Dohlenfelder Thronfolgestreit - Der Tommelsbeuger Ritt

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Texte der Hauptreihe:
K28. Sieg
K95. Kajax
E. Der Tommelsbeuger Ritt
F25. Epilog
Autor: Wus, Geron
Nordmarken, 1033

Als Alvide die Tommelsbeuger Reiter aus der Formation ausbrechen sah hob sie sofort das Schwert.
„HELLEBARDEN NACH VORNE“ donnerte ihre Stimme über das Schlachtfeld und die Schützen bildeten Gassen, während die Hellebardiere nach vorne hasteten. Sofort knieten sie nieder und gaben so den Schützen ein freies Schussfeld.
Auch Alvide ließ sich auf ein Knie sinken, während sie ihren Zweihänder fest umfasst hielt. Der Boden erbebte unter den donnernden Hufen und dem stampfenden Tritt der Fußtruppen, die kurz hinter den Reitern Tommelsbeuges folgten. Sie kannte nicht alle Banner, aber sie sah den Frosch Quakenbrücks, den gespaltenen Schild Lyngwyns, die Banner Meilingens und Liepenstein und allen voran ein unbekanntes Banner.
„Ambelmund“, flüsterte Barthalm zu ihrer Rechten.
Ein Schauder erfüllte sie, als die Pfeile ihrer wenigen Andergaster Langbogner knapp über ihren Köpfen hinweg sauste und einige mit Spießen bewehrte Söldner Angronds niederrissen. Nur wenige Lidschläge danach hörte sie ein zischen und kurz darauf schlugen vier Rotzenkugeln in den vorstürmenden Fußtruppen ein. Bewaffnete überschlugen sich und manch einer verlangsamte unwillkürlich den Schritt.
Alvide beobachtete, wie eine Landwehrfrau ungläubig auf ihren Armstumpf schaute, während der Mann hinter ihr mit einem Loch im Bauch zu Boden stürzte. Fast lautlos flog ein weiteres Geschoss in hohem Bogen heran. Über den Reihen der Fußtruppen öffnete sich ein großer Sack und zahllose Eisensplitter regneten auf die Infanterie nieder. Die Splitter waren kaum groß genug, um einen Kämpfer zu töten, schon gar nicht, wenn er eine Rüstung trug, doch das Chaos bei der Landwehr war gewaltig. Viele Verwundete wälzten sich am Boden, oder versuchten sich selbst mit leichten Verwundungen zum Lazarett davon zu machen.
Die Ritter Tommelsbeuges waren auf fünfzig Schritt herangekommen, als Garascha den Feuerbefehl gab. Auf die kurze Distanz waren die heran preschenden Ritter für die Armbruster ein kaum zu verfehlendes Ziel. Eine Ritterin wurde von einem Bolzen mitten ins Visier getroffen, doch das Pferd trug die Tote weiter. Andere Reiter überschlugen sich mit ihren Pferden, während wieder andere einfach aus dem Sattel stürzten. Doch die Überlebenden preschten weiter voran und die Keilformation blieb halbwegs intakt.
„ANGRAX! ANGRAX“ brüllte Alvide, als sie sich vom Boden aufstemmte und die Reserve nahm den Ruf auf. Hellebarden senkten sich und Männer und Frauen machten sich auf den Aufprall gefasst. Wenige Meter zu Alvides Rechten prallten die Ritter auf ihre Truppen. Männer und Frauen wurden von den Lanzen durchbohrt, oder von den kräftigen Schlachtrössern einfach über den Haufen gerissen, aber genau so häufig wurden Ross und Reiter von den Hellebarden durchbohrt, oder in Stücke gehackt.
„Barthalm. Übernimm das“, rief Alvide zur Seite, und der wuchtige Ritter schwang wortlos seine Bartaxt und stürmte davon.
„VORWÄRTS!“ brüllte Alvide.
„MIT INGERIMM UND BADUAR!“
„ANGRAX! ANGRAX!“ brüllten ihre Truppen zurück und der Großteil ihres Haufens stürmte nach vorne. Wenn sie den Angriff der Fußtruppen Angronds passiv erwarten würden würden sie unweigerlich in die Defensive gedrängt.
Alvide sah die feindlichen Reihen auf sich zurasen. Welch eine Unordnung dachte sie, bevor sie aufeinanderprallten. Mit einem raschen Überhandhieb riss sie einem jungen Bauernburschen die Kehle mit ihrem Zweihänder auf.
Links neben ihr wurde Birsel zu Boden gerissen, als sie ein Speer derart stark in den Schild traf, dass sie von den Füßen gerissen wurde. Alvide rammte der Speerträgerin ihr Schwert in den Bauch und riss die Waffe hastig zurück, um den Hieb eines farbenfroh gewandten Söldners abzuwehren. Sie war ein Lidschlag zu langsam und das Schwert des Mannes prallte auf ihren Schulterpanzer. Alvide beachtete den Schaden nicht weiter, machte einen Schritt nach vorne und hieb dem Mann ihren behelmten Kopf ins Gesicht.
Rasch trat sie über den fallenden Söldner hinweg und trieb ihr Schwert in die Hüfte einer Landwehrfrau, die gerade auf Alvides Nebenfrau eingedroschen hatte.
Neben sich sah Alvide wie die Hellebarden und Zweihandwaffen auf die Angreifer niederregneten und mit ihr langsam vorrückten. Zu ihrer Linken kämpfte nun Eberhelm. Der Treublatter zerschmetterte gerade einem milchgesichtigen Jungen das Gesicht mit seinem Morgenstern, während zu ihrer Rechten Kormunde, ihre Schwester, der verwundeten Landwehrfrau den Kriegshammer in den Brustkorb trieb.
Alvide hatte keine Ahnung, was hinter ihr vorging, aber sie hoffte, dass Barthalm mit den Rittern fertig werden würde. Über sich hörte sie das Sausen der Rotzenkugeln.
„ANGRAX! ANGRAX!“ brüllten ihre Truppen und irgendjemand drückte sie von hinten nach Vorne. Sie hieb wild um sich und achtete kaum darauf wer oder was sie traf. Unterbewusst nahm sie war, dass sich ein weiteres Banner mit einem Schwarzen Adler Richtung rechter Flanke in Bewegung setzte. Die Horasier kamen!

Baronin Derya und ihre Ritter führte ihr Ausfall in weitem Bogen weg von den wüstesten Kämpfen im Mittelpunkt des Schlachtfeldes. Koromar bemerkte mit Sorge voraus, wie sich unter einem Dachsbanner kämpfende Truppen gut geordnet darum bemühten, die Lücke zu schließen, welche die unerwartet abrückenden Eisensteiner, Arraneder und Fuchsgauer aufgerissen hatten. Die koscher Reserve stellte eilig eine dünne Verteidigungslinie aus Hellebardieren auf, dahinter waren mit Armbrüsten bewaffnete Schützen zu erkennen. Und noch weiter entfernt ragten aus dem aufwirbelnden Staub die unverkennbaren Wurfmechanismen von Feldgeschützen auf.
Koromar knirschte mit den Zähnen. Er hatte gehofft, derlei mit den blutgetränkten Auen Albernias hinter sich gelassen zu haben. Auch Rittmeister Meinhardt hatte zeitweise über Armbruster sowie Torsionsgerät geboten und diese Waffen mehrfach mit grässlichem Nutzen gegen Feinde eingesetzt. Nichts Rondrianisches konnte Koromar daran finden, wohl aber die Gefahr erkennen, die aus den in die Bresche eilenden Kämpfern selbst für die Schwergepanzerten um Derya drohte.
Schnelle Blicke nach links und rechts zeigten ihm, dass viel zu wenige von Angronds Rittern sich der Baronin und ihm angeschlossen hatten. Vorneweg natürlich deren Getreue: Junker Hal von Tommelsfurt, Ritterin Lûthara von Au-Ibenburg zu Auroth und Garobald von Fischwachttal, Deryas Stiefsohn. Doch insgesamt waren sie kaum zwei Dutzend Panzerreiter und vielleicht noch einmal so viele leichter Gerüstete. Ihnen gegenüber standen auf der östlichen Flanke Hagens womöglich zehn Mal so viele Kämpfer. Und die nachdrängenden Truppen aus Ambelmund konnten mit den galoppierenden Pferden kaum Schritt halten.
Koromar vernahm das unverkennbare, drohende Sirren, welches das Nahen von Rotzengeschossen ankündigte. Er hörte, wie diese über den Reitertrupp hinwegflogen, und die entsetzten Schreie, als sie in die Reihen der Fußkämpfer trafen. Ein weiteres Geschütz überschüttete die auf die Sindelsaumer zu Eilenden mit Metallsplittern. Der Zellner hörte mehr als dass er spürte, wie auch auf seine Rüstung einige der tückischen Geschosse herabregneten. Die Wucht war glücklicherweise viel zu schwach, um den Stahl mehr als zu zerkratzen, und selbst der brave Rambert blieb dank des geliehenen Harnischs offenbar unverletzt.
Doch bei anderen Kämpfern auf Angronds Seite war die Auswirkung weniger harmlos: Das Pferd eines nicht weit hinter dem gratenfelser Ritter befindlichen Reißigen wurde von einigen Metallstücken an den Nüstern getroffen. Wiehernd bäumte es sich auf, was dem nachfolgenden Kämpfer zu einem hastigen Ausweichen nötigte, warf seinen unglücklichen Reiter ab und stürzte auf diesen. Die gellenden Schreie des Verletzten gingen rasch im tosenden Lärm der Schlacht unter.
Dann sah Koromar, wie die Armbruster das Zeichen zum Schießen erhielten. Unwillkürlich versteifte er sich in seiner Rüstung und bereitete sich auf einen Einschlag vor. Die plumpen, schweren Bolzen überbrückten die kaum fünf Dutzend Schritt zwischen den Schützen und den angreifenden Rittern in einem Wimpernschlag.
Ein dumpfer Schlag durchfuhr Koromars linken Arm. Doch der erwartete Schmerz blieb aus. Als er einen kurzen Blick an sich herunter warf, stellte der Schwarzgerüstete mit Verblüffung fest, dass das Geschoss knapp über seiner Armschiene geradewegs durch seinen Schild geschlagen und von der Schräge seines Harnischs abgelenkt worden war. Nun stak der Bolzen bis zum Heft im Wappen – ein geringer Preis dafür, dass er ohne diese Abbremsung wohl direkt ins Herz gegangen wäre.
Rings um ihn jedoch forderten die Geschosse blutigen Tribut: Pferde stürzten schreiend mitsamt ihren Reitern zu Boden. Der Ritterin von Paggenau schlug ein Bolzen direkt durchs Visier - mochte Golgari sich ihrer annehmen. Wohl jeder Dritte der Angreifenden kam zu Schaden oder gar ums Leben. Die Zahl der Kampfbereiten schwand erschreckend schnell.
Baronin Derya erlebte den Tumult um sie herum mit wachsendem Grausen. Wie sollte sie mit dieser dezimierten Schar gegen die Übermacht lange genug bestehen, bis die horasischen und gratenfelser Verstärkungen heran waren? Ihr Plan drohte an dem Wall aufgestellter koscher Hellebarden zu zerschellen. Nein, das durfte nicht geschehen!
Wie sagte ihr geliebter Gwaeron doch so richtig: “Die unbeugsame Eiche bricht im Sturm, der Haselstrauch aber beugt sich diesem und bleibt unbeschadet.”
Elfische Weisheit half ihr auch jetzt. Wie so oft in ihrem Leben beschloss die Sturmfelserin, aus einer misslichen Situation das Beste zu machen, indem sie sich dieser anpasste und eine rasche Planänderung vollzog.
Unmöglich konnten sie die kopfstarke Reserve ihres verräterischen Bruders binden. Doch vielleicht vermochten sie einen Teil der Sindelsaumer hinter deren Linien abzuziehen?Durchbrechen, kehrtmachen und die hinteren Reihen angehen – das erschien ihr als bessere Alternative zu einem wohl aussichtslosen Hauen an Ort und Stelle.
Kaum dreißig Schritt trennten die ersten Tommelsbeuger Reiter noch von der vielleicht vier Reihen tiefen Linie der Sindelsaumer. Für die Nachfolgenden gut sichtbar reckte Derya die mit dem Banner ihres Lehens verzierte Lanze einen Moment in die Höhe und ließ sie dann rasch in Angriffshaltung sinken. Das war das zuvor vereinbarte Zeichen für ihr Gefolge zum Durchbrechen, was die bestätigenden, rasch nach hinten weitergegeben Rufe ihrer Kämpfer bestätigten. Jetzt galt's.
Der Aufprall der Ritter war wie ein Hammerschlag gegen eine Ziegelsteinmauer. Lanzen durchbohrten Gerüstete glattweg oder schleuderten Fußkämpfer einfach wie Lumpenpuppen in deren weiter hinten stehende Kameraden.
Doch Koromar sah keinen Grund zum Jubeln. Die Reihen der Hagentreuen zitterten, aber sie fielen nicht auseinander. Es waren einfach zu viele Gegner, um mit so wenigen Recken eine Bresche in die Linie der Verteidiger zu hauen. Auch wenn jetzt die Schlachtrösser auf Gliedmaßen und Leiber traten, die vorhin zu sehende Lücke tat sich nicht wieder auf. Der Angriff blieb in der schieren Masse stecken.
Der Zellner ließ die blutigen, zersplitterten Reste seiner Lanze achtlos zu Boden fallen, ohne überhaupt nachzusehen, ob von dem Grüppchen noch jemand stand, in das er frontal geritten war. In einer flüssigen Bewegung zog er seinen Anderthalbhänder aus der Sattelscheide und lenkte einen ungestümen Hellebardenschlag ab, ehe er Rambert einen Hopser seitwärts machen ließ und das schwere Tier den leichtsinnigen Fußsoldaten einfach umwarf.
Die meisten seiner Mitkämpfer waren von mehreren Streitern umringt, die sie sich mühsam oder gar nicht vom Leib hielten. Mehrere Körper in traurig vertrauten Farben und Rot sah Koromar bereits am Boden liegen. Der Edle Fineon vom Schnakensee war einer derjenigen, der einen Sturz vom Pferd halbwegs unbeschadet überstanden hatte und sich nun mit wuchtigen Schlägen seines Zweihänders Raum verschaffte. Lange würde der sich zu Fuß nicht halten können, bedauerte Koromar und wollte schon lospreschen, um dem Krieger aus der Nachbarbaronie seiner Heimat Urbeltor zur Seite zu stehen.
Da jedoch entdeckte er Baronin Deryas Not: Von drei Seiten stachen Hellebardiere auf sie ein. Koromar fluchte, gab Rambert die Sporen und brüllte im Voranpreschen dem näher an Fineon stehenden Garobald zu: “Helft dem Schnakenseer!”
Eine unglückselige Koscherin machte den Fehler, sich ihm in den Weg zu stellen. Koromar ritt mit einem Schenkeldruck einen Schlenker und ließ die Spitze seines Schildes in ihr ungeschütztes Gesicht schnellen. Blut spritzte – doch wenn sie Glück hatte, würde sie mit einer bösen Narbe überleben und vielleicht nicht einmal das Augenlicht verlieren.
Dann war er neben Derya, die ihm ein angestrengtes “Wo bleibt Ihr solange? Ich wollte nicht den ganzen Spaß für mich alleine haben!” entgegenrief.
“Wir machen das nicht mehr lange”, erwiderte er ohne jeden Humor, während er mit Schwertschlägen zwei Fußkämpfer aus ihrem Rücken vertrieb.
“Und es sind zu wenige von uns übrig, um hier viel auszurichten.”
“Aber wir müssen doch etwas tun, um diese Flanke zu schwächen. Wenn wir uns zurückziehen, können die Sindelsaumer ihre Reihen schließen und unsere Landwehren aufreiben.”
Während Koromar mit seinem Schild eine Hellebarde ablenkte, deutete er mit dem Anderthalbhänder in Richtung der koscher Feldgeschütze:
“Die größte Gefahr für die Leichtgerüsteten geht von den Rotzen aus.”
Er sah, wie just in diesem Augenblick das Erzweiler Banner sich der Geschützstellung näherte. Offensichtlich hatte einer der Befehliger unter Hagen die Landwehr dazu abgestellt, Reserve anstelle der Reserve zu sein und die Wurfmaschinen zu schützen.
“Dann sollten wir diese zu Klump hauen!”, rief Derya.
“Aber wenn wir noch länger warten, kommen wir nicht einmal mehr dorthin”, entgegnete Koromar grimmig und deutete auf einen grobschlächtigen Veteran mit einer fast mannslangen Axt, der auf sie zugeeilt kam. Dessen Gesicht war unter dem Visier nicht zu sehen, doch er trug ein markantes Wappen mit roter Tanne unter schwarzer Axt auf silbernem Grund und schien – obgleich zu Fuß im Kampf – ein koscher Ritter zu sein.
Ein kehliges “Baduaaar!” klang den beiden nordmärkischen Adeligen aus den Tiefen des Helms entgegen, in das die umstehenden Streiter gleich einfielen. Koromar hätte genickt, wenn seine Rüstung das erlaubt hätte. Den Namen eines großen Rondraheiligen zu führen war eine gute Sache. Vielleicht war das die Gelegenheit, einen anständigen Zweikampf zu führen?
“Ihr erlaubt”, stellte er in Richtung der Baronin mehr fest als dass er fragte und ließ das Streitross nach vorne tänzeln. Er klopfte mit dem Schwertknauf auf sein Wappentier, den goldenen, aufsteigenden Hirschen, und rief dem Heranstürmenden seine Herausforderung entgegen: “Nur wir beide?”
„Dann mal runter vom Ross, oder wollt ihr zu Pferde gegen mich streiten?“
Barthalm machte eine abwehrende Geste zu den Fußsoldaten hin, die sich gerade auf Koromar stürzen wollten.
Barthalm schlug sich mit der langen Axt gegen den gepanzerten Brustkorb und reckte die Waffe in die Höhe. „BADUAAR!“ brüllte er erneut und die Umstehenden fielen in seinen Ruf ein. Für einen Moment schien dir restliche Schlacht vergessen.
Koromar tippte erfreut mit dem Panzerhandschuh gegen sein Visier. Durch selbiges warf er Derya einen fast wehmütigen Blick zu und rief dann „Eorla!“, eines der wenigen elfischen Worte, die er kannte. Die Kampfgefährtin, mit der er schon so manche Gefahr gemeinsam überstanden hatte, begriff ohne weitere Erklärungen.
„Eorla!“, rief die Tommelsbeugerin lauthals und wendete ihr Streitross, um die restlichen Kämpfer ihres Trupps zum Durchbruch zu sammeln. Die koscher Geschütze und die Erzweiler Landwehr warteten auf sie.
Nicht gänzlich ohne Mühe stieg der landlose Nordmärker aus dem Sattel. Harnisch und Panzerplatten waren zwar weniger schwer als sie wirkten, doch sperrig genug, um seine Bewegungen etwas zu behindern.
„Koromar von Liobas Zell'“, stellte er sich vor, als er dem Koscher gegenüberstand.
„Barthalm von Rohenforsten“, erwiderte der.
Dann sprachen nur noch ihre Waffen, und die nächsten Momente verschwammen zu einem Austausch von Hieben und Stichen.
Seit seinem Sieg über Rondrian von Blauenburg hatte Koromar nicht mehr gegen einen derart starken Kämpfer gestritten. Doch das war ein ritterlicher Zweikampf gewesen und nach drei Treffern zuende. Geschmeidigkeit und Selbstsicherheit hielt Barthalm Kraft und Erfahrung entgegen – es war rasch zu spüren, dass er auf ein schnelles Ende des Zweikampfes drängte.
Es gelang dem roten Ritter, den schwarzgerüsteten immer weiter zurückzudrängen. Mehrere kaum zu parierende Treffer beulten Gratenfelser Stahl ein, wohingegen Koromar ein ums andere Mal erleben musste, wie die meisterhaft geführte Axt seine Klinge zur Seite schlug und er den weniger schwer gerüsteten Kämpfer kaum zu treffen vermochte. Lediglich dem linken Schulterstück des Rohenforstners konnte er eine tiefe Scharte beibringen, welche diesen jedoch kaum zu behindern schien.
Schließlich spaltete der Koscher mit einem mächtigen Schlag den eisenbeschlagenen Schild mit dem goldenen Hirsch. Er ließ Koromar kaum Zeit, sich der Verteidigungswaffe zu entledigen, sondern drang weiter auf ihn ein. Eilig schüttelte dieser den Schild vom Unterarm und ließ ihn fallen, während er den nächsten Hieb mühsam nach rechts ablenkte.
Doch die Wucht dieses Angriffs zwang ihn zu einem Ausweichschritt nach hinten. Um nicht umzufallen ließ er das rechte Bein zur Balance gestreckt stehen. Das war Barthalms Gelegenheit: In einem seitlichen Bogen führte er seine Waffe mit mächtigem Schwung gegen Koromars Oberschenkel.
Der Getroffene spürte, wie die enorme Wucht das Axtblatt durch die Stahlplatte trieb und die Schneide sich in sein Bein fraß. Wie tief, das konnte er in der Hitze des Schlagabtauschs nicht erkennen, doch spürte er sogleich Blut in seinen Stiefel rinnen, als Barthalm die Waffe zurückzog. Das verletzte Bein gab nach und Koromar kniete plötzlich halb vor seinem Gegner. Den nächsten Schlag konnte der Gratenfelser nur mit schierem Glück abwehren, weil der Koscher hastig darauf aus war, ihm den finalen Streich zu erteilen.
Doch da der Gratenfelser Ritter nun nicht mehr ohne weiteres zurückweichen konnte, versuchte Barthalm es sogleich noch einmal: Er machte einen Schritt zurück, sprang dann, die Axt mit beiden Händen hoch über dem Kopf erhoben, auf seinen fast besiegt wirkenden Gegner zu, der seinerseits das Schwert beidhändig empor riss. Eine Parade des mit aller Kraft geführten Axtschlages war unmöglich. Mit dem unverletzten Bein stieß Koromar sich zur Seite weg, während er selbst seine Klinge mit ausgestreckten Armen im Bogen gegen Barthalm schwang.
Er konnte auch durch die Ausweichbewegung nicht gänzlich verhindern, dass ihn der Koscher traf: Die Axtschneide fuhr in seine linke Seite und durchtrennte fast mühelos auf einem Spann Länge das Kettenhemd. Koromar spürte den Stahl in mehrere Rippen schlagen.
War das sein Ende? Er hätte Golgari mit offenen Armen empfangen, denn der Zweikampf hatte Derya, die er einst minniglich verehrte, fraglos die nötige Ablenkung gegeben, ihre verbliebenen Kämpfer zur Geschützstellung zu führen. Es wäre ein ehrenhafter Tod gewesen. Doch Rondra schien noch immer einen Plan mit ihm zu haben.
Im selben Augenblick, da Barthalms Axt dem Zellner eine schwere Wunde in der Seite riss, traf Koromars Anderthalbhänder den Koscher. Der mit der Kraft der Verzweiflung getane Schlag ereilte Barthalm knapp über dem linken Visierscharnier. Die runde, aber scharfe Schneide des Schwertes drang durch das an dieser Stelle recht dünne Metall. Der Schreckensruf der umstehenden Koscher übertönte ganz kurz selbst den Schlachtenlärm.
Barthalm von Rohenfortsten erstarrte in jener Bewegung, mit der er seine Axt aus Koromars Flanke gerissen hatte, stolperte einen Schritt nach hinten und sank dann auf die Knie. Rote Schwärze breitete sich in seinem Blickfeld aus. Der Schmerz ließ ihn einen Moment fast die Besinnung verlieren.
Das gab Koromar die Gelegenheit, sich mühsam auf dem gesunden Bein aufzurichten und sein Schwert für den letzten Schlagabtausch zu erheben. Doch sein Gegner stand nicht mehr auf. Gleich würden sich dessen Gefolgsleute auf den nordmärkischen Ritter stürzen und ihm den Garaus machen. Vielleicht konnte er noch einen oder zwei von ihnen mit zur Herrin nehmen, ehe es zuende war?
Barthalm kniete auf dem Boden. Seine Axt war zu Boden gefallen und er fasste sich an den Helm. Das Visier war merkwürdig verkeilt und Blut floss aus seiner linken Visierhälfte. Koromars Hieb hatte den Stahl des Visiers durchschlagen. Mühsam blickte Barthalm auf. Die Koscher Fußtruppen waren drauf und dran, sich auf den Zellner zu stürzen und an Ort und Stelle Boron zu überantworten.
„Lasst ihn ziehen!“, rief Barthalm, bevor er hintüber sackte. Ein paar Koscher knieten um ihn am Boden, als ein Knecht mit einer grünen Schärpe mit einer Trage herbeieilte und die Gruppe den verwundeten Rohenforster auf die Trage luden. Vier Knechte packten die Trage und eilten Richtung Lazarett davon.
Koromar wurde aus zahlreichen Augen hasserfüllt beäugt, aber die Söldner folgten dem Wunsch des Rohenforsters und eine Gasse bildete sich vor ihm. Ein Waffenknecht, der Ramberts Zügel gehalten hatte, warf die Zügel Koromar zu.
„So reitet denn und findet irgendwo anders den Tod.“ knurrte der Mann.