliche Sprache vermisst, mein Bester, derb wie der Kosch,' ergänzte er im Stillen, während er die Füße ausstreckte und mit Roban anstieß.
„Ein Hoch auf Tobrien, ein Hoch auf die Freundschaft, ein Hoch auf den Kosch!“
„Dreifach Hoch!“ skandierten die Koscher uni sono, und manch ein guter Tropfen Bier schwappte beim freudigen Anstossen über.
„Wahrhaft sauber gesprochen“, schmatzte Roban genüsslich. „Und an meiner Sprache meckert meine Mutter, mein Vater, mein Bruder, Danja und diverse Nachbarn...alle vergeblich! Sei nicht böse, wenn es dir nicht besser geht. Und jetzt lass mal hören – wie steht es im Osten, und wie war die Heimkehr?“
Ladislaus berichtete ausführlich, aber nicht zu langatmig. Angesichts der vielen einfachen Leute strich er allzu schlechte Nachrichten aus Tobrien und hob die eigenen Erfolge, besonders die Eroberung von Warunk, hervor. Umso länger berichtete er von seiner Heimreise, von Greifenfurt und vom Sonnentempel, und die Hohentrutzer hingen gebannt an seinen Lippen. Nachrichten aus der Ferne – und die begann im Norden schon hinter Ange und Breite – waren immer beliebt, im entlegenen Moorbrück gar doppelt. Bald schon wurden die ersten Kinder zu Bett getragen oder geschickt, und bald leerte die Tafel sich weiter.
„Je leerer die Tafel, desto voller die Gäste“, sinnierte Roban und schenkte den verbliebenen noch mal ein. „Halb besoffen ist rausgeschmissen Geld, also langt zu.“
Als alle Krüge wieder befüllt waren, blickte Roban seinen alten Freund fragend an.
„Die Vergangenheit hätten wir jetzt. Was mich angeht – der Fürst suchte Ritter, um den Sumpf zu bezwingen, meine Familie schickte mich, seitdem arbeite ich an der Bezwingung. Wohin wird dich dein weiterer Weg führen?“
Ladislaus hob seinen Humpen, blickte für einen Moment nachdenklich hinein und dann über den Rand seinen Freund an.
„Was mich angeht –“ griff er die Einleitung Robans auf, „so muss ich erst einmal im Kosch ankommen. Ich war lange fort; es ist viel passiert. Ich brauche etwas zu tun. Untätig sein ist nichts für mich, Körper und Geist wollen gefordert werden. Du verstehst, welche Bilder die meinen und ich im Kopf haben. Sicherlich werde ich meine Familie ebenfalls besuchen, allein schon, um zu zeigen, dass ich wirklich am Leben bin, aber dann…“
Er nahm einen langen Zug aus seinem Humpen, blickte einen Moment lang auf den schlafenden Marano, ließ den Blick weiter zu Sigismund wandern, nahm einen weiteren langen Zug und fuhr fort:
„Ich helfe Dir gern bei der Bezwingung, wenn Du magst.“
Er prostete Roban zu und leerte danach den Humpen in einem Zug. Sigismund war wortlos hinter Ladislaus getreten, seinen Herrn unterstützend.
„Ein guter Plan, zumal, was diesen Abend anbelangt...auch wenn kein Mensch so viel saufen kann, um die Bilder aus dem Kopf zu bekommen. Und danach? Hat deine Familie ein Lehen, dass du übernehmen könntest, oder willst du dich bei einem der höheren Adligen verdingen? Die letzten Jahre waren auch hier ziemlich unruhig. Da war der Alagrimm, die Feldzüge gen Wengenholm, zum Trolleck, und erst neulich schepperte es in Sindelsaum...für einen erfahrenen Kämpfer wie dich wird sich wohl was finden lassen. Es sei denn, du willst dich für die Truppen melden, die man für den Kampf gegen Haffax sammelt. Obwohl, da sind wir wohl ohnehin mit von der Partie, und sei es nur, um diesem verräterischen Mistsack ordentlich zwischen die Beine zu treten!“
Für einige Momente herrschte Stille angesichts der Zukunft, die gewiß noch weitere harte Kämpfe im Osten bringen würde. Ladislaus sah nachdenklich in seinen Humpen. Dann, nach einer ganzen Weile, antwortete er:
„Nein, wir bleiben hier. Es ist Zeit, dass ich meine Fähigkeiten zum Wohle meiner Heimat einsetze. Meine Familie hat zwar das Gut Wildreigen, doch denke ich nicht, dass dort Platz für mich ist. Das Lehen in Tosch Mur läuft, aber es wird nicht mehr abwerfen, wenn ich dorthin gehe. Nein, ich denke, ich werde, wir werden hier bleiben. Vielleicht wird es eines Tages möglich sein, Argenritzel, von dem ich hörte, es sei aufgrund von raubritterlichen Aktivitäten geschleift worden, wieder aufzurichten. Es ist also ein Schandfleck auf meiner Familie – und solche gilt es, auszumerzen. Doch dies geht nicht ohne eine profunde Basis. Wenn ich Dir, getreuer Freund, hier also helfen kann, so bin ich gern bereit, dies zu tun. Ich kann mehr als das Kriegerhandwerk, ich verbrachte viel Zeit mit dem Dreischwesternorden, ich will anpacken und irgendwann, vermutlich in Peraine gefälligem Tempo, das Ergebnis meiner Hände werk betrachten. Vielleicht gibt es hier, bei Dir, ein Lehen oder ein Gut oder ein Haus, das ich für Dich verwalten kann und somit der ein oder andere Heller dabei springt, den ich sparen kann, auf dass eines fernen Tages Argenritzel wieder scheinen kann und der Makel von meinen Ahnen reingewaschen ist.“
„So gern ich diesen Wunsch erfüllen würde“, seufzte Roban, „aber mehr als diese Bretterbuden, die du gesehen hast, habe ich auch nicht zu bieten. Und es wäre ziemlich dämlich, deine Talente hier zu verschwenden. Mit dem Sumpf komme ich schon klar, und ein Auskommen könnte ich dir und den deinen ohnehin nicht bieten. Und Argenritzel...nie gehört den Namen. Wo liegt denn das überhaupt?“
„In den Ambossbergen, in der Baronie Tosch Mur an der Grenze nach Roterz“, erklärte Ladislaus unumwunden.
„Roterz?“ Roban grinste in seinen Krug. „Die Götter haben echt einen eigenartigen Humor. Aber das eröffnet gewisse Möglichkeiten...ich kenne den Baron von Roterz, der hat bestimmt ein offenes Ohr für dein Anliegen.“
„Du kennst Karras von Roterz?“ fragte Ladislaus ungläubig. „Woher das?“
„Karras ist nicht mehr Baron von Roterz – gefallen beim Feldzug nach Wengenholm. Sein Sohn ist im Osten verschollen. Und da gewisse Leute sich um die Erschließung des Moorbrücker Sumpfes verdient gemacht haben, wurde eine gewisse Familie Grobhand von Koschtal mit der Baronie Roterz belehnt. Und der jetzige Baron von Roterz heißt Grimwulf Grobhand von Koschtal, wie besagter merkwürdiger Humor es will, mein Vater. Also, falls dir das nichts ausmacht, würde ich dich nach Eisenhuett begleiten. Auch wenn mein alter Herr bisweilen nicht gut auf mich zu sprechen ist, er wird zumindest zuhören, wenn wir dort aufkreuzen.“
Ladislaus schien das gehörte erst einmal verdauen zu müssen. Nachrichten aus der Heimat waren immer nur spärlich bis nach Tobrien gedrungen, und so hatte er auch nichts von der Verschiebung der Machtverhältnisse im Kosch gehört. Nachdenklich blickte er erneut in seinen, inzwischen leeren Humpen, setzte diesen ab und griff nach einem Apfel und biss herzhaft hinein.
„Hmmm,“ brummte er kauend, „vielleicht ist das in der Tat eine gute Idee. So lassen sich mehrere Dinge auf einmal erledigen. Wenn es mich eh in die Ecke führt, sollte ich dem Haupt meines Hauses, meiner Großtante, der Edlen Selissa von Wildreigen einen Besuch abstatten. Ebenso kann ich dann, wenn du magst mit dir zusammen, zu der Burg Argenritzel reiten, um zu sehen, ob da überhaupt noch etwas zu retten ist. Drittens kann ich mich dann vielleicht bei deinem Vater verdingen, um meine Fähigkeiten in den Dienst meiner Heimat, dem Kosch, zu stellen. Vielleicht ist dir dein Herr Vater ja gar nicht so gram, wenn Du ihm einen tüchtigen Vasallen anempfiehlst. Meinen Glückwunsch zur Baronie für Deine Familie.“
Ihm wurde nachgeschenkt und dann prostete er Roban zu.
„Doch nun lass uns erst einmal unser Wiedersehen tüchtig begießen, unsere Köpfe können wir uns auch morgen, also nach dem Schlafen, zerbrechen. Oder wir reiten morgen. Genug geredet für heute, sonst hat das Gesinde mehr als einen Krug Vorsprung.“
Er prostete Ingalf und Sigismund zu, die beide schon nicht mehr sicher auf ihren Schemeln saßen, sich dafür aber umso besser verstanden.