Der letzte Ritterschlag

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15. Travia 1041, Thalessia

Der erste Hahnenschrei riss Niope vom See aus ihren Gedanken - nein, aus ihren Träumen, wie sie zugeben musste. Nun war sie also in der letzten Stunde ihrer Rondranacht doch noch eingenickt. Zum Glück war sie ganz allein, wie es die Tradition verlangte in der letzten Nacht vor der Schwertleite. Was würde Kuniswart vom Eberstamm sagen, wenn er hier wäre? Niope schüttelte den Kopf. Der Seneschalk, der sich anstelle des Fürsten um die Knappen kümmerte, war kein Fanatiker, sondern fast so gemütlich wie sein Vetter Blasius. Schlimmer wäre, wenn die Hofgeweihte Ulabeth den Kopf in die Rondrakapelle gesteckt hätte ...

Niope streckte sich. Der Hahn krähte weiter, begrüßte den 15. Travia 1041 BF. Es war Fürstengeburtstag - der elfte seit dem Beginn ihrer Knappschaft und der erste, den sie als Ritterin beenden würde.

Auf diesen Tag hatte Niope hingelebt die letzten elf Jahre. Ehrfürchtig dachte sie zurück an jenen Tag im Rondra 1030, als sie in den Dienst des Fürsten getreten war. Acht Knappen und acht Pagen waren sie gewesen, die damals die Prüfung auf Fürstenhort bestanden hatten und aufgenommen wurden. Und sie eine der jüngsten. Manchmal konnte sie sich kaum mehr wiedererkennen in dem schüchternen kleinen Mädchen von damals, das Bücher und Blumen liebte und sich vor Schwertern und Pferden fürchtete. Zu anderen Zeiten schien ihr schwer zu glauben, dass sie tatsächlich zu einer Frau geworden war, die fechten und tjosten konnte, Schläge und Stürze mit einem Achselzucken wegsteckte und genauso gern auf freiem Feld übernachtete wie in der guten Stube.

Doch nicht nur Niope hatte sich geändert. In Reich und Fürstentum hatte sich vieles zum Besseren gewendet in den letzten Jahren. Der Wengenholm war von den Finsterzwergen befreit worden, die abtrünnige Provinz Albernia unter die Raulskrone zurückgekehrt. 1036 zog das Fürstenhaus wieder ins Stadtschloss Thalessia, nachdem die Schäden aus dem Jahr des Feuers endlich behoben waren, und mit dem Fürsten zogen die Knappinen und Knappen nach Angbar. Letztes Jahr war gar endlich der Verräter Haffax besiegt worden. Mitgeritten auf dem Heerzug gegen das Dämonenpack waren zwei ehemalige Mitknappinnen Niopes, Elida von Bärenstieg und Kunigelda von Bockenburg. Nun war es auch für Niope Zeit, ihre Kindheit endgültig zurückzulassen. Doch wofür? Sollte sie sich den Hausrittern des Fürsten anschliessen wie Elida oder Polter von Plötzbogen? Den Fürstlichen Schlachtreitern beitreten wie Halmbart von Herbonia? Oder Prinz Edelbrecht beim Wort nehmen, der sie beim Fürstenturnier im Rondra nach Greifenfurt eingeladen hatte? Ein Teil von ihr war begierig auf Abenteuer, wollte anwenden, was sie so lange geübt hatte. Doch ein anderer sehnte sich zurück nach ihren alten Vergnügungen, nach Spaziergängen, Lektüre und Blumensammeln. Sie könnte ihren Bruder Wilbur um Aufnahme an seinem Hof bitten. Als Ritterin des Grafen der Hügellande würde sie sicherlich Gelegenheit finden, eine Weile die ruhigeren Seiten des Lebens zu erkunden. Anderseits - wenn sie auf Schloss Grauensee lebte, drängte Onkel Ermst sie zweifellos in kürzester Zeit zu einem Traviabund ...


Fanfaren erschollen. Von der Stadt her klangen Musik und Festtagslärm. Im Innenhof der Thalessia hatten sich der Hofstaat, die Familie vom See und ihre Freunde versammelt. Niope wartete der Tradition entsprechend vor dem Tor des Fürstenschlosses auf den Ruf des Herolds. Mit ihr warteten die beiden verbleibenden Knappen, Efferdane von Sighelms Halm und Bodar von Firntrutz, die ihr zuvor symbolisch den «Staub des Knappentums» abgewaschen und ein einfaches Kettenhemd übergezogen hatten. Seneschalk Kuniswart vom Eberstamm war ebenfalls da und führte ihr Pferd am Zügel.

«Tritt ein, Knappin, vor Fürst und vor Rondra!», erklang die donnernde Stimme des Hofherolds. Die kleine Prozession zog durchs Tor hinein. Zu ihrer Linken erkannte Niope ihre Familie, rechts hatte sich der Hofstaat aufgestellt, doch die Knappin hielt den Blick gerade nach vorne, wo der Fürst und der Erbprinz sassen. Dennoch fiel ihr auf, dass der Schlosshof deutlich leerer war als bei früheren Schwertleiten - der Fürst kränkelte und hatte dieses Jahr niemanden zur Geburtstagsfeier eingeladen.

Niope kniete vor Fürst Blasius nieder. Sie blickte zu Boden und war froh, nicht in dieses blasse, müde, eingefallene Gesicht sehen müssen, das sie sonst so voller Lebensfreude kannte. In seiner Stimme aber hörte sie Stolz und Rührung, als er sie ansprach. Wenn der Fürst auch die Ausbildung weitgehend dem Seneschalk überliess, waren es doch immer seine Knappen, fühlte er jeden Erfolg und Rückschlag mit. «Im Namen der göttlichen Geschwister Praios und Rondra sind wir hier versammelt», fing Blasius vom Eberstamm an. Wie immer hielt er sich nicht an die klassische Formel der Schwertleite, sondern begann eine kleine Ansprache, die er mit Mahnungen an die Tugenden von Ingerimm und Travia sowie dem einen oder anderen Scherzchen spickte. Niope ertappte sich, wie sie nur halb hinhörte, weil sie sich so freute, dass der Fürst in seiner Rede immer lebhafter wurde. Offenbar befand er sich auf dem Weg der Besserung. «... Im Namen der Ehre, des Mutes und der göttlichen Kraft, im Namen der Treue, des Reiches und der kaiserlichen Majestät, im Namen alles Guten und Koscheren sei deine Knappschaft nun beendet und seiest du aufgenommen in die Ritterschaft des Raulschen Reiches.» Während diesen Worten zog Blasius ein Schwert und ließ es auf Kopf und Schultern Niopes sinken. Dann steckte er es in die Scheide zurück und streckte es ihr hin. «Gürte dich nun mit dieser Klinge, die dich fortan an deine ehrenvolle, aber schwere Bürde erinnern wird. Erhebe dich, Ritterin Niope vom See!»

Niope tat, wie ihr geheissen war; Efferdane und Bodar traten hinzu und legen ihr den Wappenrock der Familie vom See und die Sporen an. Seneschalk Kuniswart reichte ihr die Zügel ihres Streitrosses. Unter den Hochrufen der versammelten Gäste schwang sich Ritterin Niope in den Sattel. Aus den Reihen zur Linken löste sich ein Mann: Graf Wilbur rannte über den Hof, um tränenüberströmt als erster seiner Schwester zu gratulieren.


Als Niope erwachte, schien die Sonne bereits über den Dächern des Schlosses. Den Abend nach dem Ritterschlag hatte man ausgiebig gefeiert, viel Angbarer Alt und auch Koschwasser waren geflossen. Niope erinnerte sich noch, wie sich Efferdane und Bodar mit Witzen über Wengenholmer und Hinterkoscher duelliert hatten. Wie sie ins Bett gekommen war, wusste sie hingegen nicht. Sie stieg aus dem Bett, zog sich ein Wams über und schlurfte hinunter in den Hof, um ihren Brummschädel am Brunnen zu bekämpfen. Im Korridor begegnete ihr Seneschalk Kuniswart, so aschfahl, wie der Fürst gestern gewesen war. Niope setzte zu einem Scherz übers Nachlassen im Alter an, aber etwas in Kunsiwarts Augen stoppte sie. Waren das Tränen? «Was ist Euch, Exzellenz?» Kuniswart schluckte und schaute zu Boden. «Blasius ...», presste er heraus. «Der Fürst ... er ist gestern Nacht zu Boron gegangen.»

«Der Fürst ist tot?» Niope fühlte, wie auch ihre Augen sich füllten. Kuniswart nickte. «Er schlief an der Tafel über seinem Bierkrug ein und wachte nicht mehr auf.» Der Seneschalk schüttelte sich und blickte Niope ins Gesicht. «Dein Ritterschlag war seine letzte Amtshandlung, Niope. Du bist Fürst Blasius’ letzte Ritterin.»