Der Geisterreiter

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Der gestürzte Reitersmann

Viele hundert Götterläufe ist es her, daß inmitten eines bitterkalten Hesindemondes im Wengenholmschen Verrat und Aufstand Firuns Jagd gleich über das Land fegten. Ein wilder Heerhaufen hatte sich zusammengerottet, der alsbald vor der Angenburg stand. Der alte Baron von Firntrutz, der ein getreuer Vasall des Grafen war, sammelte er rasch all seine Krieger, um seinem gräflichen Herrn zur Hilfe zur eilen. Seinen jüngsten Sohn aber sandte der Baron gen Angbar, um dem Fürsten Botschaft zu bringen von dem Angriff. Doch als jener schließlich nach zwei Tagen und zwei Nächten wilden Rittes die Hauptstadt erreichte, waren der Fürst und sein Vogt mit all ihren Rittern und Höflingen zur Jagd ausgeritten, und niemand konnte dem verzweifelten jungen Boten sagen, wo sie ihr Biwak aufgeschlagen hatten.
Da wandte er sich in seiner Not auf Ferdok zu, um dort von der mächtigen Gräfin und ihrer Garde Hilfe zu erbitten. Vor Verzweiflung beinahe von Sinnen, wagte sich der Knappe entgegen aller Warnungen schließlich auf den zugefrorenen See, in der Hoffnung, auf diesem Wegen Ferdok noch rechtzeitig für die Belagerten in der Angenburg zu erreichen.
Doch trotz seines Mutes war ihm das Glück nicht hold. Irgendwo, weit entfernt vom rettenden Ufer brach die dünne Eisschicht unter dem schweren Hufschlag des zum äußersten angetrieben Pferdes — der junge Edeling wurde aus dem Sattel geschleudert und fand, hinabgezogen durch das Gewicht von Kleidung und Waffen in den kaltblauen Tiefen sein Schicksal. Allein das Tier wurde schließlich, beinahe erfroren und dem Tode näher als dem Leben, in der Nähe Lutzenstrands von Bauern gefunden. Erst als die Angenburg längst dem feindlichen Ansturm zum Opfer gefallen war, konnte schließlich das Schicksal des tapferen Reiters aufgeklärt werden. Sein Leichnam aber wurde nie gefunden.

Verschiedene Gelehrte, die sich näher mit der Erzählung beschäftigt haben, haben auf zahlreiche Unstimmigkeiten hingewiesen: So scheint es äußerst unwahrscheinlich, daß der Fürst mitten im ärgsten Winter zur Jagd ausgeritten sein soll. Zudem hätte der Herrscher wohl kaum seine Stadt ohne jeden Schutz gelassen. Auch ist die beileibe nicht die einzige Geschichte, die das tragische Ende eines Reiters zum Thema hat.

Eine andere Sage nämlich erzählt von einem jungen Edelmann, der schwört, in einer Nacht dreimal den See überqueren zu können, um sich vor dem Vater seiner Angebeten zu beweisen. Tatsächlich wagt er sich trotz der flehentlichen Bitten des Mädchens auf das unsichere Eis — hat er sich doch, um die Frau seines Herzens zu gewinnen, der Hilfe von Firuns erzdämonischen Widersacher versichert. Der Erzdämon machte nun das Eis sicherer und fester, als es in Wirklichkeit gewesen war, so daß der junge Ritter tatsächlich unbeschadet die gefährliche Wasserfläche überquerte, und das Schloß seiner Angebeten erreichte.
Als er sich gerade daran macht, den großen See ein zweites Mal zu queren, hätte der Ritter in seiner Hast beinah eine unsichere Stelle übersehen. Da aber flatterte eine Koschammer auf, die nichts anderes war als der Nagrach selbst. Das Pferd scheute beim Anblick des Vogels, so daß der Edle es zügeln mußte und die Gefahr bemerkte. Abermals stand er vor der Geliebten und ihrem Vater.
Auch ein drittes Mal sollte ihm der waghalsige Weg gelingen. Zwar tat sich mit einem Mal vor dem Jüngling ein breiter Riß im Eise auf, doch weil Nagrach in der Gestalt eines Angbarsches im Wasser planschte, konnte der Reiter auf seinem Roß auch dieser Gefahr ausweichen.
Als er aber schließlich im Morgengrauen des nächsten Tages seine Geliebte heimführen wollte, konnte er sie nicht länger missen und wagte erneut den Weg über das Eis. Als er jedoch in der Mitte des Sees angelangt war, tat sich vor ihm mit einem Mal ein weites Loch im Eise auf. Abermals rief der Jüngling seinen dämonischen Beistand an, und abermals erschien ihm Belshirash. „Einmal noch will ich ihn queren, wahrhafter Herr des Eises, so hilf mir!“ Da verwandelte sich Nagrach in einen großen weißen Berghund, der den Reiter auf sicherem Pfad ans Ufer führte.
Endlich konnte er dort das Mädchen ihn die Arme schließen, das ihm der Vater voll wohler Achtung vor der Tapferkeit des Burschen zur Frau ließ. Nun schlug er in seinem Übermut abermals den Weg über das Eis an, das er mit Belshirashs Hilfe besiegt glaubte.
Der aber trieb nichts weiter als ein grausiges Spiel mit dem jungen Ritter. Kaum hatte das Paar ein halbes hundert Schritte zurückgelegt, barst der Boden unter ihnen in tausend kleine Scherben. Soviel die Jungfer auch schrie, der Bursche sich beim Schwimmen mühte, und der Vater am Ufer die Haare raufte — keine Rettung gab’s, nur den nassen Tod in kalten Tiefen. Höhnisch lachend erschien der Dämon, und griff nach der Seele des ertrunkenen Edlen – denn sich’ren Rückweg hatte er ihm nicht versprochen.
Doch nicht nur die junge Liebe fand ein grausames Ende, auch der Vater wurde gestraft. Niemals konnte er verwinden, daß seine einzige Tochter sterben mußte, weil er in seiner Hartherzigkeit nicht von ihr lassen wollte und dem Freier eine solche Torheit abforderte.
So ungewiß wie die Geisterwelt den Sterblichen ist, ist eines sicher verbürgt: Wann immer im Kosch bedeutsame Ereignisse ihren Schatten vorrauswarfen, hatte man zuvor einen unheimlichen Reitersmann gesichtet. So soll er mehren Berichten zufolge in der Nacht vor dem Massaker auf Fürstenhort mit finsterem Blick durchs Angbarer Land galoppiert sein, und ganze eine Kompanie Landwehr-Pikeniere will den Geisterreiter vor dem letzten Orkensturm im Wengenholmschen beobachtet haben, wie er verzweifelt seinem Pferde nacheilte, ohne es jemals einzuholen.