Besuch von zu Hause

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1028 BF

Gislind vom Hochfeld stand versonnen am Fenster ihrer Kemenate und genoss den Blick über die grünen Hügel und saftigen Hänge, in denen Gut Hochfeld lag. Vor ihren Füßen spielte ihre Tochter Livelind – ihr ein und alles.
„Wie schnell die Zeit vergeht“ seufzte die Junkerin angesichts ihrer nunmehr recht aktiven Tochter, die längst nicht mehr damit zufrieden war, ruhig in ihrer Wiege zu schlummern. Gerade wollte Gislind sich zu ihr hinunter beugen, um ein außer Reichweite geratenes Spielzeug vor das Kind zu legen, als es an der Tür klopfte. Auf ihre Aufforderung betrat eine gehetzt wirkende Hausdame den Raum.
„Wohlgeboren,“ presste Traviane von Zweizwiebeln hervor, „Wohlgeboren, wir haben Nachricht erhalten, dass Getreue Eures Gemahls auf dem Weg hierher sind. Ich dachte, “ fügte sie etwas verlegen lächelnd hinzu „das solltet Ihr wissen.“
„Seid Ihr sicher? Getreue meines Gatten? Elwarts Gefolgsleute?“ wiederholte Gislind ungläubig. Die Hofdame nickte bestätigend.
„So sicher wir sein können, Wohlgeboren. Der Wanderkrämer sah das Hochfeldsche Wappen im nächsten Dorf und konnte, äh, zufällig mit anhören, wie mehrere gerüstete Männer den Wirt nach Euch und Eurem Kind ausfragten.“
„Was könnten die hier wollen? Außer …“
Der erschrockene Blick Gislinds fiel auf ihre fröhlich krähende Tochter.
„Schnell, Traviane, schickt nach der Amme! Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wenn es so ist, wie Ihr sagt, müssen sie jeden Moment hier eintreffen … “.
Nachdem die Hausdame den Raum verlassen hatte, begann Gislind hektisch, ein paar Dinge für ihre Tochter auf eine Decke zu werfen, und verschnürte diese zu einem Bündel. Beim Eintreten der Amme drückte sie dieser das Bündel in die Arme.
„Nimm diese Habseligkeiten und bringe meine Tochter so schnell es geht und ohne gesehen zu werden zum Erbvogt von Hammerschlag. Nimm auch diese Münzen, gute Amme. Wenn du gefragt wirst, ist sie deine eigene Tochter und du bist auf dem Weg zu deiner Muhme. Das Kind heißt … Traviane. Versteckt euch auf dem Wagen des Krämers und verlasst so das Gut. Stell keine weiteren Fragen und nimm dieses Medallion als Zeichen meines Dankes. Mach schnell!“
Verstehend nickte die Amme. Rasch hob Gislind das Kind vom Boden auf, drückte ihm einen letzten Kuss auf die Stirn und gab sie der Amme. Mit einem Ruck wandte sie sich ab und hörte nur die Tür ins Schloss fallen.
Um sich nicht der Verzweiflung über die Trennung von Livelind hinzugeben, begann sie, weit ihm Raum ausschreitend, über den Grund von Elwarts plötzlichem Interesse an ihr und dem Kinde nachzudenken. Er wusste von dem Kind, das war sicher, und er konnte auch mit Bestimmtheit sagen, dass es nicht ihr gemeinsames Kind war – wann hätte Tsa es ihnen auch schenken sollen, nachdem sie schon lange keinen ehelichen Kontakt mehr pflegten?
Was also wollte er? War ihre Reaktion, Livelind zu ihrem Vater bringen zu lassen, überstürzt gewesen? Wenn dem so war, konnte sie sie jederzeit unter dem Vorwand, ihre Tochter Lanzelind besuchen zu wollen, zurückholen. Und doch spürte sie eine Gefahr, dass sich ihr die Haare im Nacken aufrichteten. Was wollte Elwart?
Ein erneutes Pochen an der Tür ließ Gislind erschrocken in ihren Gedanken innehalten. Ohne noch ihre Aufforderung abzuwarten, wurde die Tür aufgestoßen und Geron, der Hauptmann von Elwarts Wache, betrat mit raschem Schritt den Raum, seine Gefolgsleute blieben wartend vor der Tür stehen. Mit einem abschätzigen Blick durchsuchte er den Raum.
„Geron, was fällt Ihm ein, hier so ungefragt und unziemlich aufzutreten? Entschuldige Er sich gefälligst für sein Benehmen!“
Die Maßregelung einfach überhörend, sagte Geron: „Euer Gatte, Elwart von Hochfeld, schickt nach Euch und dem Kind. Ich eskortiere euch auf dem Weg nach Rosenschloß und sorge dafür, dass euch dabei nichts zustößt, … Wohlgeboren.“
„Nun, wenn Elwart mich zu sehen wünscht … ich denke, ich kann in wenigen Tagen reisebereit sein …“ setzte Gislind an, doch Geron unterbrach sie grob.
„Mein Herr erwartet, dass wir noch heute aufbrechen. Wo ist das B … das Kind?“
Auf dem Hof war das sich entfernende Geräusch von Wagenrädern zu hören. Wenn alles gut verlaufen war, hatten die Amme und Livelind jetzt Gut Hochfeld ungesehen verlassen. Gislind straffte ihre Schultern und hob entschlossen das Kinn.
„Nicht hier, wie Er sieht. Dann lasse Er uns aufbrechen, wenn mein Gemahl es so dringlich wünscht. Allein, er wird mit mir Vorlieb nehmen müssen.“