Der letzte Gruß - Die Grablegung des Barons von Twergentrutz

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Ausgabe Nummer 51 - Praios 1033 BF

Nebel lag über der noch in Dunkelheit verhüllten Stammburg des Hauses Halderlin. Stille hüllte das Tal ein und verbarg die in Trauer getauchte Zeremonie, die am Fuße der Berges ihren Beginn genommen hatte. Andächtig standen einige wenige Männer und Frauen mit wehendem Haar im Nordwind, die Kapuzen andächtig zurückgeschlagen. Stumm den Blick gen Boden gerichtet, formten sie mit ihren Lippen fromme Worte des Gebetes und des Gesanges, die der Wind in die Nacht hinaus trug. In die Spitze eines Felsvorsprunges war ein Grab eingelassen worden. Einen Augenblick lang war die Nacht noch erfüllt mit dem Schweigen der kleinen Menschenschar. Dann wurde der rabenschwarze Sarg, den man eigens aus der Rabenmark herbeigeschafft hatte, in die noch feuchte Erde gesenkt. In Kopfhöhe des verschiedenen Barons wurde eine halbrunde Kuppel aus klarem Berg-ristall eingelassen. Nottr Halderlin von Twergentrutz sollte auch in Borons Reich stets ein Auge auf sein zu Lebzeiten so innig geliebtes Heimatland werfen können, wann immer es im beliebte.
Die Abtkomturin erhob als erstes ihr Haupt. Ihre klare Stimme sollte in dieser Nacht weithin zu vernehmen sein: „Brüder und Schwestern, Golgaris und Boronis. Wir tragen heute einen jener Brüder des Ordens zu Grabe, der mit Recht als ein Rabe der Ersten Stunde bezeichnet werden kann. Meine Trauer sitzt tief über den Verlust eines Freundes und Ratgebers, der mir in all der Zeit ans Herz gewachsen war.“
Fina von Ibenburg schlug einen Augenblick lang die Augen nieder. Eine schillernde salzige Träne rann Ihre Wange hinab und fiel im Schein des Fackellichtes auf den Deckel des Sarges. Derartige Worte waren von der resoluten und tapferen Frau selten zu vernehmen. Nur wenige Augenblicke in Ihrem Leben hatte Sie offen Schwäche gezeigt. Doch hier und heute würde Sie den verblichenen Baron in Ehren verabschieden.
Mit fester, aber sanfterer Stimme fuhr die Cellarin fort: „Wir alle wissen um die Verdienste Nottr Halderlins von Twergentrutz. Seiner Leistungen und Vermächtnisse eingedenk, gemahnen wir derer, die sie zu seinen Lebzeiten nicht zu erkennen vermochten. So lasset uns die sterbliche Hülle auf allzeit für die Nachwelt erhalten, auf dass unsere Kinder und deren Kindeskinder von den Taten dieses Recken noch erfahren können.“
Erde schlug dumpf auf den dunklen Sarg auf, bedeckte das Holz und verschloss die Kammer des Barons. Heilige Chöre wurden in die Nacht hinausgetragen. Die Erde straffte sich auf wundersame Weise, als wolle Sie den Leichnam in ihrem Schosse behutsam aufnehmen. Die Abtkomturin straffte langsam Ihren Körper und verbarg Ihr Gesicht unter der bis tief ins Gesicht reichenden Kapuze: „Kraft meines Amtes bestimme ich, dass dieses Grab als Pilgerort für alle jene bestimmt sein soll, die diese Ländereien aufsuchen, um sich an Nottr Halderlin von Twergentrutz zu erinnern und seiner ruhmreichen Taten zu gedenken. Mögen die Pilger Hilfe auf ihrer Suche erfahren und im Herzen und im Geiste erleuchtet werden. Die nahe gelegene Burg wird mit Zustimmung seines Erben als Mahnmal dem Zahn der Zeit überlassen, um an die Vergänglichkeit allen irdischen Seins zu gemahnen. Solange die Burg noch nutzbar und sicher erscheint, darf sie als Ort der Ruhe und Versammlung für die Pilgerreisen gebraucht werden. Der Ort, an dem der Baron zur letzten Ruhe gebettet wurde, soll forthin als Wallfahrtsstätte auf Heiligem Boden gelten, zu dessen Bewahrung eine Ehrenwache im Rahmen der örtlichen Gegebenheiten gestellt werden wird.“
Die Cellarin hielt einen Augenblick inne, betrachtete den sich in glühendem rot erhebenden Morgen und nickte stumm der Macht Praios entgegen.
„Löscht alle Fackeln und neigt Euer Haupt gen Osten. Empfangt den Neuen Morgen und werdet der Wunder gewahr, die die kristallene Kuppel zu Euren Füßen Euch zu verkünden vermag.“

Alessa Taramon von Kyndoch