Die Zweite Neufarnhainer Tafel - Erkundungen

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1033, Neufarnhain

Während sich Roban und Danja sowie Edelbrecht und Etosch jeweils zu zweit einem der schauerlichen Gemäuer näherten, verharrten Reto und Erborn eine Weile am Eingang des gruseligen Ortes.
”Und was glaubst du, alter Freund?”
Reto blickte Erborn fragend an.
”Gemessen an der Größe des Areals und der Anzahl der Ruinen würde ich schätzen, dass hier seinerzeit bis zu 200 Menschen Platz gefunden haben” erwiderte er. Erstaunt hob Reto die Augenbrauen.
”Was denn, 200? Soviel? Bei den Zwölfen, und schau dir an, was aus diesem Ort geworden ist. Mögen die Götter uns beistehen, dass unseren Siedlungen nicht ein ähnliches Schicksal widerfährt. Nun denn, lass uns das Gebäude dort hinten mal genauer anschauen…”
Er wies auf ein ehemals zweigeschossiges Haus, das in sich zusammengesunken am Rande der Siedlung lag.

”Ganz erstaunlich”, brummelte Etosch und blieb am Eingang des Gebäudes stehen, auf dass Edelbrecht und er zugelaufen waren.
”Was denn?” fragte sein menschlicher Freund arglos.
”Das Haus hier, weißt du woraus es gefertigt wurde?”
”Nun, aus Stein, nehme ich an”, antwortete Edelbrecht, der trotz des Ernstes der bedrohlichen Lage schmunzeln musste und wie zur Bestätigung seiner Worte an die Wand klopfte, worauf sich eine kleine Wolke Gesteinsmehl in die Luft erhob. Etosch stöhnte genervt auf.
”Edelbrecht, keiner mag Witzbolde, also lass den Blödsinn. Natürlich aus Stein. Aber aus einem Steinbruch im Amboss. Südlage, würd ich sagen. Vielleicht aus der Nähe von…, oder nein, nein warte, ich glaube es kommt aus…”
”Ach, Etosch”, jetzt war es an Edelbrecht genervt zu sein, ”das bringt uns jetzt wirklich überhaupt nicht weiter. Es verrät uns nichts, aber auch gar nichts darüber, wo Arbel steckt, was für ein Ort das hier ist oder auch nur irgendetwas über seine Bewohner.”
”Doch!” beharrte Etosch auf seiner Meinung und striegelte sich zufrieden seinen Bart.
”Nämlich?”
”Wer auch immer hier vor 200 Sommern gelebt hat, er verstand etwas von solidem Baumaterial. Jetzt komm schon, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit, uns hier umzuschauen, dass du auch immer trödeln musst.”
Etosch stapfte, sich nach allen Seiten absichernd, ins Innere des Hauses, dicht gefolgt von Edelbrecht.
Sie betraten eine geräumige Diele, die auf eine breite Treppe zuführte, die in ein zweites Stockwerk führte. Links und rechts gingen je zwei Türen ab. Wer auch immer hier gelebt hatte, er musste recht wohlhabend gewesen sein, vermutete Edelbrecht, als sie die erste Tür passierten.
Zu ihrer Linken erstreckte sich ein geräumiges Zimmer, das weiland die ”Gute Stube” des Hauses gewesen sein mochte. Allein vom Mobiliar war im Laufe der Jahre nicht viel mehr als Kleinholz übrig geblieben. Es schien ganz so, als hätten sich vor etlichen Jahren Plünderer hier ausgetobt und der Zeit ein wenig nachgeholfen. Über dem Sims eines gemütlich wirkenden Kamins hing ein Gemälde schief herab. Die Leinwand hatte einen tiefen Riss, der das Portrait einer hübschen, etwa 21 Götterläufe zählenden Frau in altertümlicher Gewandung durchlief.
”Da sieh her”, staunte Edelbrecht. ”Ganz ähnlich kleidete man sich dereinst am Hof zu Angbar zu Zeiten Fürst Vitus‘.”
Etosch blickte seinen Freund an.
”War das der ‚Zwergenfreund‘?”
”Richtig” erwiderte Edelbrecht.
”Dann erinnere ich mich. Großväterchen Ebrax hat viel von dieser Zeit erzählt, als sein Vater noch ein kräftiger Jungspund war, der die Wühlschrate mit einer Hand erschlug.”
Wieder einmal wurde Edelbrecht das lange Leben der Zwerge schmerzhaft vor Augen geführt. Von einer Zeit, die über 200 Götterläufe zurücklag hatte Etosch aus den Erzählungen von Zeitzeugen erfahren, die er selber noch kannte.
”Wer sie wohl war?”
Edelbrecht versuchte das Thema zu wechseln.
”Wer weiß das schon? Auf jeden Fall hat es jemand nicht gut mit ihr gemeint.”
Etosch zeigte auf den Riss.
”Komm weiter, lass uns noch die anderen Räume betrachten. Vielleicht finden wir etwas, das uns auf unserer Suche nach Arbel weiterhilft.”
Die anderen Räume stellten sich als weniger weitläufig heraus. Unter anderem waren hier ein Zimmer, das die Überreste eines großen Bettes beherbergte, sowie die Küche und ein Lagerraum untergebracht.
Das zweite Stockwerk erwies sich als unbegehbar, nachdem Edelbrecht die Treppe erklommen hatte und bei den ersten zögerlichen Schritten durch den Boden gebrochen war. Etosch hatte ihn gerade noch halten und hochziehen können und sich ein wütendes Schimpfen des Borkingers über ”solides Baumaterial” anhören müssen.

Während die Gefährten im Innern der Ruinen nach Spuren des kleinen Arbels suchten, zogen draußen matte Nebelschwaden auf. Roban hatte die Inspektion der ersten Hütte ergebnislos abgebrochen und sich mit Danja der nächsten Ruine zugewandt. Einst mochte das Haus aus zweistöckigem Fachwerk bestanden haben, jetzt stand nur noch das Erdgeschoss, und dieses auch nur zur Hälfte. Ebenso vorsichtig wie beim ersten Mal arbeiteten sie sich Raum für Raum vor.
”Dort! Eine verschlossene Tür!”
Danja flüsterte unwillkürlich, auch wenn außer ihnen wohl keine Seele in dem Haus war. Zumindest keine lebendige.
”Schauen wir uns das mal aaaaaah!!!”
Urplötzlich schien Roban vom Erdboden verschluckt zu werden. Danjas Herz übersprang einen Schlag, als der Ritter aus ihrem Blickfeld verschwand. Dann aber machte sie einen Satz vorwärts. Der Fackelschein fiel in ein fast rechteckiges Loch im Boden, an dessen Rand der Ritter hing. Die modrigen Überreste einer hölzernen Falltür waren noch erkennbar, ebenso einige verrottete Balken, die einst zu einer Treppe gehört hatten.
”Du hast den Keller gefunden!”
Danja atmete hörbar auf, während Roban sich fluchend mit einem Klimmzug zurück in den Raum zog.
”Ach, wirklich, der Keller?” schnaufte er. ”Dann kann ich ja von Glück sagen, dass es nicht die traditionelle Fallgrube mit rostigen Spießen und hungrigen Tieren war, die jeder anständige Koscher in der Wohnstube sein Eigen nennt!”
Eine Sekunde zweifelte Danja, ob diese Worte wirklich ein Scherz waren oder man in koscher Stuben mit derlei Sicherheitsvorrichtungen rechnen musste, dann aber verschaffte ihr das schiefe Grinsen ihres Gegenübers Sicherheit.
”Willst du dir den Keller noch mal genauer ansehen?”
”Nee, Arbel ist nicht im Keller!”
Roban versuchte, einen Matschfleck von den Beinkleidern zu klopfen.
”Die Falltür war noch intakt, was man von der Treppe nicht sagen kann. Er kann also nicht in den Keller gestiegen sein. Aber vielleicht hat er sich hinter dieser Tür verkrochen.”
Der vergebliche Versuch der Matschentfernung wurde eingestellt, dafür musterte er die geschlossene Tür, ruckelte dann entschlossen am Griff.
”Oha – verriegelt!” stellte er fest. ”Von innen! Arbel? Steckst du da drin?”
Er bekam keine Antwort, und Danja bereitete sich bereits darauf vor, die Tür mit einem Bewegungszauber zu öffnen, als Roban seinen eigenen ”Bewegungszauber” zum Öffnen von Türen anwandte. Der gezielte Tritt ließ den ohnehin modrigen Riegel brechen und die Tür auffliegen.
”Arbel?”
Der Fackelschein geisterte über die Überreste eines Bettes.
Und die Überreste eines Ehepaares, die immer noch darin lagen, die knöchernen Hände noch im Tod ineinander verschränkt. Danja hörte Roban schlucken. Der Ritter war weiß wie die gekalkte Wand. Die entschlossenen Schritte, die er in den Raum hinein gemacht hatte, wurden jetzt rückgängig gemacht.
”Äh...wir wollten echt nicht stören...wirklich nicht...falsche Tür...nichts für ungut...Boron hab euch selig...”
Ein Boronsrad nach dem anderen schlagend verließ Roban den Raum, und es hätte nicht viel gefehlt, dass er rückwärtsgehend ein weiteres Mal in den Kellerschacht gestürzt wäre.
Vor der Tür griff er mit zitternden Händen zu der kleinen Tonflasche am Gürtel und nahm einen ziemlich großen Schluck.
”Ich werd´ noch bekloppt heute Nacht”, keuchte er. ”Richtiggehend bekloppt!”
Danja sparte sich die bissige Bemerkung, die unter normalen Umständen fällig gewesen wäre. Eine ähnliche Befürchtung in Hinsicht auf Roban hegte sie nämlich auch schon.