Ankunft in Moorbrück - Standort Vier

Aus KoschWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
1032 BF, Moorbrück (Baronie)

Tatsächlich kam man ohne die Pferde erstaunlich schnell voran. An einigen Stellen überquerte man im Gänsemarsch dünne Landrücken und Steine, die aus dem Sumpf ragten - Wege, an denen die schweren Reittiere möglicherweise versunken wären. An einer Stelle sah man das Skelett eines Hirsches aus dem Wasser ragen. Ein Nachteil lag allerdings offenbar darin, dass sich die Mückenschwärme nun nicht mehr auf die Rösser, sondern auf die Menschen stürzten.
Nach kurzer Mittagsrast auf einem kleinen, felsigen Eiland, wanderte man weiter und bald darauf kam Linkerhand ein dunkler Laubwald in Sicht, während sich zur Rechten eine Hügelkette erhob. Nach einer knappen Stunde erreichte man die Stellen, an welcher der Waldrand auf die Hügel traf ... der vierte Siedlungsort war erreicht.
Boromil und Edelbrecht betrachteten die Bäume - dicke, knorrige Erlenstämme, von denen viele schon zu Rohals Zeiten hier standen. Dicke Ballen und tiefe Risse in den Borken wirkten wie Wunden in den Stämmen, die sich krumm und merkwürdig verdreht in den Himmel wanden - fast als würde sie alter Schmerz peinigen. Immer wieder schienen Astlöcher und Rindenfurchen Gesichter abzuzeichnen.
Rainfrieds Blick war dagegen eher auf die Hügel gerichtet. Ein Hang lag direkt vor ihm und wies nach Süden. Er nahm etwas Erde, roch daran, zerrieb ihn in den Fingern. Er war steinig und es würde ihm mehr Mühe kosten als erhofft ... doch mit Rahjas Hilfe, viel Schweiß und Glück könnte hier vielleicht ein passabler Weinberg entstehen.
Der Grimsauer nickte Madalein zu.
"Eure Karte, werter Vogt, die Ihr uns auf Burg Birkendamm gezeigt habt, ist durchaus besser, als ihr gedacht habt."
In Gedanken versunken schaute er weiter in Richtung der Hügel. Er schloss die Augen, und im Geist sah er sich zurück in Almada, als kleiner Junge im Alter von 13 Götterläufen, abends durch die Weinstöcke schleichen, vor sich Madalein. Sie waren wieder auf dem Weg zu ihrem kleinen Versteck, ganz am Rand des Weinberges, in seiner Seitentasche etwas Brot und das Stück Cerbellatta, das er heimlich aus der Räucherkammer des Gutes mitgehen hatte lassen, sowie das Geschenk für Madalein.
Der Geruch der kurz vor der vollen Reife stehenden Reben drang ihm in die Nase. Doch anders als sonst waren es nicht die Weintrauben, die ihn an diesem Abend interessierten. Er war bereits den ganzen Tag nervös, und sogar seiner Mutter hatte er nur halbherzig Aufmerksamkeit geschenkt.
Wie konnte er es IHR heute sagen? Sein Vater würde schon einverstanden sein, sobald dieser wieder aus dem Süden zurück wäre. Doch wie sollte er diese Angst bezwingen, die ihm die Kehle zuschnüren würde, sobald er Madalein fragen wollte?
Sie war vor Rainfried an ihrem Ziel angekommen, eine kleine Vertiefung im Hang, mit Stroh ausgelegt. Die Weinreben, die hier standen waren schon verholzt, und trugen keine Früchte mehr. Es war wohl der letzte Sommer, den diese Pflanzen hatten. Sie wurden nicht bewirtschaftet, sich selbst überlassen, damit der Boden Zeit hatte, sich zu erholen, und im nächsten Frühjahr würden die Stöcke wohl abgeschlagen und neue Setzlinge gepflanzt werden. Wohl nur deshalb hatte niemand diesen Platz bisher gefunden.
"Ich bin wieder Erste, Rainfried. Du lässt nach."
Sie lächelte ihm zu.
"Ich wollte dich doch gewinnen lassen", verteidigte Rainfried sich. Madaleins Lachen klang durch den Abend, und wie immer, wenn er sie lachen sah, beschlich ihn dieses flaue und doch so angenehme Gefühl im Magen.
Zusammen aßen sie das mitgebrachte Brot, die Wurst, und Madalein hatte sogar ein Stückchen Zuckergebäck aus der Küche mitgehen lassen. Satt und zufrieden lagen sie nebeneinander und schauten in den Himmel, die Sternzeichen beobachtend.
"Ich muss dir etwas sagen."
Beide sprachen die Worte im gleichen Moment aus, und verdutzt sahen sie sich an. Rainfried setzte sich auf.
"Du auch? Dann lass erst deines hören."
Auch Madalein setzte sich, die Beine an sich gezogen, und die Arme über die Knie verschränkt.
"Du weißt ja, dass ich nächstes Jahr meine Initiation habe."
Rainfried nickte. Er wusste es nur zu gut. War doch das der Grund, warum auch er mit ihr reden wollte. Mit der Initiation war sie alt genug. Alt genug, um verlobt zu werden.
"Ich habe mich entschlossen, zur Initiation in die Rahjakirche einzutreten."
Sie sah ihn sehr ernst an.
"Das freut mich für dich. Ich dachte mir schon, dass du dir die schöne Göttin aussuchen wirst. Ich hab auch schon dein Initiationsgeschenk mitgebracht."
Er fasste in seine Seitentasche und suchte nach etwas.
"Nicht nur zur Initiation, Rainfried, ich möchte mich weihen lassen, wenn sie mich im Tempel haben wollen."
Ihre Worte ließen ihn versteinern. Seine Finger umfassten das kleine Etwas in seiner Tasche. Das Blut pochte in seinen Ohren. Langsam zog er seine Hand wieder hervor, öffnete sie und hielt ihr das Präsent entgegen. Eine kleine Holzfigur, krude geschnitzt aus dem Holz eines Weinstocks, doch erkennbar in der Form eines Pferdes.
Sein Hals war zugeschnürt, aber nicht aus dem Grund, dass er zu nervös war, ihr seine Liebe zu gestehen. Die Worte seines Praiostagslehrers kamen ihm wieder in den Sinn:
"Ein Geweihter der holden Göttin bindet sich nicht, da ihm Fesseln eine Last sind. Er genießt die Schönheit dort, wo sie sich anbietet. So ist das Wesen der Göttin und so sind auch ihre Diener auf Dere."
Wortlos überreichte er Madalein die kleine Holzfigur, und nur mühsam konnte er seine Tränen zurückhalten.
"Danke."
Sie lächelte ihm wieder zu.
"Und was wolltest du mir sagen?"
"Nichts Wichtiges. Ich freue mich für dich."
Er lächelte zurück, doch seine Augen schienen ihn verraten zu haben. Ihr Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht, von einem ungläubigen Ausdruck ersetzt. Ihre Augen fixierten seine, doch bevor sie etwas sagen konnte, erklangen vom Weingut Rufe und Glockengeläut. Das monotone Läuten einer Trauerglocke...
„Es hat Hügel in der Nähe, Roban - da müsste dieser Platz dir doch zusagen!“ lachte Reto laut genug, dass jeder es hören konnte, und das Lachen riss Rainfried aus seinen Tagträumen. Der Koschtaler stemmte die Hände in die Seiten und verzog das Gesicht. Diese Hügelgeschichte würde man ihm noch ins Boronsrad meißeln!
„Wie ist denn der Boden hier?“ gab er zurück. „Lässt sich hier was anbauen, oder müssen die Bauern grasen lernen, um nicht zu verhungern?“
„Passabel“, urteilte Madalein, nachdem sie an mehreren Stellen die Beschaffenheit des Bodens geprüft hatte.
„Goldene Weizenfelder werdet Ihr wohl nicht anlegen können, aber für Kohl, Rüben und Tomaten sollte es reichen, sofern der Boden tief genug ist. Die Hänge sind für Bodenfrüchte denkbar ungeeignet. Wenngleich es nicht leicht sein wird, dem Boden hier genügend Früchte abzutrotzen, um eine größere Zahl Menschen satt über den Winter zu bringen. Aber mit Fleiß und Peraines Beistand müsste es gelingen.“
Roban sah die Rahjageweihte stirnrunzelnd an. Was verstand eine Dienerin der Göttin des Rausches von Ackerbau? Madalein war der Blick des Koschtalers nicht entgangen.
"Ich bin die Tochter eines Weinbauers. Da ist mir das Bearbeiten von Ackerböden nichts Neues. Oder meint ihr, ich hätte Zeit meines Lebens nur in einem Tempel gelebt?"
Die Geweihte sah Roban herausfordernd an.
„Euer Gnaden, wenn ich hinzufügen darf, Dinkel lässt sich sich auch ganz passabel hier anbauen“, warf Rumpel ein.
Roban nickte ihr verstehend zu und ließ die Blicke schweifen. Narehals Wald lag nahe, Bauholz für eine Palisade, möglicherweise sogar einen ersten Aussichtsturm würde recht einfach zu beschaffen sein, sofern der Weg bis zu den Bäumen passierbar war. Und wenn der Boden tatsächlich fruchtbarer war als auf dem Hügel mit den Irrlichtern, wäre dieser Platz sehr viel besser - aber die anderen schienen ebenso zu denken. Rainfried schien in Gedanken bereits die ersten Felder anzulegen, und dieser bestätigte seine Vermutung auch, indem er den Vogt ansprach.
"Wenn ihr nichts dagegen hättet, würde ich mein Lehen gerne an diesem Ort begründen, Vogt Gerling".
Reto trat neben Rainfried.
„Ich sehe eine große Chance in Ritter Rainfrieds Vorhaben mit diesem Ort. Auch ich plädiere dafür, dass ihr Ritter von Grimsau diesen Siedlungsort zuschlagt.“
Reto lächelte Rainfried aufrichtig an. Gerling quittierte diese Äußerung mit einem lächelnden kurzen Nicken.
„Ich nehme diesen Wunsch zur Kenntnis ... doch, wie gesagt, die Entscheidungen fallen am besten erst, wenn wir alle sechs Standorte kennen.“
Boromil nickte dem Grimsauer anerkennend zu. Er mochte den jungen Mann, der offenbar feinfühliger war als seine anderen Begleiter. Warum blickte er nur manchmal so traurig drein?
Standort IV sah gut aus. Hoffentlich galt das auch für den nächsten, dessen Lage ihm noch ein wenig besser gefiel! Im Kopf ging Boromil bereits die Optionen durch: Bekäme er Standort V und der von Grimsau Standort IV, wären sie direkte Nachbarn - nicht gerade die schlechteste Fügung.
Der Ritter vom Kargen Land liebäugelte wohl wie Rainfried selbst mit dem nach einem Rohalsschüler - oder hatte er Rohalsjünger gesagt? - benannten Wald.
Roban vertagte die Entscheidung mal wieder. Er wollte keinen Zank mit den anderen, man würde einander bitter nötig haben, wenn man mit der Besiedlung anfing. Sich gleich hier in die Haare zu bekommen wäre der wohl schlechteste Beginn, den die Aktion Neu-Farnhain nehmen konnte. Bei diesem Gedanken fiel ihm etwas ein.
„Ach, Bolzer?“
Der Torfstecher zuckte regelrecht zusammen, erinnerte sich wohl noch an die Maulschelle, die er gestern bekommen hatte.
„Gibt es eigentlich noch Überreste des alten Farnhain?“
Er spürte, wie sich gleich mehrere Blicke auf ihn richteten, und wandte sich halb um. Die anderen hatten ihre Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet.
„Ich meine, Vogt Gerling zeigte uns das Bild einer kleinen Stadt mit zahlreichen Häusern und einem großen Tempel“, erklärte er den Grund seiner Frage.
„Ist davon noch was übrig? Halbversunkene Häuser, Ruinen, etwas in der Art, und wenn ja, wo liegen die Überreste!“
Bolzer schluckte sichtbar, leckte sich unruhig über die Lippen. Offenbar fürchtete er, bei einer unbefriedigenden Antwort erneut Prügel zu beziehen.
„Bei der Stadt Moorbrück hat’s mitten im Sumpf noch so alte Ruinen die von der alten Stadt stammen soll’n, die meisten versunken und unzugänglich. Aber auch weiter draußen im Moor findet man immer wieder Überreste von alten Siedlungen, Herr“, sagte er dann stockend.
„Doch da macht man allesamt besser ’nen großen Bogen drum. Den Göttern sei’s gedankt, viel davon übrig is’ nich! Und ich tät auch nich’ danach suchen woll´n Herr! Der Sumpf hat Farnhain geholt, und die Leutchen bestimmt auch! Die wer´n gar nich erfreut sein, wenn jemand dort ihre Ruhe stören tut! Vor allem sacht man, dass auf den Steinen noch die Flüche vom Schwarzen Zulipan ruh’n!“
Roban hob kurz die Brauen, wandte sich ab, strich sich durch den Bart und ließ seinen Blick schweifen, als könne er allein dadurch mögliche Reste von Farnhain ausmachen. Er hatte eine Antwort voll Aberglauben halb erwartet, aber dennoch die Hoffnung gehegt, dass Bolzer doch ein paar genauere Details wusste und diese preisgab. Im Stillen entschied er, in einer beschaulichen Stunde lieber Rumpel zu fragen, der schien erheblich abgebrühter zu sein als Bolzer - eigentlich schon zu abgebrüht für einen kleinen Ziegenbauern, der ein kärgliches Dasein am Rand des Sumpfes fristete.
Dieser hatte Robans Frage an Bolzer mitbekommen. Bedächtig wog er den Kopf.
„Edler Herr! Ich kenn manche Stelle, an der manche Schätze der versunkenen Baronie vermuten, doch habe ich bisher nur eine Stelle gefunden, wo meiner Meinung nach ein größerer Ort, man munkelt von einer Burg, jenseits des alten Farnhain gewesen sein könnte, und die ist fast mitten im Sumpf.“
Rumpel schaute über den Sumpf.
„Wenn Ihr eine Expedition dort hin wollt, solltet Ihr sie gründlich planen und daraus keinen Praiostagsausflug machen! Ich wäre damals beinahe umgekommen!“
Reto wandte sich an die Umstehenden.
„Wir sind gut vorangekommen, aber hier wäre auch kein schlechter Rastplatz. Außerdem hätten es Erborn und Perainfried leichter, uns noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Was werden wir also tun?“
„Meinethalben bleiben wir hier“, meinte Roban und würgte den Vorschlag, das Lager auf einem der Hügel zu errichten, im letzten Moment hinunter - er musste den anderen nicht noch Öl ins Feuer gießen, indem er sich schon wieder zur Zielscheibe des wohlgemeinten Spottes machte.
„Und da in der gestrigen Nacht andere so wacker Wache hielten, während meiner Mutter Sohn ausruhte, bin ich bereit, in der heutigen Nacht eine Doppelwache zu übernehmen, damit auch andere zu ihrem Recht kommen!“
Er warf einen kurzen Blick in die Runde. Reto nickte leicht, die Augen von dunklen Rändern umgeben.
„Ihr scheint ja doch so etwas wie Benimm zu haben“, murmelte Boromil vom Kargen Land halblaut, aber Roban ging nicht weiter darauf ein.
„Also mich reizt ’ne Nacht im Sumpf nich’ sonderlich“, grummelte Bolzer kleinlaut.
„Am liebsten würd’ ich heut’ noch zu Rumpels Kate zurück zu kehren, dann hätten wir’n Dach überm Kopf!“
Rumpel, der ebenso beim Anblick der Hügel in Gedanken versunken gewesen war; meldete sich: „Es sollte möglich sein zu meiner Kate zurück zu kehren, allerdings müssten wir sofort aufbrechen!“
„Ich erhebe Einspruch, werte Herren!“ ließ Edelbrecht sich vernehmen.
„Nach meinem Dafürhalten sollten wir die verbliebene Zeit, ehe die Dunkelheit hereinbricht nutzen, um uns hier genauer umzusehen! Dann sollten wir uns auf den Hügel dort zurückziehen, der mir einfach zu verteidigen scheint.“
Er verneigte sich in Richtung Roban.
„Wohlgeboren Grobhand von Koschtal, ich werde Euch gern in dieser Nacht bei Eurer Wache Gesellschaft leisten!“
Edelbrecht hielt kurz inne und fügte, als er den unwilligen Blick des Vogts bemerkte, hinzu: „Bedenkt doch nur, dass zwei Personen vollkommen ohne ortskundigen Führer auf dem Weg hierhin sind - sollten wir jetzt wieder umkehren, finden sie uns hier womöglich nicht an und laufen völlig in die Irre. Sicherlich hat Wohlgeboren von Tarnelfurt recht, als er vorhin einwarf, dass es nicht so schnell ginge, alle Plätze zu besichtigen, wie ich es vorhin forderte, aber allmählich sollten wir wirklich jede weitere Verzögerung meiden und hurtig voran schreiten. Unter Umständen könnte man Seiner Hochwohlgeboren Vogt Gerling ja das Zelt zur Verfügung stellen oder ist es etwa in der Kate zurückgeblieben?“
„Wenn Erborn hier eintrifft, haben wir auch ein Zelt. Ich führe nur einen Teil davon mit, er den anderen Teil. Natürlich stelle ich das Zelt gerne wieder meinem Lehnsherrn und den anwesenden Geweihten zur Verfügung. Aber die endgültige Entscheidung liegt bei euch Vogt.“
Reto erwartete gespannt Gerlings Antwort.
Vogt Gerling gab einen tiefen Seufzer von sich. Im Grunde seines Herzens hätte er Bolzer zu gerne recht gegeben und lieber in einer festen Hütte übernachtet. Doch die Worte der Ritters von Borking hatten zu seinem Leidwesen auch etwas für sich. Wenn er die Unbill einer weiteren Nacht im Sumpf auf sich nahm, würde man den fünften Standort morgen umso rascher erreichen können, da der Anmarsch von Rumpels Kate entfiel, und je eher man sämtliche Standorte besichtigt hatte, desto rascher würde er sich in Birkendamm in ein richtiges Bett legen können.
„Wir warten das Eintreffen der Begleiter des Ritters von Tarnelfurt ab“, entschied er schließlich, „falls keiner der Anwesenden dringliche Einwände dagegen vorzubringen hat!“
Offenbar hatte das niemand - einhelliges Nicken in der Ritterschaft. Rainfried von Grimsau machte sich direkt auf, die Umgebung zu erkunden, während Edelbrecht von Borking und Roban Grobhand von Koschtal loszogen, einen geeigneten Lagerplatz auf den Hügeln zu finden.

Stunden verstrichen. Längst war das Lager aufgeschlagen, hatte man sich die Umgebung genau angesehen, doch Erborn und Perainfried waren noch immer nicht eingetroffen. Reto von Tarnelfurt wurde immer unruhiger. Das Praiosauge stand schon tief über dem Horizont, man würde allenfalls noch eine, bestenfalls zwei Stunden Licht haben, und obwohl das Land flach war wie ein Teller und keinerlei Nebel die Sicht behinderte, konnte man in keiner Richtung zwei Wanderer ausmachen.
Retos Blick wanderte immer wieder von der Umgebung zu dem Lager und wieder zurück. Konnte es wirklich sein, das Erborn der Spur nicht folgen könnte? Reto hatte zwar nicht extra Zeichen hinterlassen, aber es hatte sich auch keiner die Mühe gemacht, eventuelle Spuren zu beseitigen oder gar nicht erst zu hinterlassen.
Unaufhaltsam versank das Praiosauge und erste Nebelfetzen bildeten sich auf dem Moor. Reto wollte gerade aufspringen und um Unterstützung bitten, um die beiden Vermissten zu suchen, als man plötzlich einen lauten, langgezogenen Pfiff hörte. Retos Mine hellte sich auf.
„Das war einer von Erborns Singpfeilen! Wo steckt er bloß?“
Reto suchte erneut die platte Fläche ab, von wo sie gekommen waren. Dann schlug er sich selbst an den Kopf, rupfte etwas schon feucht gewordenes Grass aus und warf es aufs Lagerfeuer. Sofort bildete sich eine weißgraue Rauchfahne.
„Da hätte ich auch früher drauf kommen können“, schalt er sich selbst. Kurz darauf erblickte Roban als erstes die beiden, wie sie nun direkt auf ihren Hügel zukamen. Erborn schwenkte seinen Bogen, nun waren die beiden in Naturfarben Gekleideten für jeden zu erkennen, was vorher fast unmöglich schien.
Gerade als das Praiosauge ganz hinter dem Horizont verschwand, erreichten die beiden das Lager. Bruder Perainfried erkannte die besorgten bis verärgerten Gesichter und ergriff das Wort.
„Verzeiht, wenn wir euch Sorgen bereitet haben, das habe ich zu verantworten. Wir waren recht erfolgreich", dabei wies er auf seine Umhängetasche und den Sack den Erborn abgesetzt hatte, „so dass ich vorgeschlagen habe, unsere Beute an und in Rumpels Kate zu verarbeiten. Wir gingen dann noch Alma zur Hand und kamen dann, wie sich nun rausgestellt hat, doch zu spät los. Ich bitte vielmals um Verzeihung, doch dafür können wir heute Abend fürstlich speisen, Erborn hat einen kleinen Rehbock erlegt und ich habe wohlschmeckende Kräuter dazu gefunden.“
In diesem Moment zog Erborn auch schon die beiden gehäuteten Hinterläufe des Bocks aus dem Beutel und hielt sie stolz nach oben.
„Noch etwas anderes haben wir zu berichten“, fügte Perainfried mit ernster Mine dazu.
„Kommt mit, vom Hügel aus kann man es vielleicht noch erkennen.“
Überrascht erhoben sich einige der Ritter und folgten dem Geweihten und Erborn. Auf dem Hügel hatte man eine gute Aussicht - das Licht der untergehenden Sonne tauchte die kleine Hügelkette in tiefes Blutrot. Aus den Tälern stieg Nebel empor.
„Dort hinten!“ - der Geweihte zeigte auf ein, etwa zwei Meilen entferntes Tal, in dem man gerade noch ein Tor und einige Steine und Säulen aus dem Nebel ragen sah.
„Wir fanden ihn zufällig während der Jagd ... ein Boronsanger aus den Tagen der Magierkriege.“
„Nicht gut“, brummte Roban stirnrunzelnd. „Wenn der Totenacker wirklich aus dieser verdammten Epoche stammt, werden die Toten wohl kaum friedlich ruhen! Und zwei Meilen, das hinkt selbst eine halbverrottete Leiche in einer Stunde! Vielleicht sollten wir unser Festmahl doch lieber in Rumpels Kate verlegen, ehe wir heute Nacht Besuch von ein paar ruhelosen Toten bekommen!“
„Ihr seid eine Unke, Roban“, grinste Edelbrecht, und auch die anderen wirkten nicht unbedingt überzeugt. Selbst Reto schien anderer Meinung zu sein als der Koschtaler.
„Das hier sind nicht die Misa-Sümpfe“, versuchte er Roban zu beruhigen.
„Hier wird wohl nicht gleich jeder Tote aus seinem Grab steigen, um die Lebenden zu überfallen. Außerdem hältst du selbst ja zwei Wachen, da wirst du uns wohl rechtzeitig warnen können!“
Boromil war langsam dieses Hin und Hers überdrüssig. Selbst der Vogt hatte Mühe, sich zu entscheiden! Erst wollte man mit dem Pferd los, dann zu Fuß; erst jeden Abend wieder zurück zu Rumpels Behausung, dann erst nach dem Rest der Besichtigung. Der Ritter vom Kargen Land machte sich Vorwürfe, weil er keinen Einwand erhoben hatte, als sie Alma alleingelassen hatten. Wenn ihr nun etwas passieren würde...!
Aber Reto und Edelbrecht waren wieder aneinandergeraten, da hatte er nun wirklich nicht auch noch streiten wollen. Es ärgerte ihn jedoch, dass der Vogt hier nicht mehr Verantwortungsgefühl gezeigt hatte. Es störte ihn auch, dass sich Reto nicht dazu hatte durchringen können, für ein paar Tage auf seinen Freund Erborn zu verzichten, der ein angemesser Schutz für Alma gewesen wäre. Und nun fing auch noch Roban an, den er immer für so solide und unbekümmert gehalten hatte!
"Aus Euch werde ich nicht schlau. Ihr hattet kein Problem, Alma alleine in der Kate zurückzulassen, nur einige Wegstunden von der Stelle entfernt, an der wir den Sumpfranzen begegnet sind, oder Euch dort ohne Wache schlafen zu legen. Jetzt wollt Ihr, ein kampferprobter Ritter mit sechs Bewaffneten und zwei Geweihten als Verstärkung, allein ob der Kenntnis über einen Boronsacker umkehren? Es steht doch noch nicht einmal fest, dass dort Untote sind!"
Im Bruchteil einer Sekunde fuhr Roban herum, und hätte Edelbrecht nicht sofort zugepackt, er wäre Boromil wohl an die Gurgel gegangen. Dieser war unwillkürlich zurück gewichen, von der unerwartet heftigen Reaktion überrascht. Rumpel schob sich zwischen den Ritter Boromil und den ergrimmten Roban, der immer noch von Edelbrecht gehalten wurde. Anscheinend war er bereit einzugreifen ...
„Vorsicht mit Euren Worten, Herr vom Kargen Land“, zischte Roban zornig.
„Wagt es niemals, auch nur anzudeuten, ich sei ein Feigling, wenn Euch Eure Zähne lieb sind. Ansonsten könnte es Euch passieren, dass ich...“
„Schluss jetzt!“, rief Reto von Tarnelfurt mit scharfer Stimme.
„Ihr beide solltet Euch nicht wegen unbedachter Worte oder Taten gegenseitig das Leben schwer machen - überlasst das dem Sumpf, der kann das ohnehin besser!“
"Ganz meine Meinung", antwortete Boromil ruhiger, setzte dann aber noch nach: "Es wäre ohnehin nicht viel gewonnen, wenn mich Roban hier erschlägt und ich dann, etwa weil der Boden verflucht ist, als Untoter wieder auferstehe. Dann hättet er direkt das vor der Nase, dem er aus dem Weg gehen wollte!"
Für einen Moment schien Roban noch zu abzuwägen, ob er sich wirklich beruhigen wollte oder nicht, doch dann löste er den Griff Edelbrechts mit einem kurzen Nicken.
„Schön! Verschieben wir das!“ willigte er ein. Die Sache war verschoben, aber für ihn noch nicht aus der Welt. Von diesem Bücherwurm würde er sich nicht gängeln oder gar beleidigen lassen!
Reto stand bei Perainfried.
„Ich nehme an, der Anger ist zu groß, als dass ihr beide ihn neu einsegnen könntet?“
Dabei schaute er auch zu Madalein. Perainfried antwortete umgehend.
„Ganz recht, Herr von Tarnelfurt, das wird wohl am besten eine Aufgabe für ein paar Borongeweihte sein, und auch diese werden das wohl nicht an einem Tag bewerkstelligen können.“
„Nun, dann hat, wer auch immer diesen Flecken Land bekommt, ja schon eine zusätzliche Aufgabe", sprach Reto, schaute verschwörerisch zu Rainfried und fügte hinzu, „Borongeweihte sind ja oft einem guten Wein nicht abgeneigt.“
Reto wandte sich an Roban.
“Ich für meinen Teil vertraue ganz auf eure Wachsamkeit und werde mich nach der Rehkeule beruhigt schlafen legen. Komm, Erborn, lass uns den Braten vorbereiten und dann das Zelt aufbauen, ich will essen und schlafen.“
"In der Nähe des Gutes meiner Familie wohnen Boroni. Ich werde sie gerne auf die Sache hier hinweisen", meldete sich Boromil zu Wort.
"Wenn mich nicht alles täuscht, weilt ein Verwandter meinerseits auch auf Garrensand, da er das Ornat des Golgaritenordens genommen hat. Ich müsste Großmutter fragen, sie kennt sich besser mit der verstreuten Verwandtschaft der Familia von Grimsau aus. Vielleicht können wir von dieser Seite auch Unterstützung erwarten."
Sein Blick war lange Zeit auf das entfernte Tal gerichtet.
"Ich werde heute ebenfalls eine Wache halten, nur wäre ich dafür, dass niemand alleine wacht. Ritter Roban, wenn es Euch nicht stört, würde ich mich Euch zur Guardia anschließen. Auch, wenn nicht sicher, dass der Anger inzwischen entweiht ist, kann es nicht schaden."
Er hob einige Steine auf, und legte diese um das Lager verstreut als kleine Boronsräder aus.
„Kann nicht schaden“, Roban nickte langsam, offenbar würgte er immer noch an seiner Wut herum, „Eure Anwesenheit nicht, und die Zeichen des Herrn Boron ebenfalls nicht.“
Er warf einen kurzen Blick zu Boromil, doch der hatte entweder nicht zugehört, oder er strafte ihn mit Verachtung.
Rumpel hatte weiterhin zu dem Boronanger gestarrt, nachdem sich die Situation entspannt hatte. Er umklammerte einen Anhänger, der Hämmer und Amboß zeigte...
Inzwischen war die Praiosscheibe bereits hinter dem Horizont verschwunden, einzig ein schmaler roter Streifen am Firmament zeugte von dessen verschwindender Präsenz. Die Rehkeulen hingen schon an Holzspießen über dem Feuer, und der Geruch von gebratenem Wild, gewürzt mit einigen Kräutern Perainfrieds hing in der Luft. Madalein hatte sich am Lager in die Nähe Rumpels begeben, der dafür sorgte, dass genügend Holz für das Feuer zur Verfügung stand.
"Verzeiht, ich hoffe ich störe euch nicht."
Der Angesprochene antwortete mit einem Lächeln.
"Nein, ihr stört mich keineswegs. Womit kann ich euch helfen, euer Gnaden?"
Madalein lächelte zurück.
"Nun, ich hatte noch nicht die Zeit, mich bei euch zu bedanken für das Schuhwerk. Es ist ohne Zweifel besser für diese Wege geeignet, als meine eigenen Schuhe. Ihr sagtet, sie gehören eurer Tochter?"
Rumpel nickte schweigend.
"Erzählt ihr mir von ihr? Wieso ist sie nicht bei euch, und hilft euch bei eurem Tagwerk? Es sieht so aus, als würde euch ein helfendes Paar Hände in eurer Casa nicht schaden."
Rumpels Augen starrten in die Glut des Feuers. War es das flackernde Licht des Feuers oder legten sich Schatten über das Gesicht des alten Mannes? Schließlich seufzte er, offenbar war er sich klar, dass er zu einer Geweihten der Schönen Göttin nicht unhöflich sein konnte und anscheinend wollte er das auch nicht.
„Sie ist gefallen, euer Gnaden! Der Schwarzpelz hat sie im Greifefurtschem geholt. Und mein Ältesten hat es im Osten gegen den verfluchten Bethanier zu Rondra geholt!“
Das Gesicht des Mannes arbeitete immer noch. Es schien er wollt noch mehr sagen, doch dann schwieg Rumpel und zerbrach eine Ast zwischen den Händen und warf ihn ins Feuer...
„Rondra hat sich viele erwählt in den letzten Jahren“, murmelte auch Roban, der in das Feuer starrte, als wäre dort etwas besonderes zu sehen.
„Meinem Onkel Nottel hatte die Herrin Tsa sechs Kinder geschenkt, deshalb nannte man ihn im Scherz Tsalieb, obwohl er ein wackerer Diener Rondras war. Vier seiner Kinder blieben auf der Walstatt - auf den Weiden vor Vallusa, an der Trollpforte, in der Schlacht um Gareth und beim Kampf gegen den Alagrimm. Vier von sechs...“
Die beklemmende Atmosphäre hielt noch einige Minuten an, bis es Madalein gelang, die Ritter trotz des nahen Boronangers auf andere Gedanken zu bringen. Der Erfolg, den Perainfried bei der Zubereitung der Hirschkeulen hatte, tat ein übriges, um die Stimmung wieder zu heben, und Reto verzichtete darauf, Edelbrecht von Borking auf den Nutzen seiner Mitreisenden hinzuweisen, obschon er ihm das an Rumpels Kate noch angedroht hatte.
Kurz nach Sonnenuntergang war das Fleisch verzehrt und die Reisenden rollten sich mit vollen Bäuchen in ihre Decken ein. Roban begann sich seine Pfeife zu stopfen, während Rainfried noch einmal den Blick über das Land schweifen ließ, über dem sich die Dunkelheit wie eine schwarze Decke ausbreitete.
„Rechnet ihr wirklich mit der Präsenz von Untoten?“ fragte er nach einer Weile, nachdem Roban keinerlei Anstalten gemacht hatte, von sich aus ein Gespräch zu beginnen.
„Keine Ahnung!“ brummte dieser missmutig.
„Vielleicht sehe ich nur Gespenster. Der Ritter von Tarnelfurt hat schon recht, dass hier ist nicht Tobrien, und ich sollte nicht hinter jedem Baumstumpf nach Paktierern, Untoten und Dämonen suchen! Habe mir in der letzten Zeit schon genug Eber geschossen!“
Rainfried musste unwillkürlich grinsen. Zumindest ein wenig späte Einsicht schien der Koschtaler zu besitzen - fragte sich nur, ob er auch genug Herz besaß, das gegenüber Boromil vom Kargen Land einzugestehen.
„Ihr macht es den Leuten vielleicht manchmal nicht einfach, Euch zu mögen. Ihr seid ein regelrechter Muchacho!“ meinte Rainfried nach einer Weile.
„Ein was?“
Robans Gesicht spiegelte blankes Unverständnis angesichts des almadanischen Dialektes.
„Ein junger Mann, voll Ungestüm und Draufgängertum - halt jemand wie Ihr! Ihr tragt das Herz auf der Zunge und scheint manchmal nicht recht zu überlegen, ehe Ihr sprecht oder handelt!“
Rainfried beobachtete die Reaktionen Robans genau. Dessen Wutausbruch war ihm Warnung genug gewesen, dass er seine Kritik vorsichtig formulierte, er wollte nicht auch noch aus nichtigem Grund mit dem Koschtaler in Streit geraten.
„Recht habt Ihr!“
Roban stieß einen Seufzer aus.
„Meine Mutter hat mir das auch unzählige Male vorgehalten. Roban, sagte sie immer, der Krieg hat einen Barbaren aus dir gemacht!“
„Besser ein Barbar als eine Leiche. Die vielen Kriege haben von der Nobleza aller Provinzen einen hohen Blutzoll verlangt, und werden wohl noch mehr fordern. Euer Verhalten, nun, dass könnt Ihr zumindest noch ändern!“
Roban grinste kurz, aber es lag keine Belustigung darin.
„Euer Wort in der Zwölfe Ohren!“ meinte er nur.

Edelbrecht fiel es schwer einzuschlafen. Die Nähe des Boronangers wirkte in der Dunkelheit bedrückend auf ihn und all die Erzählungen seiner Amme über Untote, Vampire, Ghule und Nachtalpe waren mit einem Mal wieder da. Unruhig wälzte er sich von einer auf die andere Seite.
Worauf hatten sie alle sich da nur eingelassen?! Wäre es nicht doch besser gewesen auf den Beistand des Grafen zu vertrauen und sich eine Schar bewaffneter Recken kommen zu lassen, die die Gefährten unterstützen konnten, wenn es hart auf hart kam? Da irgendwo draußen im Sumpf lauerte das Ungeheuer und Edelbrecht fürchtete, dass es sein Schicksal sein könnte, dem Ding zu begegnen, so dass sich die düstere Garether Prophezeiung endlich erfüllen konnte. So viele Jahre war es jetzt her und immer noch hatte er nichts herausgefunden, das hätte Aufschluss darüber geben können, wessen seine Familie sich schuldig gemacht hatte. Er musste es einfach herausfinden…