Dreister Einbruch in Steenback - Verfolgung

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Zwischenwasser, 1033

Der Magier folgte dem sich schnell vorwärts bewegenden Grobhand von Koschtal schweigend. Das war die einzige realistische Chance, diese feigen Mörder nicht entkommen zu lassen.
Es wurmte Halmar, dass sie sich nicht besser hatten absprechen können. Ob jemand von den anderen zurückblieb, um Verstärkung zu besorgen? Er machte nicht die Mühe, sich umzusehen, da er sich ganz auf die Vorwärtsbewegung konzentrieren musste.
Auch Streitbald haderte ein wenig mit seiner Entscheidung. Sicher war es notwendig, die Spur zu verfolgen, und angesichts der zu erwartenden zahlenmäßigen Überlegenheit des Diebsgesindels konnte er auch auf keinen seiner Mitstreiter verzichten.
Dennoch war das Risiko groß! In diesem dichten Forst konnte man sicherlich eine ganze Armee verstecken, erst recht einen Haufen zu allem entschlossener Schlagetots, die weder Titel noch Weihe aufhalten würde. Im Stillen schickte er ein Stoßgebet gen Alveran, dass die Unsterblichen sie vor einem erneuten Hinterhalt bewahren mögen.
Auch Halmar von Sindelsaum stürmte der Gruppe hinterher. Er besaß jedoch die Geistesgegenwart den Übrigen schnell noch ein „Holt Verstärkung!” zuzurufen. Im Grafenschloss zu Grauensee würde man sicherlich Hilfe finden, oder in einem der benachbarten Rittergüter, oder bei einem Posten der Hochköniglichen Wacht.
Bevor sich Rijk versah, rannten seine Gefährten den merkwürdigen Unholden hinterher. Die Ereignisse hatten sich dermaßen überschlagen, dass er eine gewisse Schockstarre annahm. So kam es auch, dass er sich keine Verletzungen zuziehen konnte. Den Zwölfen sei dafür an dieser Stelle Dank geboten. Aber der Ruf „Holt Verstärkung!” weckte seine Instinkte und vor allen ihn selbst aus der Starre. Der geflammte Dolch, schoss es ihm durch den Kopf.
„Nicht jetzt”, flüsterte er.
Zugegeben, er war Kaufherr, aber es floss das Abenteurerblut seiner Vorfahren in seinen Adern und dieses hatte den Lockruf der Gefahr und der Queste gehört. Vor allem war wohl gutes Gold zu verdienen ...
Gidiane, nun ist es an Euch, Hilfe herbei zu holen. Meine Gefährten benötigen mich dringender. Soweit ich das einschätzen kann, seid ihr sicher. Gebt aber Acht auf euch.”
Mit diesen Worten drehte sich Rijk um und folgte den Geräuschen seiner Gefährten. Bald schon schloss er auf, grimmig und zu allem entschlossen.
Gidiane saß auf dem kalten Waldboden. Die Rufe der Mitstreiter wurden immer leiser. Ein Uhu schrie sein unheimliches Liedchen zwischen den dunklen Tannen.
Ihr war kalt. Das Gewand war blutbeschmiert und roch erbärmlich. Außerdem war es nass. Etwas von dem Blut der Schurkin war Gidiane auch in die Haare gespritzt, wie sie eben angewidert feststellte, als sie ihr Augenglas wieder gerade schob. Eines der Gläser hatte einen dicken Kratzer abbekommen. Hesinde!
Die junge Geweihte blickte sich um. Links: Bäume. Recht: Bäume. Dazwischen: Auch Bäume. Da lief ein Trampelpfad entlang. Aber in welche Richtung sollte sie dem Weg folgen?
Durch den Wurf ins Gebüsch und den Schrecken hatte Gidiane völlig die Orientierung verloren! Zaghaft murmelte sie: „Halmar? Rijk..? Streitbald? Wo seid ihr?”
Der dunkle Wald verschluckte ihre Worte. Sie traute sich nicht, lauter um Hilfe zu rufen, denn ein ganz ungutes Gefühl bemächtigte sich ihrer. Zunächst war es nur ein Knacken im Unterholz. Dann ein Schnauben.
Schlotternd vor Angst legte sich Gidiane die Arme um den Oberkörper. Was es auch war, es kam eindeutig näher!

Nach einigen hundert Schritten blieb Streitbald stehen. Die Spur der Schurken wurde undeutlich, als hätten sie sich hier mehr Mühe gegeben, sie zu verwischen.
Er kniete nieder und betrachtete den Waldboden genauer. Halmar von Sindelsaum hockte sich neben ihn.
„Sie scheinen sich getrennt zu haben”, meinte er nach einer Weile, und Streitbald nickte beifällig.
„Ihr habt bereits viel gelernt”, bemerkte er anerkennend. „Die Frau lief nach links”, er deutete auf einen undeutlichen Fußabdruck, der vorn spitz zulief, die Stiefel einer Frau, „der Totschläger dort entlang. Wir müssen vorsichtig sein, damit sie uns nicht von zwei Seiten angreifen!”
Hinter sich hörten sie die Schritte des Magus, und einige Sekunden später die des Liebfelders. Streitbald zog die Stirn kraus.
„Herr van Kacheleen, habt ihr Gidiane etwa allein gelassen?” fragte er und bemühte sich, nicht allzu tadelnd zu klingen.
„Ich dachte, wir verfolgen die Schurken”, entgegnete Rijk und schien sich keiner Schuld bewusst. „Gidiane schickte ich Verstärkung holen!”
Streitbald schluckte eine Entgegnung herunter, räusperte sich kurz und erhob sich.
„Ich sehe noch einmal nach ihr. Wartet hier bitte auf mich!”
Rijk zog beide Augenbrauen hoch, seine Augen wölbten sich leicht nach außen. Die rote Farbe seiner Ohren deuteten einen vehementen Interessenkonflikt an. Fast könnte man meinen, dass die Praiosscheibe für eine zu intensive Hautfärbung gesorgt hätte.
Dann setze er sich auf einen umgekippten Baumstamm und schaute seine verbliebenen Gefährten an.
„Hoffentlich passiert den beiden nichts.” Danach senkte er sein Haupt und murmelte ein kurzes Gebet zu den Zwölfen.
In schnellen Dauerlauf eilte Streitbald zurück, fluchte in Gedanken auf den Horasier und seine Leichtfertigkeit – und zugleich auf sich selbst, denn wie hatte er erwarten können, dass der Händler sich verhielt wie ein erfahrener Kämpfer und beurteilen konnte, wie es um die Moral seiner Gefährten bestellt war?
Als er die Stelle erreichte, an der er Gidiane gefunden hatte, hockte sie noch immer reglos am Boden, den Blick starr in das Unterholz gerichtet.
Auch Streitbald erstarrte.
Dort stand ein riesiger Schwarzkittel, an Keiler von mindestens drei Zentnern, und starrte die zwei Menschen misstrauisch an.
„Nicht bewegen!” raunte Streitbald der Geweihten zu.
Das Wildschwein trottete langsam näher, als wolle es Störenfriede genauer besehen, die da so einfach durch sein Revier streiften, blieb wieder stehen, scharrte mit den Vorderklauen und schnaubte vernehmlich.
Dann trottete der Keiler davon, ohne die zwei noch eine Blickes zu würdigen.
„Heiliger Firun, dank sei dir!” atmete Streitbald auf. Das hätte böse ins Auge gehen können – und im Kosch ausgerechnet von einem Eber getötet zu werden, war gewiss nicht besonders ruhmreich.

Dieser Tag hatte wirklich verflucht schlecht begonnen und er schien auch genauso weitergehen zu wollen. Was hatten die Menschen aus Steenback nur getan, dass sie von den Göttern solcher Mühsal ausgesetzt wurden? War es vielleicht der Streit mit den Lutzenstrandern, diese genauso ewige, wie sinnlose Fehde zwischen den beiden Dörfern? Oder lag es daran, dass Onkel Stordan einfach im richtigen Moment seine Zunge nicht im Zaum halten konnte und dabei oft Freund und Feind vor den Kopf stieß?
All diese Gedanken spukten in Gidianes Kopf herum, als sie an der Seite von Streitbald den schmalen Waldweg entlang humpelte. Warum humpelte sie eigentlich, schoss es ihr unvermittelt durch den Kopf.
„Mhmm, scheint alles in Ordnung zu sein”, murmelte sie leise, während sie einmal fest mit dem rechten Fuß auftrat.
„Wie meinen, euer Gnaden?”, erwiderte Streitbald.
„Ach, ich, tja, habe mich nur gefragt, ob ich bei der Streiterei eben, nun, also, ob ich mich quasi verletzt habe.”
Besorgt blickte Streitbald die zierliche, kleine Frau mit der wilden Haarpracht an.
„Geht es euch gut, euer Gnaden? Soll ich euch stützen?” Die Stimme des Ritters klang warm und fürsorglich.
„Ähm, ja, also, nein, ich glaube, es wird gehen.” Unwillentlich errötete Gidiane unter dem Blick des Recken und senkte den Kopf.
Es war schon eigentümlich! Da stand sie hier mitten im Wald, blutbesudelt und soeben einem Mordanschlag und einem Angriff durch eine wilde Bestie entkommen und hatte nichts besseres zu tun, als sich zu genieren, weil ein fremder Mann ihr sein Geleit anbot!
Gidiane beschloss, beim nächsten Besuch im Ferdoker Tempel einmal Bruder Ardat zu kontaktieren. Der weise Mann kannte sich in der Seelenheilkunde aus und wusste vielleicht, was mit ihr nicht stimmte.
Mittlerweile waren die beiden beim Rest der Gruppe angekommen.
„Den Göttern sei Dank, Euch ist nichts passiert” sprudelte es aus dem Liebfelder heraus, als er von Streitbald unterrichtet wurde, aus welcher prekären Lage Gidiane so gerade noch befreit werden konnte.
„Wie konnte ich nur so leichtsinnig, die Dienerin Hesindes alleine und schutzlos zurück lassen”, kopfschüttelnd und konsterniert ging er zur Gidiane, kniete sich vor die Dienerin der Göttin Hesinde und bat um Vergebung.
„Vergebt mir” waren die einzigen Worte die über seine Lippen kamen, innerlich von schweren Gewissensbissens geplagt. Hatte er den Zorn der Göttin heraufbeschworen? Mit Streitbald verband ihn nunmehr eine tiefe Dankbarkeit, vielleicht konnte er sich revanchieren.
Tatsächlich trennten sich die Spuren an dieser Stelle. Die Spur der Frau führte in Richtung Steenback zurück, die des anderen Mannes in Richtung Gôrmel, von wo aus es nicht mehr weit bis zur Grenze nach Garetien war.
Inzwischen hatte sogar die Geweihte der Hesinde ihre Ortskenntnis einigermaßen wiedergefunden und konnte der Gruppe berichten, dass in einiger Entfernung die Straße von Gormel nach Ferdok entlangführte. Würde man allerdings der Frau folgen wollen, so käme man nach wenigen Meilen an einen alten Wehrturm, der schon seit langer Zeit nicht mehr benutzt wurde. Dies könnte durchaus das Versteck der Bande sein. Der Turm stünde nur wenig entfernt vom Trampelpfad nach Xennarode, mitten im Gormeler Grün.
Halmar vom Kargen Land lenkte die Aufmerksamkeit seiner Gefährten auf einige Fakten, die er sich zusammengereimt hatte.
„Mindestens einer von beiden kann nicht so schnell sein. Ansonsten hätten sie sich beide ohne Not von der Ladung Waffen getrennt, und das kann man sich nur schwer vorstellen bei solchen brutalen Mördern, die nicht einmal etwas auf die Götter geben.“
„Ganz so stimmt das nicht“, wandte Halmar von Sindelsaum ein, „erinnert Ihr Euch nicht daran, was der Gauner rief, als Ihr ihn blendetet?“
„Richtig“, nickte der Magier anerkennend, „er rief bei den Zwölfen! Also teilen unsere Gegner nicht dieselben Überzeugungen. Vielleicht waren die beiden, die wir überwältigt haben, nur Helfer, so wie wahrscheinlich der in Lutzenstrand.“
Er blickte erwartungsvoll zu den anderen.
„Was wollen wir nun tun? Sollen wir uns aufteilen - oder eine Spur verfolgen und riskieren, dass einer entkommt?“
Streitbald hatte sich für den Fall der Fälle in Gidianes Nähe gehalten, damit sie nicht doch noch stürzte, wenn die Beine ihr den Dienst versagten. Die junge Geweihte schien mit sich selbst im Zwiespalt zu sein, ob ihr seine Nähe lästig oder angenehm war, doch sie hatte die Schmerzen wohl tapfer verbissen und seiner Hilfe nicht wieder bedurft, so dass er seine Gedanken jetzt wieder auf das Wesentliche lenkte.
„Alle werden wir ohnehin kaum stellen können”, erklärte er mit Blick auf die Anwesenden. „Und da die Frau offenbar die Rädelsführerin ist, würde ich vorschlagen, diese zuerst zu verfolgen. Wenn wir ihrer habhaft werden können, kann man vielleicht aus ihr herausholen, wer noch an der Untat beteiligt war, und die Obrigkeit könnte einen nach dem anderen dingfest machen. Unsere ohnehin begrenzten Kräfte jetzt noch zu spalten, halte ich für zu riskant.”
„Dem schließe ich mich an!” sagte Halmar von Sindelsaum rasch, als sei es ihm wichtig, mit Streitbald einer Meinung zu sein.
Dieser blickte in die Runde und wartete ab, ob jemand Bedenken oder gar einen besseren Vorschlag hatte.
Für Halmar vom Kargen Land war in dem Moment klar, dass sie zusammen gehen würden, als Ritter und Knappe gemeinsam gehen wollten. Gegen brutale Verbrecher ohne einen Kämpfer zu ziehen, war einfach zu leichtsinnig. Also schwieg er.
„Ja, ich bin auch der Meinung, wir sollten der Frau folgen. Das macht Sinn. Dabei gebe ich allerdings zu bedenken, dass Sie mit Abstand die Gefährlichste ist und sich im Umgang mit Waffen tödlichst auskennt.” Rijks Miene sah sorgenvoll aus. „Vielleicht können wir sie mit List und Tücke überraschen. Der alte Wehrturm dürfte uns dabei sogar noch behilflich sein. In vielen alten Schriften las ich von alten Zugängen unter Tage, die zu solchen Gemäuern führten.” Sein Blick wandte sich zu Gidiane.
„Ist Euch ein solcher Umstand etwa bekannt ? Er dürfte unsere Position deutlich verbessern.”