Du und all mein Glück - Albern und widerlich

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Oberangbar, 6. Rondra (Brig-Lo Tag) 1042

»Du bist albern, Schwester, albern und widerlich!« Immo verzog das Gesicht zu einer Grimasse und tat so, als müsse er würgen.
Es war schon spät. Das Fest war vorüber, nur von ferne hörte man noch die Töne einer einsamen Fiedel.
Nadyana starrte ihren Bruder an. »Was meinst du? Warum bin ich ...«
»Albern und widerlich? Na, wie soll man das sonst bezeichnen, wenn eine Jungfer den ganzen Tag um einen Baron herumscharwenzelt wie ein Jagdhund und darauf wartet, dass sie einen Knochen zugeworfen bekommt? Fehlte nur noch, dass du zu sabbern anfängst wie unser Benno.«
Nadyana schluckte. Natürlich hatte sie versucht, in Wolfhardts Nähe zu sein. Aber sie hatte gedacht, es sei recht unauffällig gewesen. Doch wenn es sogar Immo bemerkt hatte, der nicht gerade zu den Einfühlsamsten zählte ... O Götter! Hatte sie sich am Ende blamiert? Aber ihr blieb keine Zeit, über die vergangenen Stunden nachzudenken. Denn ihr Bruder kam jetzt erst richtig in Fahrt: »Und widerlich ist es wegen des Alters.« »Wieso wegen des Alters?«
»Bist du so dumm oder tust du nur so? Der Baron ist doch so alt wie Papa.« Nadyana riss erschrocken die Augen auf. »Das kann doch nicht sein! Er wirkt viel jünger.« Immo zuckte mit den Schultern. »Mag ja sein, dass er so wirkt, aber Zahlen lügen nicht. Denk doch mal dran, was er gestern Abend so erzählt hat.« Und er zeigte ihr, wie er das Alter des Barons errechnet hatte, wobei er seine Finger sicherheitshalber zuhilfe nahm. Dumm war er nicht, der Immo!
Nadyana wurde blass. »So alt ...?«
»Genau! Aber im Grunde ist das nicht schlimm. Denn wenn du Glück hast, dann stirbt er bald, dann bist du Baronin und kannst dir einen jungen Ritter schnappen. Also mach’ ruhig weiter.«
Wäre Nadyana nicht so damit beschäftigt gewesen, die Rechnung ihres Bruders nachzuvollziehen, so hätte sie vermutlich – ungeachtet ihres sonst so sanften Gemüts – versucht, dem Burschen die Augen auszukratzen.
So aber ließ sie sich auf einen Schemel fallen und starrte vor sich hin.
Das hatte sie nicht bedacht. Wenn sie noch im besten Alter wäre, würde der Baron vermutlich ein Greis mit grauen Haaren sein. Oder schon tot.
Doch nein. Das Schicksal war unberechenbar. Es sind schon viele jung ins Grab gestiegen, sei es vom Schlachtfeld oder aus dem Kindsbett. Sie konnte nicht wissen, wie viele Jahre ihr vergönnt waren – und wie viele dem Baron. Es konnte auch anders kommen.
Ihr Götter! Sie dachte ja wirklich schon darüber nach, wie es wäre, wenn ... »Aber weißt du was, Schwesterherz?«, fragte Immo mit geheuchelter Freundlichkeit. »Im Grunde brauchst du dir gar keine Sorgen zu machen.«
Sie schaute auf und sah ihn feixen.
»Er nimmt dich sowieso nicht. Wenn schon eine Garnelhaun, dann wohl Brinessa. Die ist ritterlich, klug und hübsch.«
Jetzt musste sich Immo doch um seine Augen Sorgen machen ...