Der Ruf des Friedwanger Raben 1032 BF: Teil 6

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Texte der Hauptreihe:
K1. Prolog
K2. Teil 1
K3. Teil 2
K4. Teil 3
K5. Teil 4
K6. Teil 5
K7. Teil 6
K8. Teil 7
K9. Teil 8
K10. Teil 9
K11. Teil 10
K12. Teil 11
K13. Teil 12
K14. Teil 13
K15. Teil 14
K16. Teil 15
K17. Teil 16
K18. Teil 17
K19. Teil 18
K20. Teil 19
K21. Teil 20
K22. Teil 21
K23. Teil 22
K24. Teil 23
K25. Teil 24
Autor: ?

Briefspielgeschichte der Golgariten

Zur gleichen Zeit, Markt Friedwang

Alwina erstarrte, als der „Südländer“ das Zeichen des gebrochenen Rades vor ihr in die flirrende Sommerhitze zeichnete. In der Ferne, in den im goldenen Licht dösenden Feldern und Fluren zirpten die Grillen. „Man erwartet uns!“ sagte der Golgarit mit ebenso fester wie harter und befehlsgewohnter Stimme. Mehr nicht. Na-natürlich, dieser Orden war es nicht gewohnt, viele Worte zu plappern. Die Büttelin verneigte sich unterwürfig und wies auf den Herold, der ebenfalls katzbuckelte, wie ein maraskanischer Diener vor seinem Herrn. Die Torwächterin schauderte. Du willst also in die Rabenmark, dich diesen düsteren Kriegern anschließen, dachte sie. Dabei hast Du`s noch nicht mal bis in die Burgwache gebracht – du Größenwahnsinnige. Irgendwie verließ sie gerade jedweder Mut. Er hat das Boronszeichen geschlagen. Über Dich! Vielleicht stimmte es doch, was man munkelte – vom „Ruf des Raben“: Dass die Diener des Schweigsamen sofort sehen (spüren? hören oder gar riechen?) konnten, wenn ein Mensch ihrem freudlosen Gott geweiht ist. Einen bangen Herzschlag lang meinte sie, den Blick von Gevatter Tod schon auf sich zu spüren. Beklemmung breitete sich in ihr aus. Erst jetzt merkte sie, dass sie den Reitern noch immer im Weg stand. Hastig wich sie an den Rand des Torbogens auf.

Dschelefer musterte kurz die Schreckfratze über den gemauerter Torbogen (ein kahler Ogerschädel, der die Zunge herausstreckte – mit etwas Bosheit hätte man gewisse Vergleiche zu Gregorius anstellen können) und das Barönliche Wappen (ein Steinbockkopf mit Weintrauben, hübsch, ebenso wie das darpatische Fachwerk darüber). Dann ließ er seine kleine Streitmacht antraben. Dumpf klapperten die eisenbeschlagenen Hufe über das nun beginnende Katzenkopfpflaster – tschoktoktschoktokschoktok. Der Torbogengang, mit einer einzelnen, schmiedeisernen Laterne über ihren eingezogenen Köpfen, erschien ihm wie Borons Paradies selbst. Endlich Schatten…. „Folget mir, Ihr Herren!“ Auch der „Geck“ hatte mit einem Schnalzen sein Pferd herumgelenkt, ritt auf der anderen Seite wieder ins gleißende Sonnenlicht hinaus.

Sie passierten einen krummen Leiterwagen mit Heu, gelangten auf eine kurze Stichstraße, die wohl Richtung Marktplatz führte. Von dort schlug ein Gong genau einmal. Ein kräftiger, durchdringender Klang - Rondrastunde. Markt Friedwang roch nach Mist, saurem Wein (vielleicht, weil das Fachwerk damit angerührt worden war?) und Vieh in träger Sommerhitze. Dazu der Gestank aus den Rinnen beidseitig des Pflasters. Gackernde Hühner und ein borstiges, grunzendes Schwein, getüpfelt wie ein Traviakäfer, bildeten das Empfangskomitee. Irgendwo bellte ein Hofhund. Nur hier und da war ein Kiepenträger oder ein Grüppchen spielender Kinder zu sehen, die den waffenklirrenden Kavalleristen scheue Blicke zuwarfen. Und doch war es nicht Abneigung, die ihnen hier entgegenschlug – Dschelefer und Gregorius spürten, dass die Menschen froh waren, kriegskundige Waffenträger in Diensten der Zwölfe zu sehen. Große Dreiseithöfe, Ställe, Scheunen, schöne, schiefergedeckte Fachwerkhäuser im Wehrheimer Stil zur Linken wie Rechten – der Residenzort der Baronie konnte sich nicht entscheiden, ob er noch großes Dorf oder bereits kleine Landstadt sein wollte. Dschelefer schätzte die Einwohnerzahl als mit Devensberg vergleichbar ein, also mindestens 600 Seelen, eher mehr.

Die Straße weitete sich zu einem großen, leicht bucklig gepflasterten Platz, der nun wirklich kleinstädtisch aussah. Ein großer Zier-Brunnen plätscherte munter vor sich hin. Auf einem Podest erhob sich eine bunt bemalte Kriegerfigur, mit Schild, Schwert und Fahne (die ein zwölfspeichiges Rad zeigte), einen Wehrheimer Nasalhelm auf dem bezopften Kopf. Zu dessen Füßen kauerte eine Gans, die Wasser in den umlaufenden Steintrog spie. Aus dem sechseckigen Sockel strömte weiteres Nass aus patinafarbenen Rohren. Relieffiguren waren in dem Gestein zu sehen, die traviagefällige Szenen von Heimkehr, Familienglück und Bewirtung zeigten. Fast schien es, als wolle der edle Ritter diese heile Welt unter sich beschützen.

Eine alte, von Tragebalken gestützte Dorflinde versprach ebenfalls Abkühlung und Erholung. Rechterhand des Platzes schloss sich ein großer, steingefasster Löschweiher an, dicht bedeckt von Wasserlinsen und einem flirrenden Mückenschwarm – in den immer wieder pfeilschnell Schwalben hinein stießen. Hinter dem Brunnen ragte ein großer Gadenhof auf, der gegenüber dem Platz mit einem Gitter abgetrennt war: Ein kostbares Schmiedewerk, mit vergüldeteten Sonnen und Greifen verziert. Das Ganze fügte sich zu einer Art Tempelburg, mit einer Einfriedung aus geduckten Fachwerkhütten, die jeweils nur aus einer Kammer bestanden (die, wie Gregorius vermutete, zur Verwahrung eines Teils der Ernte diente). In der Mitte dieses großen Hofs - ein Dorf inmitten des Dorfes, wenn man so wollte- stand wiederum ein kuppelgekrönter, türmchengeschmückter Praios-Tempel aus reinweißem Marmor- der sich wenig darum scherte, dass er für ein solches Provinzkaff etwas zu monumental geraten war. Eine mächtige Basilika mit kreisrunder Solette an der Stirnseite und ausladenden Seitenschiffen Das Dach mit Schindeln aus purem Gold (?!!) glänzte und gleißte wie eine Verheißung der künftigen Freuden Alverans, die sich schon jetzt dem Frommen im Lichte des Himmelskönigs offenbarte. Auf dem Hauptdach wiederum erhob sich eine offene, reinweiße Säulenrotunde, die nach oben hin von einer ebenfalls güldenen Kuppel abgeschlossen wurde. Die Seitenwände waren mit großen Wasserspeiern (offenbar Drachen oder Greifen) und hohen Lanzettfenstern geschmückt, die wiederum bunte Figuren zeigten. Vier kleine Gongtürme mit offenen Schallfenstern zählte der Schwingenführer an den Ecken des Bauwerks. Dazu ein Dachreiter vor der Rotunde, der ebenfalls eine blitzende Gongscheibe barg. Irrte er sich oder stand in diesem eine einzelne, reglos verharrende Gestalt in weißer Kutte - und beobachtete die Neuankömmlinge?

Non nobis, non nobiiis, Praioneee …sed nominiiii tuoooo da gloriaaam. Ein gedämpfter, aber ungemein kraftvoller Gurvanischer Choral, hell und erfrischend klar wie ein Frühlingsmorgen, stieg aus dem Tempelbau empor. Natürlich, die Mittagsandacht ging wohl gerade erst zu Ende. Sogar zarter Weihrauchduft war zu erahnen.

Das musste die berühmte Sankt-Alborans-Siegesbasilika sein, mitunter Sankt Alboran und Gilborn genannt, nach den beiden hier verehrten Heiligen - wahrlich ein Bollwerk praiosgefälliger Ordnung gegen das Chaos der Wildermark. Hin und wieder schwirrten und gurrten weiße Tauben umher, aber jetzt, in der Hitze des frühen Nachmittags, war der Platz ziemlich leer. Nur in den beiden Wirtshäusern („Zum Springenden Steinbock“ und „Zum Güldenen Greifen“, wie entsprechende Schilder nahe legten) ging es hoch her. Schmucke Laubengänge, biedere Bürger- und Wirtshäuser rahmten den Platz ein. Der runde Säulenbau mit orangefarbener Kuppel, alterswürdig und einladend zugleich, mit großer Laterne über dem Eingangstor, schien ein Traviatempel zu sein. Ganz in der Nähe des Gadenhofs befand sich, von einem Baugerüst umrahmt, ein schlanker Turm, die Arbeiten an ihm ruhten gerade. Treppchenartige Stufengiebel, üppiger Blumenschmuck, farbenfrohe Butzenscheiben, vorspringende Ziererker und Mansarden verkündeten allenthalben bescheidenen, ländlichen Wohlstand. Hier stand die Mutter Darpatiens als Statuette in einer Nische unter dem Dach, dort erzählten Lüftlmalereien auf weißgetünchter Fassade fromme Geschichten: vom fleißigen Bauern, der zusammen mit Peraines Storch die Saat im Acker versenkte. Oder in Gegenwart der Heiligen Mutter das mühsam erackerte Brot mit seinen Liebsten teilte. Über allem ragte das herrliche, trotz des Sommers schneebedeckte Panorama der Schwarzsichelberge auf, die an diesem Tag überhaupt nicht düster wirkten. Davor hatten fleißige, unermüdliche Menschenhände Burg Friedstein gesetzt - mit dem wuchtigen grauen, uralten Bergfried, der selbst mehr ein Teil der Landschaft als der Feste zu sein schien. Ein unter dem Spitzdach umlaufender Wehrgang aus Holz gab dem viereckigen Klotz etwas fast schon wieder Verspieltes und Leichtes. Die Hauptburg, von kleineren Rundtürmen flankiert, schien nahezu quadratisch zu sein, eine Vorburg und eine halbfertige Brabakane, ebenfalls eingerüstet, schloss sich an. Die typische, in Jahrhunderten gewachsene Burg eines Landadeligen, nicht allzu wehrhaft und geräumig geraten – und dennoch kündete sie von stolz gewahrter Herrschaft über ein kleines, in sich ruhendes Reich.

Dort wollten sie hinauf. Offenbar führte der Weg rechterhand als Burggasse wieder aus dem Dorf hinaus, schlängelte sich dann in Serpentinen den Berg hinauf, der auf der Rückseite noch stark bewaldet, auf der Vorderseite mehr von Weiden und sogar Weinstöcken bedeckt war. Dschelefer merkte, wie sein Pferd ungestüm schnaubend in Richtung des Brunnens drängte, wie auch die Reittiere seiner Ordensbrüder. Natürlich, die waren völlig ausgedörrt nach dem Ritt in der sengenden Sonne, und auch seine Kehle brannte. Nun gut, für Zweibeiner schien die schäumende Brühe nicht geeignet zu sein, aber für Tiere womöglich schon. Das Gurren der Tauben, das Plätschern des Brunnen hatte etwas ungemein Beruhigendes, fast schon einlullendes an sich. „Das ist der Heilige Alboran“, sagte der Herold mit Fremdenführermiene und wies auf die Brunnenfigur. „Wenn Ihre Eure Rösser tränken wollte, bitte…hier unten ist Wasser nicht so knapp wie oben auf dem Burgberg.“ Dschelefer ritt in Richtung des Brunnens. Kleine Münzen lagen darin. Närrisches Gelächter lenkte ihn ab. „He Ihr da. Ja, Ihr. Wenn ich Euch einen guten Rat meiner Mutter mit auf den Weg geben darf: Schaut immer auf die Sonnenseite des Lebens….hahaha….“ Das kam von einem Pranger vor dem Eingang des Praiostempels, wo ein stoppelbärtiger, blond gelockter Mann in den Block geschlossen war – gleich neben einer Sonnenuhr. Er blinzelte tatsächlich gerade in Praios strenges Angesicht. Man hatte dem Burschen einen Wasserschlauch um den Hals gebunden (nein, mit in die Halsgeige eingeklemmt) und einen Strohhalm hineingesteckt – bei diesem Wetter vielleicht eine noch pervalischere Strafe, als wenn man ihn einfach hätte dursten lassen. „Ihr mögt mich vielleicht für nichts weiter als einen ausgemachten Spitzbuben halten“, kicherte der Mann mit wirren, verschwitzten Haaren. „Aber glaubt mir, edler Herr, der Baron dieses Landes ist ein noch viel größerer Strauchdieb als ich, fürwahr!“ Der Mann begann vergnügt zu pfeifen und versuchte die rund geschlossenen Hände ebenso wie den klobigen, rot glühenden Bauernschädel im Takt zu bewegen, was eher kläglich aussah. „Halte er den Mund“ sagte der Herold streng. „Genug der aufrührerischen Reden. Hört nicht auf dieses armselige Geschöpf, werte Herren Golgariten. Praios hat ihm wohl schon das Hirn versengt…“ „Ach was, der tut mir gar nichts. Ein bisschen Sonne ist ganz gut fürs Gemüt…“ krächzte der Mann am Pranger, mit aufgeplatzten Lippen und trockenen Lippen. „Kssst, ksst“, zischte er dann. „Eine Bitte hätte ich dann doch. Kommt näher, Herr, und kratzt mir den Buckel. Der juckt mich schon seit Stunden. Bitt Euch, Herr, in der gnädigen Frau Marbo Namen. Und noch bevor ihr eure Pferde saufen lasst, kühlt mein Haupt mit etwas Wasser. Dafür werde ich euch ein weiteres Geheimnis ins Ohr flüstern, oh ja…“