Die Spur des Greifen - Gerüstet

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Texte der Hauptreihe:
K1. Gerüstet
K2. Wengel
K3. Goro
Ing 1040 BF am Abend
Gerüstet

Kapitel 1

Wengel
Autor: Nale

Baronie Greifenpass, Trottweiher, Schloss Libellensee, Ingerimm 1040

Die Dämmerung hatte bereits begonnen. Nale stand am Ufer des Trottweihers und blickte auf dessen dunkle, ruhige Oberfläche hinaus. Sie konnte diesem Ort durchaus etwas abgewinnen: der gepflegte Garten, indem derzeit alles aus Leibeskräften in allerlei Farben blühte und duftete, der See, dessen Wasser im Licht der untergehenden Sonne silbrig schimmerte und der Nale mit einer unglaublichen Ruhe und Gelassenheit erfüllte und dann natürlich das kleine Schloss selbst, ein Ort, an dem es sich gut aushalten ließ. Sie atmete tief durch und dachte an die zurückliegenden Göttermonde – es war so viel geschehen: Ihre Reise über den Greifenpass, das ersehnte Wiedersehen mit dem Rhodensteiner, die hinterkoscher Umtriebe auf dem Pass, die sie zusammen gemeistert hatten, Seite an Seite, Hand in Hand und dann ihre Berufung zur Baronin des Greifenpasses durch Fürst Blasius vom Eberstamm. Und auch wenn viel passiert war, sehr viel, so zählte für Nale nur eines – Rondradan "Zweiflamm" vom Rhodenstein.

Vor nicht einmal einem Götterlauf war er ganz unvermittelt in ihr Leben getreten und sie in seines und so wie sie ihr Herz augenblicklich an ihn verloren hatte, so hatte er es an sie verloren. Doch kaum hatten sie sich gefunden, hatten sie sich trennen müssen. Eine Zeit voller Sehnsucht war gefolgt, auch wenn man sich versprochen hatte, sich wiederzusehen. Eine Zeit, in der Nale immerzu geglaubt hatte Rondradans markante, feste Stimme zu hören, seine Präsenz und Nähe zu spüren. Es war eine Zeit voller Schmerz und unglaublicher Sehnsucht gewesen. Und dann... dann das Wiedersehen! Sie waren sich in die Arme gefallen, hatte den Körper des anderen am eigenen gespürt, sich an der Nähe des anderen berauscht und auch wenn sie sich nie mehr hatten loslassen wollen, hatten sie es dennoch getan. Nale war sehr vorsichtig geworden. Auf dem Heerzug war sie gleich auf zwei Männer getroffen, die sie wohl mit einer Dirne verwechselt haben mussten und einer von ihnen hatte ihr sogar die Ehe versprochen. Aber was war das Versprechen eines Hinterkoschers schon wert? Nale hatte nie daran geglaubt und jetzt, tja, jetzt würde wohl auch niemals etwas daraus werden. Sie lächelte geheimnisvoll.

Die Baronin drehte sich um, wollte hineingehen, ihren Liebsten küssten, seine Nähe spüren, sich neben ihn ins Bett legen und... da liefen plötzlich zwei blonde, lachende Mädchen an ihr vorbei oder versuchten es zumindest, denn eines von ihnen stürzte unvermittelt, ihre Puppe fiel dem Kind dabei aus der Hand und Nale direkt vor die Füße. Das Mädchen schrie entsetzt auf und begann augenblicklich erbärmlich zu weinen, das andere Mädchen machte kehrt, lief auf das am Boden liegende zu und half ihr auf.

„Jetzt heul doch nicht immer gleich!“, versuchte das andere mit wenig Einfühlungsvermögen zu beruhigen und dabei stellte Nale fest, dass die beiden sich unglaublich ähnlich sahen. Doch die Ähnlichkeit war auf mehr zurückzuführen als auf ihr strohblondes, langes, glattes Haar und die tiefblauen Augen – es musste Schwestern sein, durchfuhr es Nale, Zwillingsschwestern.

Das Mädchen besah sich die Verletzungen der noch immer Weinenden. „Du hast dir nur die Knie etwas aufgeschürft“, stellte sie fest und wischte ihrer Schwester mit ihrem Ärmel über das tränennasse Gesicht. Da fiel ihr Blick auf Nale und das Mädchen hörte abrupt auf zu weinen. Der Baronin rann ein kalter Schauer den Rücken hinab. Das Mädchen sog hörbar scharf die Luft ein, hielt Nale fixiert, als könnte sie einfach nicht glauben, wen sie dort eben vor sich sah. Und Nale konnte einfach nicht anders – sie starrte zurück, als könnte sie nicht glauben, wen sie da soeben vor sich da.

„Komm jetzt!“, hob das andere Mädchen da ungeduldig an, „Wir wollen essen! Mutter und Vater warten bestimmt schon auf uns!“ Damit versuchte sie ihre Schwester mit sich zu ziehen.

Doch diese setzte sich zur Wehr und erwiderte: „Ich hab Vater verloren! Ich muss ihn erst holen.“

Damit lief sie zurück, griff ganz langsam und vorsichtig nach der Puppe zu Nales Füßen, klopfte den Schmutz von ihr ab und drückte sie schließlich liebevoll an sich. Es war eine Puppe, wie Nale sie noch nie zuvor gesehen hatte: Sie war gekleidet wie ein Ritter, trug ein Kettenhemd, darüber einen leuchtend roten Wappenrock, möglicherweise darunter sogar noch einen Gambeson, dazu einen Gürtel samt Schwert in Schwertscheide, einen Helm, Handschuhe, Stiefel und das alles auf die Größe der Puppe angepasst – ein echter kleiner Ritter.

„Komm jetzt endlich!“, forderte das andere Mädchen sie auf, „Wenn wir jetzt nicht gehen, wird Mutter schrecklich mit uns schimpfen!“

„Mutter“, echote das andere Kind tonlos, während es Nale mit ihren tiefblauen Augen fixiert hielt und gleichzeitig die Puppe fest an ihre kleine Brust drückte, dann ließ es sich endlich von ihrer Schwester mit ziehen, blickte sich allerdings noch einmal um und sagte: „Mutter!“

Nale bekam eine Gänsehaut.