Auferstanden - Dem Jung-Sappeur ist nichts zu schwör

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Angbar, Anfang Peraine 1042

Ruglax Sohn des Regolosch, Murgrim Kupferblatt und Alvide von Eichental staunten nicht schlecht, als ein Angroscho in einem Nadoreter Wappenrock ins Zimmer marschierte.

"Angrosch zum Gruße! Ich bin Ibralosch Sohn des Ingrasch. Zu Euren Diensten." Mit diesen Worten verbeugte er sich und überreichte einige Dokumente. Während nacheinander jeder der drei sich die Schreiben durchlas, nutzten die beiden anderen jeweils die Zeit, um den Bewerber genauer zu mustern.

Der Neuankömmling war selbst für einen Zwerg klein und wirkte auf den ersten Blick nicht besonders kräftig. Seine haselnussbraune Haar- und Barttracht war ohne große Zier; alleine der Schnurrbart war an den Enden geschnürt. Neben dem Wappenrock trug er einen Tellerhelm, eine schwarze Soldatenhose und Plattenschultern sowie einen Nadoreter Wappenschild auf dem Rücken. Wären da nicht ein seltsames Paar Armschienen und die zwergischen Panzerstiefel gewesen (sowie die Tatsache, dass es sich um einen Zwerg handelte!) – man hätte ihn für einen ganz gewöhnlichen Nadoreter Stadtgardisten halten können, der sich irgendwie nach Angbar verlaufen hatte. Der Angroscho wartete mit einem freundlichen Gesichtsausdruch geduldig ab, bis man ihn ansprach.

"Also, dann fangen wir mal mit den Formalitäten an", eröffnete Murgrim schließlich das Gespräch. "Wir kennen bisher kaum mehr als Euren Namen. Woher kommt Ihr?" "Meine Sippe ist in der Mark Ferdok beheimatet, abseits der größeren Ortschaften. Auf Garethi nennt man uns üblicherweise Wettertrutz-Sippe – wir haben Verständnis dafür, dass manchen Menschen die Rogolan-Namen etwas schwerer über die Zunge gehen." Eine Erinnerung ließ Murgrims Augen kurz aufleuchten. Er blickte zu Ruglax hinüber, dem es offensichtlich ebenso ergangen war und der ihm bestätigend zunickte. Ja, da war doch etwas... die Wettertrutzer waren eine anständige Familie von Ambosszwergen, wenn auch mitunter etwas verschroben. "So weit, so gut. Wie alt seid Ihr denn?", fragte Murgrim weiter. "Ich wurde im selben Jahr geboren wie unser guter Fürst Blasius, Angrosch habe ihn selig." Alvide von Eichental schlug ein Boronrad. "Hm, dann seid Ihr ja noch recht jung.", bemerkte Ruglax. "Deswegen bewerbe ich mich auch als einfacher Soldat. Eine Armee besteht schließlich nicht nur aus Offizieren." Eine ordentliche Antwort, befand Ruglax, und setzte das Gespräch direkt fort. "Kommen wir zu Eurer Ausbildung. Wie wir Euren Schreiben entnehmen können, habt Ihr unter Dergon Sohn des Tilgon gelernt, den Schmiedehammer zu schwingen." Ibralosch verbeugte sich leicht. "Ja. Mein Ausbilder hat als Freiwilliger in der Ogerschlacht gekämpft und ist Lehrmeister für so manchen zwergischen Söldner und Sappeur gewesen." Das klang ganz ordentlich sowohl für die Angroschim als auch die Wehrmeisterin, welche nun weiter fragte. "Abgerundet habt Ihr den rondrianischen Teil Eurer Ausbildung schließlich unter Hauptmann Nirulf in Nadoret. Ihr habt eine Weile in der Stadtwache gedient... als Sappeur?"

"Nun, Nirulf und Dergon kannten sich von früher. Da lag es nahe, dass ich bei ihm die letzten Lektionen lerne. Nirulf kam es nur gelegen, ab und zu Schützlinge seiner alten Kameraden unter die Fittiche zu nehmen, denn er hatte zu der Zeit ohnehin zu wenig Leute und einige schauten gegen Geld gerne einmal weg." Alvide runzelte die Stirn und schaute zu den beiden Zwergen, die mit grimmiger Miene widerwillig nickten. Ja, damals unter Baron Dajin waren einige krumme Dinger gelaufen... was alleine der Hafenmeister Orbert verbrochen hatte! Ruglax erinnerte sich nur ungern. "Dann konnte der Hauptmann Euch sicher gut gebrauchen und Ihr zeigen, wie man den Wappenrock, den Ihr tragt, mit Stolz und Anstand ausfüllt. Aber mal ehrlich: Ist Euch die Zeit in der Wache nicht dröge und eintönig vorgekommen? Ich stelle mir vor, dass ein junger Angroscho sich mehr vom Leben verspricht als während der nächtlichen Patrouille Betrunkene zur Ruhe zu bringen." "Nun, es war doch etwas mehr los als das... aber wie für jeden Dienst gilt: Man kann sich die Aufgaben nicht aussuchen, sondern muss immer das beste aus einer Situation machen und versuchen, den Idealen gerecht zu werden, denen man sich verpflichtet hat!"

"Schließlich habt Ihr dennoch in weniger als einem Götterlauf den Dienst quittiert...", hakte Alvide nach. "Ja, meine eigentliche Ausbildung war soweit abgeschlossen und ich verspürte den Drang, noch mehr zu lernen. Daher gab mir Nirulf eine ehrenhafte Entlassung. Danach zog ich auf Abenteuer aus. Ich habe einiges erlebt, doch gelobt, über viele Dinge Stillschweigen zu bewahren." "Über welchen Zeitraum sprechen wir hier?", fragte Ruglax nach. "Es war eine relativ kurze Phase... etwas mehr als dreißig Jahre."

"Nun gut, das mag doch gereicht haben, um Euch die Hörner abzustoßen.", gestand ihm Ruglax zu. "Was habt Ihr denn aus diesem Abschnitt Eures Lebens mitgebracht?" "Diesen Lindwurmschläger!", zeigte Ibralosch stolz vor. "Er ist meine Lieblingswaffe. Und dann habe ich noch diesen ganz besonderen Helm, den ich normalerweise trage...", begann er in seinem Rucksack zu wühlen. "Ähm, ja.", unterbach ihn Kupferblatt etwas irritiert. "Wir dachten eher an Kenntnisse und Fertigkeiten... wenn Ihr schon nicht über das eigentlich Erlebte sprechen dürft oder zu schweigen vorzieht."

"Ach so! Also, fürs Schmieden hatte ich schon immer ein Händchen.. mein Talent mit Hammer und Amboss habe ich jedoch unter anderen Umständen verfeinert, als es die meisten angroschgefälligen Handwerker tun: Nämlich nicht an einem festen Ort, sondern auf Reisen, oft inmitten der Wildnis und mit dem Material, das zur Verfügung stand." Ruglax horchte auf. Das klang tatsächlich interessant... "Viele ehrbare Meister der Angroschim arbeiten Jahrzwölfe an dem perfekten Handwerksstück, um ihr Können zur Vollendung zu bringen. Ihr hingegen habt Eure Schmiedekunst anscheinend in die Richtung verbessert, auch unter widrigen Umständen noch Brauchbares zu erstellen. Warum das?" "Weil das, was wir schmieden, am Ende den anderen nützen soll! Ich bin so viel einfachem Volk begegnet, das sich vollendete Waffen oder Ausrüstung nie hätte leisten können. Aber mit soliden Erzeugnissen kann man allerorten die Menschen ein Stück weit glücklicher machen... ja, richtig, ich habe auch gelernt, Dinge herzustellen, die auf menschliche Maße zugeschnitten sind." Die Kommandanten merkten, dass Ibralosch nun aus der Tiefe seines Herzens sprach. "Da es außerhalb von großen Städten meist schwierig ist, an gute Zutaten zu kommen, bin ich darin geübt, den Händlern einen anständigen Preis abzutrotzen... denn wenn weit und breit keine Konkurrenz zu fürchten ist, versuchen die sonst gerne, einem auch noch den letzten Heller aus der Tasche zu ziehen!" Alle drei Kommandaten nickten zustimmend. Ja, die Krämer konnten schon eine Plage werden mit ihren "besonderen Preisen" fern der großen Märkte! "Da sich ein fleißiger Handwerker immer lieber auf die eigenen Hände als auf Glück und Geldbeutel verläßt, habe ich früh gelernt, einiges selbst herzustellen... so kann ich Fallen aufstellen und zumindest einigermaßen Tiere ausweiden, um wertvolle Materialien zu gewinnen. Weil gute Sehnen immer knapp waren, habe ich mir außerdem Grundkenntnisse im Bogenbau angeeignet... tja, und weil ständig irgendein Mittelchen fehlte, habe ich mir noch Tränkekochen draufgeschafft." "Das ist ja allerhand!", lobte Murgrim, aber er war innerlich skeptisch angesichts dieser Fülle von Talenten. "Warum seid Ihr nicht an eine Hesindeschule gegangen, um Euer Wissen zu erweitern? Einen so gelehrigen Schüler hätte man doch sicher gerne genommen!" Ibralosch räusperte sich kurz. "Ich, äh, hab's nicht so mit Büchern... mein Wissen ist eher praktischer Natur und auf den Alltag ausgerichtet. Ich finde Fallen entschärfen spannender als die Geschichte der Mechanik." Aha, dachte sich Murgrim, ein guter Handwerker, aber kein Mann der großen Theorie dahinter. Das klang schon deutlich glaubwürdiger!

"Wie sind Eure Fähigkeiten an der Waffe?", wollte die Wehrmeisterin wissen. "Am liebsten kämpfe ich mit Hiebwaffen, mit und ohne Schild, zur Not mit meinem Schmiedehammer! Ein paar Tricks habe ich natürlich ebenfalls drauf... es begegnen einem ja nicht nur anständige Krieger da draußen in der weiten Welt. Mit Armbrust, Bogen und Wurfwaffen stand ich hingegen immer auf dem Kriegsfuß..." "Warum habt Ihr Euch dann für die Angbarer Sappeure gemeldet? Ihr wisst doch, dass sie für ihre Schützen bekannt sind?" "Ich bin davon ausgegangen, dass es genug anderes zu tun gibt...", gab Ibralosch kleinlaut zu. "Die Truppe soll schließlich vielseitig werden."

"Nachdem Ihr so ausführlich über all das erzählt habt, was Ihr gelernt habt: Was war denn die wertvollste Lektion Eures bisherigen Lebens?", fragte Murgrim abschließend. "Die wichtigste Erfahrung, die ein Angroscho im Zusammenleben mit den Menschen machen kann: Dass die Freunde so schnell altern und so leicht sterben!", antwortete Ibralosch ernst und ein wenig traurig. "Ein Gefährte fiel im Kampf, ein anderer wurde ermordet. Beide Male war Magie im Spiel!" "Das...", stimmte Ruglax ergriffen zu, "ist tatsächlich eine wichtige Lehre! Besonders zählt dann, die Schuld nicht bei sich zu suchen und sich zu fragen "was wäre gewesen, wenn"... auch die Angbarer Sappeure haben leidliche Erfahrung mit finsterer Magie gemacht."

"Nun gut", stellte Murgrim Kupferblatt fest, "ich denke, wir haben fürs erste genug gehört. Lassen wir von jetzt an Taten sprechen. Ibralosch Sohn des Ingrasch, haltet Euch bitte die nächsten Tage bereit. Ich schlage vor, Ihr meldet Euch direkt beim Schmied der Zitadelle, dann könnt Ihr Eure praktischen Fähigkeiten unter Beweis stellen." "Sehr gerne!", freut sich der Zwerg. "Oh, und lasst bitte Eure Ausrüstung hier inklusive Eurer Uniform... wir möchten sie einer eingehenden Inspektion unterziehen." "Kein Problem!", schlug sich Ibralosch zufrieden in die Hände. Ohne zu zögern zog er sich vor den Augen der Kommandanten um und schlüpfte in eine zwergische Arbeitshose, zwergische Arbeitsschuhe mit Metallkappen sowie eine Sappeursschürze. Mit einem fröhlichen "Dann mal ran ans Werk!" stapfte er voller Tatenfreude aus der Kammer.

"Na, was sagt Ihr?", fragte Ruglax in die Runde. "Also, ich finde ihn sympathisch und die Tatsache, dass er zwei Veteranen mit Kampferfahrung als Lehrer hatte, spricht für ihn." "Naja, der hellste scheint er nicht zu sein und an der Armbrust ist er offensichtlich eine Fehlbesetzung...", wandte Alvide ein. "Er ist zumindest den Kontakt mit Menschen gewohnt und sich allem Anschein nach auch für einfache Aufgaben nicht zu schade." , befand Murgrim. "Werfen wir doch nachher einen genaueren Blick auf seine Sachen." Wie sie später übereinstimmend feststellen konnten, befand sich Ibraloschs Ausrüstung in tadellosem Zustand. Auch der Wappenrock war nach über dreißig Jahren gut gepflegt... an Disziplin mangelte es ihm zumindest nicht. Dass sich unter seinen Habseligkeiten auch einige eher ungewöhnliche Gegenstände befanden, die wie Dietriche aussahen, ließ die drei allerdings ihre Augenbrauen hochziehen.

Der Sappeur hatte sich in der Zwischenzeit in der Schmiede nützlich gemacht. Ohne zu murren schleppte er einige schwere Kisten mit Metall, wobei sich herausstellte, dass er deutlich stärker war, als es zunächst den Anschein gehabt hatte. Tatsächlich war er selbst für einen Groscha-mortaro recht kräftig geraten. Danach stellte er aus Kohle und rostigen Nägeln einige Krähenfüße her. Als nun einem der Diener "aus Versehen" eine Tür zugefallen war und der Schlüssel noch innen lag, borgte sich Ibralosch kurzerhand einige Haarnadeln und fummelte sie auf. "Wenn es einem guten Zweck dient...", kommentierte er sein Werk, während sich der Bedienstete die Hand vor den Mund hielt. Ibralosch machte sich in seiner letzten Aufgabe für den Tag daran, eine Waffe auszubessern. Er schien völlig vertieft in sein Werk, als ihn Alvide mit einem Übungsschwert angriff. Er wich aus und führte die Waffe mit seinem Schmiedehammer zur Seite. "Sachte, sachte! Ihr bekommt Euer richtiges Schwert schon ordentlich zurück, so wie Ihr es mir aufgetragen habt!" Mit dieser Demonstration seiner Fähigkeiten waren die drei Kommandanten schließlich zufrieden und sie beschlossen, Ibralosch Sohn des Ingrasch eine Gelegenheit zu bieten, sich weiter auszuzeichnen im Fürstlich Technischen Regiment, das den Namen von Fürst Vitus, dem Zwergenfreund tragen sollte – oder, wie es der Sappeur bevorzugte zu sagen, wenn es offiziell wurde, "Vitus Sohn des Halmdahl, Sohn des Bernfred, Sohn des Bosper, Sohn des Rondrigo".