Ankunft in Moorbrück - Der zweite Siedlungsort

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1032 BF, Moorbrück (Baronie)

Inzwischen hatten am frühen Nachmittag die anderen im Moorbrücker Sumpf den zweiten Siedlungsort erreicht. Der Boden war hier noch immer lehmig, doch schien zumindest stellenweise fruchtbar. Der Birkenhain lag noch in Sichtweite, aber auch das Moor dräute unverkennbar im Osten in direkter Nachbarschaft.
„Hm lehmiger Untergrund… besser als zu torfig, ich las von einem Bruder aus der Nähe von Festum, die Bornländer bauen diese Kartoffeln in lehmigen Boden an, “ gab Perainfried zu Reto rüber.
Lehm ist nicht das schlechteste Baumaterial, dachte dieser. Er sprang vom Pferd, nahm eine Handvoll Erde in die Hand.
Ja, könnte zum Ziegelbrenner taugen, aber ob man einen Ziegelofen mit Torf befeuern konnte? Allerdings waren die Köhlerhütten dieses Bragahner Landes ja nicht so weit entfernt.
„Gar kein so schlechter Bauplatz, meine Herren, laut Perainfried könnte man hier eine Knollenfrucht anbauen und aus dem Lehm Ziegel brennen. Abnehmer werden sich schnell finden lassen. Auch die Anreise ging doch erstaunlich gut und reibungslos. Sonst sehe ich allerdings nichts, was sich noch zu erkunden lohnen würde. Von meiner Seite könnten wir zu Siedlungsplatz drei aufbrechen, oder warten wir hier auf die Herren Boromil und Edelbrecht?“
Reto schaute fragend in die Runde. Roban blickte in nordwestliche Richtung, als suche er nach Anzeichen dafür, ob Edelbrecht und Boromil schon zu sehen waren.
„Von Eisenkobers Wacht ist es ein ziemliches Stück bis hierher“, meinte er nach einigen Sekunden.
„Wir würden wohl einige Zeit warten müssen, bis die beiden hier sind. Mir soll es aber gleich sein, meinethalben können wir hier ein kleines Lager aufschlagen und warten – falls die beiden es nicht schaffen, können wir immer noch zeitig nach Birkendamm aufbrechen.“
Er sah Vogt Gerling an, der sichtlich mit sich selbst rang, wohl zwischen der Versuchung, hier eine längere Pause vor dem beschwerlichen Rückmarsch einzulegen, und dem Drang, die Begehung der Standorte möglichst rasch hinter sich zu bringen, hin und her gerissen. Noch ehe jemand sich äußerte, trat Roban zu Reto heran.
„Von was für Knollen hast du eigentlich gesprochen? Vielleicht diese merkwürdigen Erdäpfeln, mit denen bei uns zu Hause in Drakfold in den letzten Jahren herumprobiert wurde? Ich verstehe nicht viel davon, aber glaubst du wirklich, dass man von diesen merkwürdigen braunen Dingern leben kann?“
Perainfried nickte zuversichtlich.
„Im Bornland und auch in Weiden leben schon zahllose Familien davon. Ist ein wenig wie der Anbau von Rüben.“
Roban hob etwas ratlos die Schultern und blickte wieder zu Vogt Gerling und dem Ritter von Grimsau hinüber.
„Was ist nun? Warten oder weiterziehen?“
„Wir haben uns an diesem Ort verabredet und sind absichtlich langsamer gereist. Ich hatte eigentlich gehofft, dass sie schon hier sein würden. Ich schlage vor, dass wir diese Wartezeit nutzen, um uns und den Rössern eine kleine Rast und eine Mahlzeit zu gönnen“, entschied dieser schließlich. Er gefiel ihm nicht sonderlich, dass die Erkundung sich abermals verzögerte – doch eine Stärkung würde sicher nicht nur ihm gut tun. Bolzer holte den Proviant von einem der Rösser und verteilte es an die einzelnen Ritter.
Sie hatten etwa eine Viertelstunde gerastet, als sie drei Gestalten bemerkten, die sich auf sie zubewegten. Eine war zu Fuß, die anderen zu Pferde. Tatsächlich, das waren Edelbrecht, Boromil und Alma!
In knappen Worten schilderten sie, wie sie ihren Fund abgeliefert hatten und ihren beschwerlichen Weg durch das Moor. Während die anderen Ritter weiterhin Verpflegung zu sich nahmen, erzählte Vogt Gerling kurz Wissenswertes zum zweiten Standort. Boromil und Edelbrecht sahen sich um, benötigten nach den Erklärungen aber offenbar ebenfalls nicht viel Zeit, um sich ein Bild zu machen.
"Von mir aus können wir weiter!", sagte Boromil bald.
"Sehe ich genauso!", stimmte ihm Edelbrecht zu. Rainfried stimmte dem ebenfalls zu.
"Dann sollten wir uns beeilen und den nächsten Ort aufsuchen. Ich habe das Gefühl, dass die Praiosscheibe nicht allzulange mehr den Weg erhellen wird. Und auf eine Übernachtung im Sumpf steht mir die Musa nun wirklich nicht."
Kurz darauf waren die Pferde bereits wieder aufbruchbereit und der kleine Tross zog weiter. Rainfried führte sein Pferd neben die Grantelweiherin.
"Alma, verzeihe sie mir die Störung, aber wie ist es so am Sumpf zu leben?"
"Nich' das schönste Leben, das ich mir vorstell'n könnt, aber auskomm'n kann man schon. Wenn man sich dann noch einen guten Mann nimmt, der sich nich' zu fein is' die Hände schmutzig zu mach'n, dann find't man sogar hier das Fleckchen, das man Heimat nennen kann."
Die Grantelweiherin fixierte bei den Worten weiterhin den Weg, mit dem Stock vermeintlich unsichere Stellen abtastend.
"Wie sieht es aus? Hat sie schon ihren Mann gefunden, der sich die Hände schmutzig macht?"
Rainfried musste ob der Unbekümmertheit Almas lächeln.
"Japp, hab ich. Der gute Ferk is' schon seit...", sie begann an ihren Fingern abzuzählen, ".. ich glaub schon seit fuffzehn Götterläufen mein Augapfel. Und ich seiner, will ich hoff'n!"
Nun lächelte auch Alma.
"Das will ich auch für ihn hoffen, und freut mich für sie."
Rainfried musterte die Sumpfführerin etwas genauer.
"Wie sieht es mit dem finanziellen Auskommen aus?"
Auf Almas etwas fragenden Blick setzte er hinzu: "Habt ihr Geld sparen können für euch im Alter, und für eure Kinder?"
"Nich' viel, Herr, 'n paar Silber sinds vielleicht. Un' Kinner war'n uns noch nich' vergönnt. Lag aber nich' dran, dass wir's nich' versucht hätt'n."
Sie zuckte mit den Achseln.
"Aber das wird schon."
"Wenn sie nur durch Lehnsherr und Mann gebunden ist, was würde sie davon halten, auf zwölf Götterläufe von Abgaben befreit zu sein? Einzig einem Lehnsherrn unterstellt zu sein, um diesem bei dem Aufbau einer neuen Siedlung zu helfen? Es soll nicht ihr Schaden sein, und auch nicht der ihres Mannes. Ich selbst kenne mich hier nur wenig aus, und eine fähige Führerin und Kundige der anderen Gebiete um den Sumpf könnte ich excellent gebrauchen."
Rainfried blickte kurz zur Rahjageweihten.
"Und mit Rahjas Segen wird sich das mit den Kindern sicher auch leichter richten lassen, meinst du nicht, Madalein?"
Diese lächelte ebenfalls seit geraumer Zeit ob des Gesprächs.
"Verwechsele mir nicht Rahja mit Tsa, junger Ritter. Und an meiner Göttin hat es wohl nicht gelegen, wenn ich die gute Alma so reden höre. Der glückliche Ausdruck in ihren Augen spricht noch mehr als ihre Worte."
Alma konzentrierte sich wieder mehr auf den Weg, die Wangen nun für alle sichtbar deutlich gerötet.
"Ich weiß nich'. Ich kann ja nich' einfach so aus Grantelweiher wech."
"Das lasse sie nur mein Problem sein. Überlege sie es sich, es ist noch Zeit genug, bis sich entschieden hat, wer welche Siedlung neu gründet. Mein Angebot bleibt bestehen, und ich werde mit dem Vogt reden, ob er seine Zustimmung gibt, wenn es soweit ist."
Mit den Worten nickte er der Grantelweiherin nochmals zu und lenkte das Pferd wieder zurück in die Nähe des Vogtes, bereits überlegend, wie man diesen von der Unabdingbarkeit einer kundigen Moorbrückerin für das künftige Gut des Grimsauers überzeugen könnte.
„Man glaubt fast, bei den Angestellten des Vogtes hat schon der Ausverkauf begonnen“, raunte Roban Reto von Tarnelfurt zu, der dies mit einem verhaltenen Grinsen und einem Stoß in die Rippen des Koschtalers quittierte. Erst Edelbrecht von Borking, der die Dienerin Devota abwerben wollte, jetzt der Grimsauer, der sich Almas Dienste versichern wollte – wenn das so weiterging, würden dem Vogt wohl kaum noch Bedienstete verbleiben!
„Und was hältst du von dem zweiten Standort?“ wechselte Reto rasch das Thema, ehe Robans loses Mundwerk noch von jemand anderem vernommen wurde. Der Koschtaler hob kurz die Schultern.
„Ich bin unschlüssig. Von Ackerbau verstehe ich nicht viel, meine Familie baut Obst an, und Obstbäume kann man hier wohl kaum anpflanzen. Ansonsten würde mir ein Ort zusagen, der vielleicht ein wenig erhöht liegt, der im Fall der Fälle leicht verteidigt werden kann, oder eine Ruine wie das alte Gut des Mönchbachers, die man auf- oder zumindest ausbauen kann.“
Roban seufzte leise.
„Ich denke halt immer noch wie ein Soldat und nicht wie ein Gutsherr!“
„Das alles kann man erlernen oder einen Verwalter bestellen“, beruhigte Reto von Tarnelfurt. „Und mit ein wenig Geschick sollte es jedem von uns gelingen, seine Siedlung zu angemessener Größe zu führen.“
"So viele Hügel wird's im Sumpf wohl nicht geben!", mischte sich Boromil ein.
"Aber Lehmboden und eine Nähe zu Fluss und Wald, das ist schon nicht schlecht. Man würde sich wohl auch mit den Bragahner und Hammerschlager Nachbarn über gegenseitige Hilfe verständigen müssen - nicht nur bei Warenaustausch, sondern auch bei Gefahr."
"Ist doch Blödsinn!", fuhr nun Edelbrecht dazwischen. "Was für Kampfkraft erwartet Ihr denn von kleinen Weilern hinter der Baroniegrenze? Die Bauern dort können doch höchstens mit Knüppel und Sense umgehen und werden froh sein, wenn die Räuber oder sonstiges Kroppzeug uns und nicht sie überfallen!"
Das könnte stimmen, auch wenn es Boromil nicht gefiel. Dann kam ihm eine andere Idee.
"Und wenn wir Signalfeuer verwenden, so dass einer den anderen warnen kann? Mehrere Ritter richten mehr aus als nur einer."
Von Borking entgegnete: "Da muss ich drüber nachdenken."
Sein bevorzugter Standort VI wäre am Rande - etwas Unterstützung könnte er da wohl gebrauchen. Robans Gesicht hatte sich bei den Worten Boromils sichtlich erhellt.
„Ich finde die Idee großartig, allerdings sollte man eine zweite Alternative überlegen, immerhin ist es hierzulande sehr häufig neblig, ein Feuer müsste schon so groß sein wie Ingerimms Esse, damit man es im Nebel sehen kann! Aber ich denke auch, dass man für den Fall, dass eine Siedlung bedroht oder angegriffen wird, unsere und auch die Kräfte der Nachbarbaronien bündeln sollte, anstatt jeder für sich zu streiten. Außerdem sollte man die gute Traditionen der Landwehren auch in diesem Landstrich pflegen. In der Grafschaft Hügellande wissen viele Bauern durchaus auch Axt oder Armbrust zu führen, wenn sie sich gegen Bären, Schwarzpelze oder gar Tatzelwürmer wehren müssen! Gerade in einer Gegend wie dieser halte ich es für nahezu unabdingbar, auch den kleinen Bauern einige Grundbegriffe des Kampfes zu lehren, damit sie sich notfalls verteidigen können!“
Man konnte sehen, dass durchaus nicht alle mit Roban einer Meinung waren. Eine Landwehr, das bedeutete, einen Teil der Fronpflicht für die Ausbildung opfern zu müssen, einen Teil des Goldes für die benötigte Ausrüstung – Aufwand und Kosten, die ebenso gut in die Siedlung selbst fließen konnten anstatt in eine Wehrhaftigkeit, die man möglicherweise niemals wirklich benötigen würde.
Reto setzte eine etwas zweifelnde Mine auf, bei den Worten Robans. Bauern das Kriegshandwerk lehren? Das mochte Robans Weg sein, doch Reto sah gerade hier seine oberste Pflicht, seine Untertanen zu beschützen.
„Aber Roban, dann werden wir Ritter ja demnächst ohne Aufgabe da stehen, wenn sich unsere Bauern selbst jeder Gefahr erwehren können. Wollt ihr am Ende gar, das wir dann unser Schwert gegen Pflugscharen tauschen?“
Reto grinste.
„Verzeiht mir die spöttischen Worte, Ritter Roban, die Begleitung einer Rahjageweihten hebt meine Stimmung. Nur sehe ich in eurem Vorschlag nicht den Weg, den Therbunja gehen wird, zumindest nicht in der ersten Zeit. Die Zeit wird uns zeigen, wer den richtigen Weg gewählt hat.“
Die Gegend wurde unwirtlicher, mehr und mehr Sumpf und Moorlöcher waren zu sehen, dichte Mückenschwärme tanzten wie Plagen in der fauligen Luft, bald musste man den dritten Standort erreicht haben. Reto war immer noch gespannt, welche Besonderheit diesen Bauplatz mitten Moor ausgezeigt hatte, um als Siedlungsplatz bestimmt zu werden.
Die Wege schienen es jedenfalls nicht zu sein. Dunstschwaden machten es schwer den Boden auszumachen, so dass man immer wieder in schlammige Pfützen watete. Bolzer und Alma tasteten mit ihren Stäben gekonnt gangbare Pfade ab. Man war nun mitten im Sumpf ... es war nicht schwer sich vorzustellen, wie verloren ein Wanderer ohne kundigen Führer hier sein würde.
Das Praiosmal sank immer tiefer und der Himmel brannte in schmutzig-braunem Abendrot. Die langsame Anreise hatte mehr Zeit gekostet als erhofft ... wenn man nicht bald den dritten Standort erreichen würde, wäre man gezwungen durch die dunkle Nacht zu reisen oder hier mitten im Sumpf zu rasten. Das würde schwierig, wenn nicht unmöglich sein, ohne einen trockenen Grund – und der schien sich nicht abzuzeichnen. Nicht nur Vogt Morwald wirkte angespannt und ungeduldig angesichts dieser beunruhigenden Aussicht.
Langsam entzündete die Gruppe ihre mitgebrachten Laternen und tauchte die Szenerie in ein gespenstisches Licht.