Bündnis und Verbundenheit - Ein Schwert mit zwei Schneiden

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21. Hes 1042 BF
Ein Schwert mit zwei Schneiden
Liebesverhandlungen


Kapitel 4

Autor: Korkron

Zwietrutz, Ingerimm 1042

Zwinger auf Burg Zwietrutz, 01.Ingerimm 1042

Derwart Feuererz beendete die Messe, die vor der kleinen Ingerimmkapelle im Zwinger der Burg Zwietrutz stattfand. Er schlug mit seinem Zeremonienhammer auf den aufgebauten Altar und benannte zum Abschluss mit andachtsvollen Schlägen alle Heiligen der Ingerimmkirche.
Die Anwesenden antworteten mit „Schüre Dein Feuer in uns“.

Der Zwinger von Burg Zwietrutz war feierlich und ingerimmgefällig hergerichtet worden und selbst das Wetter spielte mit. Es dunkelte bereits und der gesamte Burghof, ja eigentlich der ganze Berg war mit Fackeln und Feuern erleuchtet. Derwart, der junge Ingerimmgeweihte hatte alles darangesetzt, ein unvergessliches Fest zu organisieren. Als Grimm zu Zwietrutz vor einiger Zeit äußerte, die Aufgaben für das anstehende Panoptikum in einer Versammlung bekannt zu geben, hatte Derwart nicht lockergelassen, diese Versammlung zum einen mit einem Fest am Tag des Feuers zu verbinden zu dürfen und zum anderen auch organisieren zu dürfen. Grimm hatte auf Anraten seines Amtmannes schließlich zugestimmt.

Derwart Feuererz war mit seinem knapp 25 Jahren nicht sehr glücklich in Zwietrutz. Zwar war er ein recht umgänglicher Mensch und die Zwietrutzer kamen im Allgemeinen gut mit ihm klar. Aber Beistand suchten sie immer noch lieber im Kontakt mit dem alternden Bruder Alpbart Salmingen, der als Mönch des Garrensander Boronklosters schon bereits viele Jahre in Zwietrutz lebte.
Obwohl Ingerimm in Zwietrutz hochgeachtet wurde, kam sich Derwart ungesehen vor und suchte Herausforderungen, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen.

Grimm zu Zwietrutz ging nach Beendigung der Messe auf den jungen Geweihten zu und dankte ihm leise für die gute Messe. Dann durchschritt er die anwesenden fast 100 Zwietrutzer und stieg die Stufen hoch zum erhöhten Bereich des Zwingers vor dem Palas auf. Dort baute er sich zu voller Größe auf. Er suchte die Augen Iraldas in der Menge und freute sich, auch ihre Augen auf sich zu spüren. Hinter ihm begannen bereits die Spielleute ihre Vorbereitungen und der Ritter musste erkennen, dass sein Volk ehe diesen Vorbereitungen Aufmerksamkeit schenkte als ihm.
„Zwietrutzer“, begann er nun mit lauter Stimme. „Ein hartes Jahr liegt hinter uns und ich weiß sehr wohl, was ich Euch abverlangte. Aber dank unserer Arbeit haben wir viel erreicht. Der Steinbruch läuft, auch dank der Unterstützung Prekoloschs hervorragend, eine Rotte Bärenfänger Bergjäger sorgen nun für unseren Schutz und unsere Waren konnten wir zugunsten aller sehr gut in Angbar verkaufen.“
Zustimmende Rufe und wohlwollendes Klatschen waren die Reaktion der Zwietrutzer und Grimm sah einen dankbaren Gruß Prekoloschs für die persönliche Anerkennung.
„Bevor wir nun gleich einen schönen Tag des Feuers begehen wollen...“, wollte Grimm fortsetzen. Doch hinter ihm ertönte ein langes und sehr lautes Geräusch einer Sackpfeife. Die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer war wieder weg und so drehte er sich zu den Spielleuten um und machte eine kurze Pause, bis es hinter ihm wieder völlig still war.
Als er sich seinen Zuhörern wieder zuwandte, sah er in deren Gesichtern, dass man nach der Ingerimmzeremonie nun nicht mehr bereit war, eine weitere Predigt zu hören. Kurz überlegte er und entschied dann, seine Rede abzukürzen: „Winne Tiefmoor wird in der kommenden Woche mit Magister Attalan die Aufgaben für das kommende Panoptikum bekannt geben. Das Panoptikum wird viel Arbeit sein, uns aber reichlich belohnen.“
Grimm schloss seine Ansprache mit der Einladung zu dem folgenden Fest.
Das darauffolgende Klatschen war nicht wie anfangs nur wohlwollend und es war dazu deutlich lauter als zuvor. Die Menge stob auseinander, um sich mit Bier und Fleisch einzudecken.
Grimm ging die Treppe wieder hinunter. Zurück in den unteren Zwinger und suchte Iralda.
Als Grimm die Treppe runter ging, sah er im Augenwinkel, wie der Sänger der Spielleute, Antillon Eichenlob, mit seiner Schwester nach vorne kam.

Die Sängerin der Koscher Spielleute gehörte für viele mindestens in ein Noionitenkloster, aber die Lieder, die sie sang, verzauberte alle regelrecht. Bruder Alpart hatte ob der offensichtlichen Andersartigkeit der Sängerin den Burgherrn gebeten, diese Spielleute nicht wieder einzuladen. Doch unter den Spielleuten war mit Outhyk, dem Membramophonspieler ein echter Zwietrutzer aus Wogenschlag und die Spielleute waren ob ihrer lustigen und zum Tanz auffordernden Liedern sehr beliebt. Dies schloss insbesondere auch die Alt-Rottmeisterin ein. Und allein daher kam es für den Junker nicht in Frage, dem Wunsch Alparts nachzukommen.

Migahra war vielleicht 18 Jahre alt. Sie war schlank und hatte sehr lange, hellblonde Haare. Von hinten zog sie so manchen bewundernden Blick auf sich. Doch in ihrem Gesicht mit der sehr hohen Stirn erkannte man schnell, dass Migahras Geist nicht viel von Hesindes Segen erhalten hatte. Ihre sehr schmalen und breiten Augen und der mit großen Zahnlücken versehene Mund schauten meist voller Freude, offenbarten aber auch auf den ersten Blick ihren eingeschränkten Geist.

Migahra sprach kaum und konnte überdies von unkundigen nicht einfach verstanden werden. Dies lag weniger an ihrer Freude am Sprechen als am Verbot ihres Bruders Antillon, der aufgrund schlechter Erfahrungen Angst davor hatte, dass man Migahra als Hexe oder noch schlimmer als Dämonenbuhle ansah. Antillon sprach aufgrund der schmalen Augen Migahras stets von der „Nivesenkrankheit“. Aus Angst zwang er das Mädchen zusätzlich dazu, zu ihrem Schutz fast immer eine Narrenkappe zu tragen. Migahra hatte von den Göttern viele Makel bekommen, doch alle waren vergessen, wenn sie anfing, ihre meist nur kurzen Texte zu singen. Anders als beim Sprechen sang das Mädchen glasklar mit einer herrlichen, bezaubernden Stimme, die von Alt bis zum Sopran reichte.

„Das ist so viel besser als die Adelsbälle!“ Grimm konnte Iraldas Aussage mit einem Blick in Alparts Gesicht, der in dem Mädchen eher eine Besessene als ein krankes Mädchen sah, zwar so nicht bestätigen, aber er musste zugeben, dass er sich nicht erinnern konnte, jemals eine bessere Stimmung auf Burg Zwietrutz erlebt zu haben.

Grimm hatte dem Drängen Iraldas nach einem Tanz trotz seines nur begrenzten Talents und der noch geringeren Lust nun bereits mehrfach nachgegeben. Aus den Gerüchten über die Liaison der beiden Ritter wurde für jeden gleich Gewissheit, wenn man die beiden zusammen sah.

Ein schnelles Tanzlied endete und anschließend wurde es kurz still im Zwinger. Dann bat der riesige Blaath um Gehör. Er konnte zwar weder singen noch ein Musikinstrument spielen, aber zwischendurch machte er ein paar Ansagen und war insbesondere dafür zuständig war, mit einer kleinen Kisten Spenden einzusammeln. In gebrochenem Garethi, dessen Akzent ihn neben seinem Aussehen als Nordmann zu erkennen gab, erhob er nun seine tiefe Stimme: „Ritter zu Zwietrutz, Alt-Rottmeisterin von Salzmarken, Leute von Zwietrutz. Habt Dank für Einladung. Hevanya geschrieben ein neues Lied, dass nun das erste Mal gespielt“. „Ein Schwert mit zwei Schneiden.“ Hevanya nahm die Flöte aus dem Mund und verbeugte sich.

Anschließend schwoll Blaaths Stimme merklich an und die Zuhörer wussten, was nun kommen würde: „Ein Tribut an die Freude, eine Ode an die Ekstase. Wir sind die Spielleute von...“ Blaath schaute die Menschen im unteren Zwinger an und wartete, bis diese den Spielleuten die bereits mehrfach geübte Antwort zuschrien: „Ekstastribut“.

Dann ging er die Treppen vom oberen Zwinger runter und als er nicht mehr zu sehen war, setzte Outhyk zu trommeln an und Karan stimmte mit seiner Sackpfeife ein. Antillon ging nach vorne und begann dem nun wieder still gewordenem Publikum das besagte, sehr ruhige Lied in seiner knarzigen aber dennoch angenehmen Stimme zu singen.



1.Strophe (Antillon)
Im Dunkel einst das Lande lag
Ein Krieg das Lichte nahm
Zwei Götterläufe Aderlass
Hunger, Verlust und Gram
Kein Schwert zum Schützen da

Refrain (Migahra)
Eine Schneide kann helfen
Eine Schneide kann schützen
Ein Schwert braucht zwei Schneiden

Eine Schneide kann schaffen
Eine Schneide bewahren
Ein Schwert braucht zwei Schneiden

2.Strophe (Antillon)
Doch dann es langsam lichter wird
Der Aufbau kost viel Kraft
Der Hunger geht, die Freude kommt
Hoffnung keimt im Land
Ein Schwert endlich zu Tage tritt

Refrain (Migahra)
Eine Schneide kann helfen
Eine Schneide kann schützen
Ein Schwert braucht zwei Schneiden

Eine Schneide kann schaffen
Eine Schneide bewahren
Ein Schwert braucht zwei Schneiden

3.Strophe (Antillon)
Das Land nun hat das Licht gesehen
Hat Hoffnung, dass es bleibt
Doch bleiben kann nur, wer vermehrt
Aus eins werden muss zwei
Das Schwert braucht zwei Schneiden

Refrain (Migahra)
Eine Schneide kann helfen
Eine Schneide kann schützen
Ein Schwert braucht zwei Schneiden

Eine Schneide kann schaffen
Eine Schneide bewahren
Ein Schwert braucht zwei Schneiden


Applaus setzte ein, als Migahras letzter Ton verklungen war.

Iralda von Salzmarken schaute zu Grimm. Eine Sekunde später fing sie lauthals an zu lachen, als sie erkannte, dass das Gesicht des Burgherrn errötet war. Grimm verzog aufgrund der unverhohlenen Freude Iraldas an seiner empfundenen Scham sein Gesicht.

Natürlich war sie in keinster Weise unangenehm berührt, dachte Grimm. Und das obwohl doch das Lied ein deutlicher Aufruf an ihn war, sich zu vermählen. Oder etwa nicht? Er schaute sie an, während sie sich nach ihrem Lachanfall wieder den Spielleuten zugewendet hatte und ihnen weiterhin zuklatschte.

Dann trafen sich ihre Blicke. Sie grinste und winkte sein Ohr zu sich. Als sich Grimm etwas bückte und er in Hörweite war, flüsterte sie: „Ich kenne da einen guten Wetzstein zum Schärfen.“
Der Ritter hob den Kopf und schaute sie an. Dann musste er auch grinsen.