Der verratene Brief

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Zu Fürstenhort (Burg), 1031
Mit scharfen Worten hatte Emergunde von Hirschingen, die Leibknappin des Fürsten, die jüngeren Knappen und Pagen aus ihren Stuben oder wo immer sonst sie gerade ihren Pflichten nachgingen zusammengerufen - Seneschalk und Burgsass erwarteten sie, in den Rittersaal, aber hurtig jetzt. Die Jungen und Mädchen im Wappenrock des Fürsten eilten sich, denn im Saal mit dem mächtigen Basaltthron des Fürsten an der Stirnseite kamen sie nie zusammen, sonst nur im Gesindehaus. Etwas wichtiges also – auch angesichts der grimmen Minen, mit denen der Truchsess Halwart vom Eberstamm und Burgsass Kuniswart vom Eberstamm dort an der tiefschwarzen Eichentafel aus Baduars Zeit lehnten, mussten das so sein. Und neben ihn, mit trotzig-tapfer zusamengebissenen Lippen: der Knappe Sighelm zu Stippwitz-Hirschfurten. Kuniswart ergriff das Wort.
„Hergehört, Burschen und Maiden! Ihr habt mir eine Frage zu beantworten. Wie Ihr wisst, kann er“ - der Seneschalk wies auf den pummeligen Sighelm, dem sichtbar ein dicker Klos im Halse stak – „nicht nur leidlich schreiben, er pflegt dies auch regelmäßig zu tun, in Briefen an den Prinzen von Tobrien, den er seit Kindertagen kennt. Wie kann es aber sein, dass sich mit einem Mal Ferdoker Brauburschen und Angbarer Schmiedemädel Worte aus einem Brief erzählen, den seine Prinzliche Hoheit dem Stippwitz schrieb? Potzstollenbruch, auf Eure Ehre, heraus mit der Sprache!“
Da guckten die Knappen und Pagen verdattert. Zumal manche der Jüngeren hatten wohl nicht recht verstanden, was ihnen der Seneschalk da gerade dargelegt hatte. Burgsass Halwart durchbrach die Stille, die nach dem Donnerwetter seines Oheims eingetreten war.
„Sighelm hat uns versichert, dass er niemanden etwas erzählt hat, sondern nämlichen Brief, ohne ihn jemandem zu zeigen, in seinem Kasten in der Burschenstube aufbewahrt. Das glauben wir ihm. Wie aber kommt es, dass inzwischen die Spatzen von den Dächern pfeifen, der künftige Herzog der Tobrier habe sich bei Sighelm nach einer gewissen Korporalin der Ferdoker Garde erkundigt, die sich jüngst beim Feldzug in Tobrien ausgezeichnet hatte? Brinja, Viridian – Ihr durftet doch kürzlich Seine Durchlaucht nach Angbar begleiten. Was wisst Ihr?“
Aber Brinja schwieg nur und schlug die Augen nieder.
„Ich weiß von nichts, Herr Kuniswart“, sagte sie fast flüsternd. Noch einmal musterte Seneschalk Kuniswart die Knappen streng, einen nach dem anderen. Eingeschüchtert standen die Jungen und Mädchen nebeneinander, der eine mehr, der andere weniger. Elvine Scherflein versuchte, dem Blick des Lehrmeisters standzuhalten, schloß dann aber verschämt die Augen. Kuniswarts Blick verharrte bei ihr einen Moment länger bei den anderen, dann wandte er sich dem hinter ihm stehenden Halwart zu. Die beiden Männer verstanden sich ohne Worte. Die Standpauke war so schnell vorbei, wie sie begonnen hatte.
"Nun gut", knurrte der Seneschalk. "Wenn niemand von euch etwas weiß ... Sollte jemanden später doch noch etwas einfallen, ist jedes Zögern fehl am Platze, kommt gleich zu einem von uns. Und jetzt ab mit euch!"
Am schnellsten trollte sich Sighelm. Obgleich Halwart dem unglücklichen Knappen einen aufmunternden Klaps mit auf den Weg gab, war diesem der Gram über die Angelegenheit mehr als deutlich anzusehen. Auch seinen Kameraden wich er den Rest des Tages nach Möglichkeit aus. Kaum hatte der neugierige Berwin ihn in der Palastküche aufgestöbert, wo Sighelm in freien Augenblicken manchmal zu finden war, entwischte Sighelm ihm wieder. Auch abends, als sie in der Burschenstube im Dunkeln lagen, machte Sighelm nicht den Mund auf.
Auch am folgenden Abend tat er das nicht - obgleich Berwin da vom Palastgesinde längst erfahren hatte, nach wem sich der tobrische Prinz im Brief an Sighelm erkundigt hatte und es den anderen Burschen "unter dem Siegel der Verschwiegenheit, den das Tratsch sich nicht schickt, sehen wir ja an Sighelms Beispiel" mitgeteilt hatte: Es ging um die junge Korporalin Goswine von Garnelhaun. Der Prinz habe wohl wissen wollen, ob Sighelm schon einmal von der Lanzerin gehört habe und etwas über ihre Familie wisse.
Das hätten Viridian, Geron, Praiostan und Berwin nun auch gern gewusst, als sie in der Burschenstube wach lagen. Jeder dachte für sich mit einem wohligen Schauern, wer diese Ferdokerin wohl sei, dass sich ein Prinz nach ihr erkundigte, und was das wohl hieße. Nur Sighelm wünschte sich, er hätte den Namen nie vernommen.

Siehe: Die Knappen des Fürsten