Bewährungsprobe am Trolleck - Sturm auf Burg Trolleck 01

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Das Trolleck im Ingerimm 1033 nach Bosparans Fall

Gesagt getan. Graf Wilbur brach mit seiner Leibgarde und einigen Begleitern zum Kloster auf. Unterdessen schlossen die Truppen des Heeres den Belagerungsring um die Burgen Zwietrutz und Trolleck.
Ein alter Mann, der in einer mittelgrauen Robe gekleidet war, empfing die Gruppe. Manch einem war er als Malchias von Schnellenbrück bekannt. Doch der Abt der Malchianer stellte sich nicht selbst vor. Würdevoll trat Graf Wilbur vor den Abt und fiel auf beide Knie.
"Ich bin gekommen, um dem greulichen Unfrieden, der am Trolleck herrscht ein Ende zu bereiten", sprach der junge Graf. "Man munkelt von einem geheimen Versorgungsgang von euren heiligen Hallen in die Burg Trolleck. Dieser Gang würde uns sehr helfen und das Leben der Geiseln schützen."
"Der Herr Boron schätzt die Reden von Heldenmut und Schlacht nicht. Andere sprechen ebenso von Recht und Gerechtigkeit und doch ist das Ergebnis immer das selbe."
Malchias legte Wilbur die Hand auf den Kopf.
"Und doch erkenne ich euren Wunsch, das Richtige zu tun. So werde ich euch zeigen was ihr begehrt, wenn ihr denn bereit seid. Doch hütet euch vor manchen eurer Begleiter. Nicht alle, die sich als eure Freunde ausgeben sind aus redlichen Gründen an eurer Seite."
Mit einer Mischung aus Überraschung und Dankbarkeit blickte Wilbur den Abt an. Dann schritt der Graf aus dem Gotteshaus, und seine Begleiter folgten ihm.

"Nun gilt es", sprach der Graf "Ich brauche Freiwillige, die durch den Tunnel in die Burg eindringen und auch für die Zwietrutz bräuchten wir jemanden. Ich selbst werde hier im Kloster bleiben und mit den Spießgesellen einen Überraschungsangriff auf die Burg Trolleck führen."
Wilbur ignorierte die steile Sorgenfalte, die sich bei diesen Worten im Gesicht seiner Hauptfrau der Leibwache Dorinde von Cellastein abzeichnete. Das Gespräch mit dem Abt hatte Wilbur mit ein wenig Selbstsicherheit gefüllt und so ignorierte er den Unwillen der etwa bei Polter von Pirkensee deutlich von den Zügen abzulesen war.
Hernobert von Falkenhag hatte sich als erster der Anwesenden von der Überraschung erholt.
"Mein Graf. Ich bitte euch um die Ehre den Sturm auf die Zwietrutz zu führen. Ich bin sicher seine Hochgeboren Balinor von Drabenburg wird mir dabei zu Seite stehen."
Sowohl der Baron von Bärenfang, als auch Graf Wilbur nickten zustimmend. Es war nur angebracht, dass der Bärenfanger bei der Rückeroberung seiner eigenen Burg mit dabei war.
Angbart von Salzmarken-See drängte sich nach vorne. Der Junker hatte sich bisher den ganzen Feldzug über im Hintergrund gehalten.
"Dann erlaubt mir an eurer Seite zu streiten. Einem Graf gebührt es, mit seiner Familie an der Seite in die Schlacht zu reiten."
Erneut nahm Wilbur die Bitte seines Gefolgsmannes mit einem nicken an.
Für Überraschung sorgte Ritter Trest von Vardock. Anstatt sich wieder einmal selbst zu loben sprach er leise und ernst: "Die Hänge an der Zwietrutz sind steil, aber doch können sie erklommen werden. Ich kenne einen Weg, doch brauche ich einige tapfere Begleiter, die bereit sind mit mir den Berg zu bezwingen. Es wird sicherlich kein leichtes Unterfangen werden."
Graf Wilbur nickte zustimmend. "Auch brauchen wir einige Freiwillige, die durch den Tunnel in die Burg Trolleck eindringen, um dort die Geiseln aus den Händen der Schurken befreien zu können."
In einem Moment wie diesem schimmerte die Zukunft durch, oder zumindest eine der Möglichkeiten. Aus dem Graf würde niemals ein großer Ritter oder Heerführer werden, aber mit den richtigen Beratern an der Seite könnte er sich zu einem besonnen und guten Grafen für die Hügellande entwickeln.
"Ich melde mich freiwillig für den Tunnel!" Roban trat mit entschlossener Miene vor. In den Gesichtern der Umstehenden konnte er sehen, dass nur wenige mit ihm hätten tauschen wollen. Durch dunkle, muffige Tunnel zu kriechen, sich in die Burg des Feindes zu schleichen und die Gefangenen ungesehen zu befreien, das entsprach nicht gerade dem klassischen Ritterbildnis. Aber so etwas behagte ihm mehr, als an den Mauern Zielscheibe für die Armbruster zu spielen.
Der Graf nickte nur wortlos in seine Richtung. Man sah ihm an, dass er zweifelte, ob ausgerechnet der unbeherrschte Koschtaler für dieses heikle Unternehmen die richtige Wahl war. Schon der kleinste Fehler konnte dem Feind weitere, wertvolle Geiseln in die Hände spielen – oder den Tod aller Gefangenen bedeuten! Blieb nur die Frage, ob sich außer ihm noch jemand für die Befreiungsaktion erwärmen konnte.
"Der Ritter Grobhand von Koschtal will seine eigene Idee umsetzen. Hier stimmen Wort und Tat überein, so wie es einem Ritter gebührt. Daher werde ich meinem Vorschlag gemäß unter denen sein, die Burg Zwietrutz durch Klettern erreichen wollen."
Boronar vom Kargen Land sah sich gestärkt durch den Entschluss des Grafen, die wagemutigen Pläne tatsächlich zu verfolgen. Trest von Vardock mochte nicht derjenige der Truppe sein, für den er die größte Sympathie hegte, doch kannte dieser das Gelände.
"Euer Hochwohlgeboren, gestattet mir, an Eurer Seite zu streiten. Ihr habt Eure treuen Vasallen in diesen schweren Stunden um Hilfe gebeten und ich wüsste keinen besseren Ort, an dem ich sie erweisen könnte." Gero vom Kargen Land hatte rasch nach Boronar geantwortet; beide sahen nach ihrer Diskussion keinen Grund, von ihrer Position abzurücken. Angbart von Salzmarken-See kniff kurz die Augen zusammen, als er Geros Bitte hörte. Bei dem Fest vor über einem Jahr, auf dem der Graf fast vergiftet worden wäre, hatte er bereits kleine Sticheleien gegen Gero ausgeteilt. Neben der Grafentreue schwang bei Gero vielleicht auch das Kalkül mit, nicht das Haus Salzmarken alleine in der Nähe Wilburs zu lassen.
Der Graf der Hügellande gab beiden Bitten statt. Nach und nach äußerten sich immer mehr der Anwesenden dahingehend, in welcher Gruppe sie bei der Rückeroberung der beiden Burgen ihren Anteil zu tun gedachten.
Unter diesen auch Etilian von Lindholz-Hohenried, der nach einer leichten Verbeugung sprach: "Es wäre mir eine Ehre, den Ritter Roban Grobhand von Koschtal durch den Fluchttunnel in die Feste Trolleck begleiten zu dürfen. Ich hoffe, dass meine Fähigkeiten dort von Nutzen sein werden."
Genau genommen hoffte er eher das Gegenteil. 'Möge Peraine geben, dass keiner der Gefangenen so schwer angeschlagen ist, dass man ihn nicht ohne sofortige Versorgung herausschaffen könnte.' dachte er bei sich. Aber da er sich ebenfalls für das Eindringen durch den Tunnel ausgesprochen hatte, wollte er zu seinem Wort stehen. Außerdem wäre er bei der Erstürmung einer Burg kaum von sonderlichem Nutzen und die Vorstellung, sein Schicksal an einer Steilwand in die Waagschale zu werfen, jagte ihm einen unangenehmen Schauer über den Rücken. Da schien es ihm wesentlich besser, sein Glück in den Tunneln unterhalb von Burg Trolleck zu suchen.
Natürlich war dies ein möglicherweise trügerisches Gefühl; wusste doch niemand, in welchem Zustand die Gänge waren oder was sie dort erwartete. Aber die Selbstsicherheit des Koschtaler Ritters färbte wohl langsam auf ihn ab und auch der Graf strahlte eine ungewohnte Souveränität aus, seitdem er von seinem Gespräch mit dem Abt zurückgekehrt war.
Graf Wilbur teilte noch ein paar andere Kämpfer in die beiden Gruppen ein, dann begaben sich alle in Position.

Roban Grobhand von Koschtal war der erste im Tunnel. Er war überrascht festzustellen, dass man bequem aufrecht stehen konnte und sogar relativ viel Platz an den Seiten hatte. Zwar reichte es nicht, um zwei Personen nebeneinander laufen zu lassen, aber Platzangst würde hier niemand bekommen.
Beherzt schritt er aus, während ihm der Rest der Gruppe folgte. Der Gang führte zu erst nach unten, nur um sich dann wieder nach oben zu winden. Nachdem sie etwa ein dreiviertel Stundenglas gelaufen waren machte der Gang einen Knick, und um ein Haar wäre Roban mit einem Mann im fürstlichen Wappenrock zusammen gestoßen.
"ANGREIFER!" brüllte der Mann aus vollem Halse und hieb nach Roban. Eine Frau, ebenfalls im fürstlichen Rock, drängte ihren Kameraden nach vorne. Roban hatte sich gerade von seiner Überraschung erholt und machte sich kampfbereit, als die Frau zu Boden stürzte und den Mann vor sich ins Taumeln brachte.
Roban reagierte schnell und trieb sein Schwert in die Brust des Mannes. Nicht einmal vor dem fürstlichen Wappen hatten diese Schurken Respekt dachte Roban bekümmert.
Als er den Kopf hob, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen: dort stand Derwart von Garnelhaun, der Herold des Fürsten, der von den Banditen verfolgt worden war.
Roban war kurzeitig wie vor den Kopf geschlagen, doch da hob Derwart schon sein blutiges Schwert. Er musste die Frau niedergestochen haben.
"Es ist nicht wonach es aussieht", rief er verzweifelt. "Diese Beiden sind Vogelfreie, die ein Auge auf mich halten sollten. Als die Burg Trolleck fiel weilte ich hier mit meiner Gattin und sie erzwangen meinen Gehorsam mit ihr als Geisel. Ich fürchte um ihr Leben und tat was sie sagten, aber nun fürchte ich, sie werden sie töten. Ich werde alles tun, um sie zu befreien. Bitte gebt mir eine Chance meine Seele rein zu waschen."
Roban verstand. Derwart hatte sie in den Hinterhalt gelockt. In den selben Hinterhalt in dem Answein und viele andere ihr Leben gelassen hatten.
Seine Zähne malten. Der Schmerz über den Verlust saß tief, und dieser Mann war dafür mitverantwortlich. Wenn er sich geweigert hätte...
"Ihr kriegt Eure Chance!" presste er dennoch hervor. "Aber wenn das hier eine Falle ist und Ihr Euch ein weiteres Mal habt zwingen lassen, werde ich dafür sorgen, dass Ihr bei den Opfern des Hinterhaltes in eigener Person Abbitte leisten könnt!"
Der Garnelhauner nickte betreten. Dass er eine derartige Drohung klaglos hinnahm, sagte Roban alles, was er wissen musste.
"Geht vor uns her! Alle anderen folgen! Und Schnauze halten!"
"Es ist nicht mehr weit!" versprach Derwart und schlich vorneweg. Tatsächlich endete der Weg schon bald am Fuß einer gewundenen Treppe.
"Wir sind jetzt im Inneren von Ingerimms Nadel", erklärte der Herold, während er die Stufen hinauf stieg. "Direkt über uns sind die Basaltkerker von Trolleck!"
Nach einigen Minuten standen sie vor einer gemauerten Wand mit einem darin eingelassenen Türgriff.
"Löscht das Licht!" befahl Roban und legte die Hand auf die Klinke. Noch einmal atmete er tief durch, schickte ein kurzes Gebet an Rondra. Dann öffnete er die Tür langsam und blickte in einen nur spärlich erleuchteten Kellergang.
"Zu den Kerkern müssen wir nach links!" Auf Derwarts Stirn glänzte Schweiß, und seine Stimme zitterte vor Unruhe. Aus Angst, dass man doch in eine Falle lief, oder aus Hoffnung, seine Gattin unversehrt aus den Händen des Feindes retten zu können?
Mit Handzeichen dirigierte Roban seinen Haufen in den Gang. Zwei Mann postierte er in Richtung der Treppe, einen weiteren an der Geheimtür, die sie bis auf einen Spalt schlossen. Keine drei Minuten später standen sie vor der Tür zum Kerker.
Kopfschüttelnd trat Roban neben einen niedrigen Tisch, auf dem noch zwei halbvolle Krüge Dünnbier standen.
"Wo sind die Wachen hin, von Garnelhaun?" schnaubte er misstrauisch. Die Sache ging ihm zu reibungslos, doch der fürstliche Herold beachtete ihn kaum. Mit Tränen in den Augen sprach er mit einer Frau, die sich hinter der Tür befinden musste, und die grenzenlose Erleichterung in der bebenden Stimme konnte kaum gespielt sein.
Der Ring mit den Schlüsseln hing an einem Haken unweit des Tisches, bald darauf öffnete die Tür sich knirschend. Der Heiler Etilian gehörte zu den ersten, die den Kerker betraten. Ein abscheulicher Dunst nach Schweiß und Exkrementen verschlug ihm für einen Moment den Atem. Aus dem Dunkel blickten ihn viele Augenpaare entgegen, voller Hoffnung, voller Angst.
Dennoch rappelte sich einer von ihnen auf, ein noch junger Mann mit wucherndem Bart und verschmutzter, einst edler Kleidung.
"Ich bin Bernwart von Drabenburg", sagte er mit heiserer, schwacher Stimme. "Wer seid Ihr, und was führt Euch an diesen Ort?"
"Wir holen Euch hier heraus!" erklärte Roban ohne jede Vorstellung seinerseits. "Wer selbst laufen kann, soll die stützen, die es nicht mehr können!"
Während die ersten der jämmerlichen Gestalten sich aufrafften, untersuchte Etilian rasch die Verwundeten, von denen es einige gab. Verschmutzte, durchgeblutete Verbände fanden sich an vielen der Kämpfer des Bergbanners, ebenso an den überlebenden Verteidigern der Burg. Einer Frau Anfang Vierzig, die in einer Ecke auf schmutzigem Stroh lag, konnte er nicht mehr helfen. Ob sie ihrer Verwundung oder den Entbehrungen der Gefangenschaft erlegen war, wusste wohl nur Boron selbst.
"Zwei müssen getragen werden. Den Befreiten fehlt die Kraft, erst recht für den Weg über die Treppe", meldete er Roban dann mit fester Stimme. Er würde sich auf keinerlei Diskussion einlassen, was das Wohlergehen der Verwundeten anging. Aber der Koschtaler nickte wider Erwarten nur kurz.
"Schön! Wählt vier aus, die das übernehmen! Begleitet Ihr die Verwundeten nach draußen?"
Etilian überlegte nur kurz, ehe er den Kopf schüttelte.
"Ich bleibe, solange Ihr bleibt!"
"Ich ebenfalls!" Bernwart von Drabenburg, der den Abtransport seiner Untergebenen schweigend beobachtet hatte, trat neben den Darpatier.
"Gebt mir eine Waffe, und ich..."
"Ihr seid zuvörderst für das Bergbanner verantwortlich!" unterbrach Roban in brüsk. "Bringt das, was davon noch übrig ist, in Sicherheit, und meldet Euch bei Eurem Vater im Lager des Grafen! Danach könnt Ihr Euch meinethalben bewaffnen und zurück kehren, oder Euch den Streitern für den Sturm auf Trolleck anschließen!"
Die Stimme des Koschtalers unterband jeden Widerstand im Keim, und vermutlich war der Sohn des Bärenfanger Barons zu geschwächt, um den grollenden Roban wirklichen Widerstand entgegen setzen zu können. So nickte er nur betreten und wandte sich zum Gehen.
"Was wurde eigentlich aus dem Burgherren, dem Ritter Thorgal zu Trolleck?" fragte Etilian noch rasch. Bei den Gefangenen hatte er außer der Gattin des Herolds keinen weiteren Edlen gesehen.
Ein Schatten huschte über das Gesicht Bernwarts. "Gefallen bei der Verteidigung seiner Burg", sagte er leise, "Boron hab ihn selig!"
In den Sekunden betroffener Stille war das Zähneknirschen Robans deutlich zu hören.
"Es wird langsam Zeit, dass wir ein paar von diesen Dreckschweinen auf Golgari hieven!" zischte er wütend. "Vielleicht können wir dem Feind von hier aus noch mal gepflegt in den Rücken fallen, oder..."
Die Schritte eines heran eilenden zur Beobachtung eingeteilten gräflichen Soldaten unterbrachen ihn.
"Kommt rasch, Wohlgeboren! Das müsst Ihr sehen! Der Feind sammelt sich am Tor!"
Bald darauf stand man dicht gedrängt vor einem der kleinen Kellerfenster, kaum mehr als einem vergitterten Loch, durch das nur spärliches Licht fiel. Roban zählte knapp drei Dutzend Kämpfer am Tor.
"So viel zum hochwohlgeborenen Überraschungsangriff!" knurrte er ärgerlich. Mit der Burg im Rücken, energisch angreifend, würde man die Reihen der ohnehin kaum motivierten Spießgesellen wohl rasch ins Wanken bringen. Er zerbiss einen Fluch, zählte noch einmal die Streiter des Feindes.
Roban blinzelte einige Male.
"Etilian, schaut mal zum Torhaus rüber! Täuschen mich meine Glotzerchen, oder stehen da wirklich nur noch zwei so Gestalten herum, die als einzige nicht mit Ausrücken?"
Der Darpatier musste sich ein wenig recken, doch nach ein paar Sekunden konnte er die Beobachtung bestätigen. Sämtliche Streiter standen im Burghof bereit, nur noch zwei Mann am Torhaus, niemand mehr auf den Wehrgängen oder Türmen.
"Orkendreck und Donnerwetter, da kommt mir doch glatt eine Idee", murmelte Roban nachdenklich. "Von Garnelhaun, habt Ihr Schreibwerk dabei?"
"Ein Herold des Fürsten pflegt derlei bei sich zu tragen", antwortete der Angesprochene pflichtbewußt, zückte Kohlestift und zusammen gefaltetes Pergament.
"Schön, dann schreibt schnell auf: Feind plant Ausfall von Trolleck aus. Versucht, den Feind mit einem vorgetäuschten Rückzug von der Burg fortzulocken. Wir versuchen, derweil das Torhaus zu nehmen und die Tore von Trolleck hinter dem Gegner zu schließen!"
Derwart von Garnelhaun kritzelte, so rasch er konnte. Dann suchte er in seinen Gürteltaschen nach Siegelwachs.
"Macht nicht so ein Brimborium", brummte Roban. Mit seinem Siegelring kratzte er einige Male im Schimmel an der Kerkerwand, bis sich eine ordentliche Menge der schmierigen Patina darauf gesammelt hatte. Dann drückte er den Ring einmal fest gegen das Pergament. Eine grüne Faust blieb darauf zurück.
"Nicht schön, aber selten!" befand er. "Dann los, von Garnelhaun. Sputet Euch, ehe der Graf sich eine blutige Nase holt!"
Während der Herold mit der Nachricht davoneilte, winkte Etilian Roban von Koschtal wieder an das kleine Fenster. Etwas überrascht konnten die beiden beobachten, wie auch die Torwachen ihren Posten verließen. Für einige Augenblicke waren die beiden nicht zu sehen; dann erschienen sie am Fuße des Turmes und eilten noch vor den einst als Verbrechern verurteilten Besatzern der Burg durch das Tor. Kurz darauf setze sich die ganze Truppe in einen leisen, nicht sonderlich gleichmäßigen Marsch, durchquerte den Zugang zur Feste Trolleck und verschwand auf der sich anschließenden steinernen Brücke aus den Augen der in aller Heimlichkeit eingedrungenen Beobachter. Für einen Augenblick sahen sich die beiden Adligen verwirrt an. Wollte der Feind wirklich die Burg ganz und gar aufgeben?
Dann trat fast zur gleichen Zeit Erkenntnis in ihre Augen.
"Die Vorburg…" flüsterte der Heiler und der Ritter von Koschtal nickte grinsend: "Die beiden müssen dort ebenfalls das Tor öffnen. Diese Halunken lassen wirklich nur diese zwei armen Schlucker zurück. Nun, bei Rondra, wenn sie ihre Kumpanen durch das Tor gelassen und brav den schweren Balken wieder an seinen Platz geschoben haben, werden sie feststellen, dass sie es sind, die sich auf der unsichereren Seite befinden!"
In aller Eile sammelten sich die verbliebenen Eindringlinge, was aufgrund der geringen Anzahl nicht besonders lange dauerte.
"Wir haben nicht mehr viele Leute. Wenn wir uns auf die Hauptburg beschränken, kann uns gar nichts passieren, aber dann kann sich der Feind in der Vorburg verschanzen, wenn wir Pech haben", raunte Etilian Roban zu, während die Soldaten in dem kleinen Kellerraum zusammenkamen. Gerade einmal acht Mann blickten ihnen noch entgegen.
Roban musste nicht lange nachdenken und verkündete dem kleinen Trupp: "Männer, wir werden diese Burg im Handstreich nehmen. Allerdings wird uns das nur gelingen, wenn wir mit Bedacht vorgehen. Zuerst werden wir den Torturm sichern. Ihr beide", dabei zeigte er auf zwei jüngere Bewaffnete, "begleitet Wohlgeboren Etilian dorthin. Wir übrigen werden uns über die Brücke schleichen sobald der Feind sich vom Grafen hat rauslocken lassen wie eine gierige Sumpfranze. Wenn der Feind zu weit weg ist, um rechtzeitig wieder am Tor zu sein, nützt es den Wächtern gar nichts, wenn sie sich die Kehle aus dem Leib brüllen."
Die Männer und Frauen nickten, um zu zeigen, dass sie verstanden hatten und Roban stellte ein wenig erstaunt fest, dass ihm wirklich zuerst eine Sumpfranze in den Sinn gekommen war und nicht etwa eine Ratte oder Ähnliches. Nun, das Moor prägte wohl auch ihn.
Etilian war neben ihn getreten. Vielleicht hätte er den Darpatier vorher fragen sollen, ob er mit seinem Kommando einverstanden war, aber es hätte sowieso keine andere Möglichkeit gegeben. Er brauchte am Tor jemanden, der ruhig blieb und die richtigen Entscheidungen traf.
"Wenn etwas daneben gehen sollte, verlasse ich mich darauf, dass ihr das Fallgitter herunterlasst. Diese Mordgesellen dürfen auf keinen Fall erneut Trolleck besetzen!" erklärte er mit gedämpfter Stimme, während er seinen verstärkten Lederhandschuh wieder anzog, den er für das Siegeln abgelegt hatte.
Roban konnte im Halbdunkel nur schwer den Ausdruck in den Augen des braunhaarigen Neukoschers ablesen, aber er hatte das Gefühl, dass dieser schwer schluckte, bevor er nickte.
Weiterhin vorsichtig – vielleicht verbarg sich ja doch noch irgendwo einer der Mordbuben – bewegten sich die beiden Adligen mit den ihnen verbliebenen gräflichen Mannen die Treppe hinauf und öffneten die schwere Tür aus stabilem Eichenholz an ihrem Ende.
Der Gang hatte sie in den Bergfried geführt. Auch hier war alles still und kein Anzeichen menschlichen Lebens zeigte sich. Nach kurzem Lauschen verließen sie die Kellertreppe und sammelten sich im Erdgeschoss. Die aus schwerem, grauen Gestein geformten Mauern waren von enormer Stärke. Dieser Teil der Burg sollte auch dann noch standhalten, wenn alles andere schon gefallen war. So hatte der Raum auch keine Fenster und sie musste einen der Männer ein Stockwerk nach oben schicken, damit er durch eine der schmalen Schießscharten linsen und ihnen Bericht erstatten konnte: Noch hatte der Feind die Vorburg nicht verlassen; noch hieß es geduldig abwarten.